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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 13.10.2010

Kleine Kaiser ohne Frau

Die Folgen der Ein-Kind-Politik in China

Von Ruth Kirchner

Viele Chinesen wachsen ohne Geschwister auf (AP)
Viele Chinesen wachsen ohne Geschwister auf (AP)

Die rigide staatliche Bevölkerungspolitik hat große Hungersnöte verhindert, aber zu einer demografischen Schieflage geführt. Jetzt herrscht in manchen Regionen Chinas Frauenmangel und viele Einzelkinder müssen das Teilen lernen.

Yang Zhizhu spielt mit seinen Töchtern. Yang Ruoyi ist viereinhalb, die kleine Yang Ruolan gerade erst acht Monate alt. In der Dreizimmerwohnung, wo der Hochschullehrer mit seiner Frau, den beiden Kindern und seinem alten Vater lebt, ist es eng. Die Wäsche trocknet auf dem verglasten Balkon, im Flur steht ein Kinderfahrrad, Yang selbst arbeitet an einem winzigen Schreibtisch in einem der voll gestellten Schlafzimmer.

Eigentlich wären die Yangs eine ganz normale Familie. Aber weil sie zwei Kinder haben, also gegen die Ein-Kind-Politik verstoßen haben, wurden sie bestraft. Im März dieses Jahres wurde Yang Zhizhu von seinem Job als Rechtsdozent an einer Universität im Pekinger Haidian-Bezirk suspendiert:

"Nachdem ich nicht mehr unterrichten durfte, haben sie mein Gehalt gekürzt. Im August folgte eine zweite Gehaltskürzung. Jetzt bekomme ich nur noch 960 Yuan im Monat, also 105 Euro, nach allen Abzügen bleiben mir 40 Euro übrig. Anfang September wurde mir der Bußgeldbescheid für mein zweites Kind zugestellt, über 26.000 Euro."

Von den Behörden wird die Strafe als "Gebühr für die sozialen Kosten der Kinderaufzucht" bezeichnet. Schließlich belasteten die ungeplanten Kinder die gesamte Gesellschaft. Das sei lächerlich, kritisiert Yang - schließlich seien es immer noch die Eltern, die die Kinder großziehen und nicht der Staat. Doch wenn Yang nicht zahlt, drohen ihm empfindliche Folgen. Er könnte seinen Job endgültig verlieren:

"Ich plane jetzt einen Einspruch gegen den Bescheid der Familienplanungskommission. Sonst könnten sie demnächst meinen Besitz pfänden oder mich aus der Wohnung vertreiben."

Der Fall von Yang Zhizhu ist zugleich ungewöhnlich und typisch für China. In Städten wie Peking mit rund 20 Millionen Einwohnern ist die Familienplanungspolitik streng. Doch in anderen Regionen gelten oft andere Regeln. Insgesamt ist die Ein-Kind-Politik, vor 30 Jahren eingeführt, widersprüchlicher als oft angenommen wird. Auf dem Land, wo immer noch die Mehrheit der Chinesen lebt, dürfen Paare ein zweites Kind haben, wenn das erste ein Mädchen ist. Damit soll der traditionellen Vorliebe für männliche Nachkommen Rechnung getragen werden. Auch Angehörige der ethnischen Minderheiten dürfen mehr als ein Kind haben. Und in Metropolen wie Shanghai dürfen Paare ein zweites Kind haben, wenn beide Eltern Einzelkinder sind. Professor Ren Qiang, Bevölkerungsexperte an der Universität Peking, sagt, man müsse die regionalen Besonderheiten berücksichtigen:

"Chinas Familienplanungspolitik ist keine einheitliche Politik, sondern ausgesprochen kompliziert und vielschichtig - je nach Region, Bevölkerungsgruppe und ethnischem Hintergrund. Bislang leben nur 46 Prozent der Chinesen in Städten. In den entwickelten Regionen im Osten sind die Regelungen meist strenger als anderswo. Ich denke, letztendlich betrifft die Ein-Kind-Politik weniger als 40 Prozent der Bevölkerung."

Doch vom Prinzip der Ein-Kind-Politik weicht die Regierung weiterhin nicht ab. Ohne die Ein-Kind-Politik gäbe es heute in China 400 Millionen Menschen mehr - und der Kampf gegen Armut und Hunger hätte längst nicht so erfolgreich geführt werden können, hieß es erst dieser Tage wieder zum 30-jährigen offiziellen Jubiläum der Familienplanungspolitik. "Wir werden diese Politik auch in den kommenden Jahrzehnten beibehalten", sagt Li Bin, Chefin der mächtigen nationalen Familienplanungskommission. Den gesamtgesellschaftlichen Zielen habe sich der Einzelne unterzuordnen:

"Wir wollen das Ziel eines bescheidenen Wohlstands für alle erreichen und bis zum 100. Geburtstag der Volksrepublik - also in 40 Jahren - die Modernisierung Chinas verwirklichen. Diese Ziele kann man nicht vom Bevölkerungswachstum trennen. Die Wirtschaftsentwicklung ist wie das Kuchenbacken. Wir müssen die Zahl der Leute, die den Kuchen essen, unter Kontrolle halten und langsam wachsen lassen."

