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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.09.2014

Kleines Wörterbuch des KriegesBürgerkrieg

Von Barbara Sichtermann

Zerstörte Gebäude und Fahrzeuge in der Nähe von Aleppo (dpa / picture alliance / Sana Handout)
Bürgerkrieg in Syrien: Zerstörte Gebäude und Fahrzeuge in der Nähe von Aleppo (dpa / picture alliance / Sana Handout)

Menschen, die friedlich miteinander lebten, schlagen sich plötzlich die Köpfe ein: Das ist Bürgerkrieg. Gerade dieser Krieg ist kaum zu rechtfertigen - gespeist wird auch er von Machtinteressen und nicht durch ethnische oder religiöse Differenzen.

Er sei der Vater aller Dinge, er sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln: So haben Philosophen und Strategen über den Krieg gesprochen. Man hört da eine Bereitschaft heraus, sich der Notwendigkeit zu stellen, auf Gedeih und Verderb loszuschlagen. Krieg war immer in der Welt, und so haben die Menschen versucht, moralisch und praktisch mit ihm zu leben. Sie haben Feldherren zu Staatsoberhäuptern gekürt, Straßen nach ihnen benannt und Denkmäler für sie aufgestellt. Sie haben ihren Kriegshelden Glanz verliehen. Sie haben die Opfer geehrt durch ewige Flammen, Schweigemärsche, Gedichte und Orchesterwerke.

All dies gilt nicht für den Bürgerkrieg. Ihn zu rechtfertigen ist fast nicht möglich. Er ist die eigentliche Katastrophe in der Geschichte der Menschheit. Während ein Land, in das fremde Heere einfallen, selbstverständlich seinerseits zu den Waffen greifen darf, fällt die Antwort auf die Frage: Gibt es einen gerechten Bürgerkrieg, verdammt schwer. Und doch findet er immer wieder statt. "Bürgerkriegsähnliche Zustände" erleben wir zur Zeit in Syrien, in der Ukraine, im Irak, wir sahen sie im zerfallenden Jugoslawien, in mehreren afrikanischen Staaten. Werden wir, werden die Überlebenden Weihestunden anberaumen, um der Gefallenen zu gedenken? Wahrscheinlich eher nicht. Der Bürgerkrieg hat keine Aura, keine Musik, keinen Glanz, ihm mag niemand ein Gedicht widmen. Stattdessen fragt die Menschheit: Wie kann das sein? Gestern noch lebten sie friedlich Tür an Tür, und heute schlagen sie einander den Schädel ein.

Schaut man näher zu, so erkennt man, dass auch im Bürgerkrieg Machtinteressen zur gewaltförmigen Austragung drängen. Insofern sind sie von den Kriegen, in denen ein Land gegen das andere zu Felde zieht, gar nicht so verschieden. Wenn Russlands Präsident sein Reich in die Grenzen, welche einst Zarin Katharina II zog, ausdehnen will, tut er gut daran, beim Nachbarn eine Zwietracht anzufachen, und schon geht's los mit der Wut des Bürgers auf den Mitbürger. Religiöse und ethnische Differenzen sind bei solchen Strategien besonders beliebt, der Andersgläubige kann zum Feind werden, also zündet man besser gleich sein Haus an. Dem Machthaber und Strippenzieher ist die Religion meist egal. Was er anstrebt, ist eine Destabilisierung, die Machtzuwachs verspricht. Jeder glaubt, dass es beim amerikanischen Bürgerkrieg 1861-65 um die Abschaffung der Sklaverei ging. War das wirklich so? Präsident Lincoln führte den Krieg, um die Abspaltung des Südens zu verhindern, um Amerikas Einheit zu retten. Die Sache mit der Sklaverei, mit der Religion, mit den Ethnien ist eher eine Ideologie, eine Emotionalisierungsstrategie. Dahinter stecken immer Machtinteressen, auch beim Bürgerkrieg.

Mehr zum Thema:

Enzyklopädie - Kleines Wörterbuch des Krieges (Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 08.09.2014)

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