Doch die Diskussion, ob die Einmischung des Staates in die privaten Angelegenheiten der Menschen eigentlich noch zeitgemäß ist, hat auch in China längst begonnen. Zu offensichtlich sind in Städten wie Peking, aber auch auf dem Land, die Folgen der strikten Familienplanungspolitik.

In den Pekinger Parks sieht man sie überall: die 4-2-1-Familien, also ein Kind, zwei Eltern, vier Großeltern. Die verwöhnten Einzelkinder haben selbst in China einen schlechten Ruf, sie gelten als egoistisch und unsozial. Für die Erziehung hat die Ein-Kind-Politik sichtbare Folgen, sagt die Pekinger Kindergärtnerin Wu:

"Im Kindergarten fördern wir nun Aktivitäten, bei denen geteilt werden muss. Diese Aktivitäten dauern täglich immer so 20 bis 30 Minuten. Montags sollen die Kinder zum Beispiel ihr Lieblingsspielzeug, ihr Lieblingsessen oder ihr Lieblingsbuch mitbringen und das sollen sie dann mit den anderen teilen."

Bevölkerungsexperten sehen aber ein mindestens ebenso dramatisches Problem auf China zurollen: die rasche Vergreisung. Denn nach Berechnungen von Experten der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, einem think tank, der direkt der Regierung unterstellt ist, ist die Geburtenrate, also die durchschnittliche Zahl der Kinder, die eine Frau im Laufe ihres Lebens zur Welt bringt, deutlich geringer, als die Regierung bisher angenommen hat. Seit über einem Jahrzehnt gibt Peking die Geburtenrate mit 1,8 Kindern an. Tatsächlich aber liegt die Rate wohl eher bei 1,6 oder sogar darunter. Die geringe Abweichung der Stellen hinter dem Komma bedeutet in der Praxis, dass China viel schneller altern wird als bislang angenommen, sagt Professor Ren Qiang:

"In zehn oder 20 Jahren wird Chinas Bevölkerung dramatisch sinken. Die Überalterung wird ein ernsthaftes Problem. Wenn die Geburtenrate zu weit sinkt, werden wir in der Zukunft massive Probleme haben. Wir Wissenschaftler hoffen alle, dass die Regierung die Geburtenkontrolle aufheben würde. Aber dort ist man der Ansicht, wir bräuchten diese Politik weiterhin."

Mit der Überalterung sinkt das Angebot an billigen Arbeitskräften, das China zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen ließ. Aber auch die sozialen Folgen bereiten den Wissenschaftlern Kopfzerbrechen: Das Krankenversicherungssystem in China ist völlig unzureichend, das Rentensystem gerade auf dem Land kaum ausgebaut. Und wer soll sich um all die alten Menschen kümmern, die in der Volksrepublik traditionell von ihren erwachsenen Kindern betreut werden?

Langfristig muss China die Ein-Kind-Politik weiter lockern, fordern die Experten und fragen sich aber auch bereits, ob das überhaupt noch den gewünschten Effekt haben wird. Denn nicht nur die Ein-Kind-Politik, sondern auch die Urbanisierung, die Globalisierung und der wachsende Wohlstand haben die Menschen verändert. In Shanghai, wo man erwachsene Einzelkinder heute ermutigt, mehr als ein Kind in die Welt zu setzen, wollen die meisten Paare keine zwei oder drei Kinder mehr. Die Abstriche beim Lebensstandard, die größere Familien hinnehmen müssen, sind vielen einfach zu groß, sagt Professor Ren:

"Im Zuge der Globalisierung gleichen sich die Kulturen und Lebensstile an. Die Kosten, Kinder großzuziehen, steigen immer weiter. Die Menschen heute wollen ihre eigenes Leben führen und nicht nur für die Kinder da sein. Die Werte in China sind heute ähnlich wie in Europa und den USA."

Und den Beweis dafür liefern nicht die großen Metropolen wie Peking oder Shanghai, sondern ausgerechnet der Landkreis Yicheng in der Kohleprovinz Shanxi. Dort nämlich dürfen die Menschen schon seit Jahren mehr Kinder haben. Der Landkreis wurde schon vor 25 Jahren von der Ein-Kind-Politik ausgenommen. Hier wollte man ausprobieren, was passiert, wenn man den Menschen erlaubt, mehr Kinder in die Welt zu setzen.

Die 36-jährige Chen Yanli singt mit ihrer Tochter ein Kinderlied. Im Nebenraum schläft der Sohn. Chen Yanli und ihr Mann sind beide in Yicheng groß geworden. Er arbeitet heute in einer Fabrik. Sie kümmert sich um die Kinder und baut auf einem kleinen Stück Land Gemüse an. Die Landwirtschaft ist für die ehemaligen Bauern heute nur noch Nebenerwerb. Die Familie hat sich einen bescheidenen Wohlstand erwirtschaftet. Ihr Haus haben sie gerade renoviert. Im Wohnzimmer steht ein neuer Fernseher. Nach der Heirat bekam Chen das erste Kind, erzählt sie. Doch die Entscheidung für das zweite ist ihr und ihrem Mann nicht leicht gefallen:

"Anfangs wollten wir gar kein zweites Kind. Wir hatten ja nicht so viel Geld. Aber ein Einzelkind ist doch ein bisschen einsam, daher haben wir ein zweites bekommen. Doch mehr Kinder wollen wir auf keinen Fall, das ist zu teuer, das können wir uns nicht leisten. Zwei Kinder sind genug."

Schon jetzt spart Chen für die Zukunft ihrer Tochter. Denn sollte die kleine Cheng Jia irgendwann den Sprung auf die Universität schaffen, müssen die Eltern für die Studiengebühren aufkommen. So wie Chen Yanli geht es den meisten Familien im Kreis Yicheng. Sie dürfen mehr als ein Kind haben, aber schon beim zweiten geraten viele ins Grübeln. Auch Liu Wenxue. Der 44-jährige Stahlarbeiter hat zwei Söhne, 13 und 17 Jahre alt:

"Die Gesellschaft entwickelt sich so schnell, als Eltern spüren wir die Belastung. Es geht vor allem darum, die Ausbildung der Kinder zu finanzieren. Meine beiden Söhne sind wohlerzogen, aber 60 bis 70 Prozent unserer Ausgaben sind allein für ihre Bildung."

Insgesamt ist die Bevölkerung in Yicheng in den letzten Jahren langsamer gewachsen als im Rest der Provinz. Allerdings gibt es auch in Yicheng immer noch Beschränkungen. Junge Familien werden ermutigt, mit dem Kinderkriegen zu warten. Und nach dem zweiten Kind ist auch in Yicheng Schluss, sonst drohen drastische Geldstrafen. Aber eine andere Anomalie der Ein-Kind-Politik, die überall sonst in China für Probleme sorgt, fällt in Yicheng weg, sagt Wu Baotong vom örtlichen Familienplanungsverband:

"Das Geschlechterverhältnis ist bei uns ausgeglichen und das seit 25 Jahren. Im internationalen Durchschnitt kommen auf 100 Mädchen 103 bis 107 Jungen. Genauso ist es bei uns in Yicheng. In anderen Gegenden Chinas ist das Verhältnis 100 Mädchen zu 119 Jungen manchmal bis zu 130."

Das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern führt in anderen Teilen Chinas mittlerweile dazu, dass immer mehr Frauen entführt und zwangsverheiratet werden. Es gebe in China nicht mehr genügend Frauen im heiratsfähigen Alter, hieß es kürzlich in einem Bericht der Global Times. Seit April 2009 habe die Polizei mehr als 10.000 entführte Frauen befreit. Auch kleine Kinder werden immer wieder in China gekidnappt, vor allem Jungs. Sie werden an kinderlose Ehepaare verkauft, die Frauen an Familien, die ihre Söhne verheiraten wollen.

Auf einem Spielplatz in der Kreisstadt Yicheng toben Kinder herum, Jungs und Mädchen. Viele sind Einzelkinder, andere haben einen Bruder oder eine Schwester. Die Gemeinde ist stolz auf ihr Pilotprojekt. Eigentlich, findet Wu Baotang, könnte man das doch auf ganz China ausdehnen:

"Nach 25 Jahren Zwei-Kind-Politik in Yicheng finde ich persönlich, dass diese Regelungen eigentlich gut zu China passt und auch den Kinderwünschen der einfachen Leute entspricht. Die Politik und die Wünsche der Menschen stimmen überein."

Aber natürlich könne er über eine Ausweitung des Projekts nicht bestimmen, fügt Wu schnell hinzu. Das sei eine Entscheidung der Regierung in Peking. Experten gehen davon aus, dass China - wenn überhaupt - nur in kleinen Schritten die Politik der Geburtenkontrolle ändern dürfte. Schon um kritische Fragen zu vermeiden, etwa ob die jahrzehntelangen drastischen Strafen eigentlich notwendig waren, so wie die in den 80-er und 90-er Jahren üblichen Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen. Dabei sei es eigentlich schon aus Gründen der Gleichbehandlung der Menschen notwendig, die Politik weiter zu lockern, sagt Professor Ren von der Peking Universität:

"Es ist ja jetzt schon in vielen Gegenden üblich, dass Familien zwei Kinder haben. Dort, wo die wirtschaftliche Entwicklung schon sehr weit ist, könnte man die Beschränkungen sowieso aufheben. Dort wollen viele ja gar kein zweites Kind. Und aus Sicht der Menschenrechte und der Gleichbehandlung sollte gleiches für alle gelten. Es ist unfair, unterschiedliche Regelungen auf verschiedene Gruppen anzuwenden."

Aber die Ungleichbehandlung dürfte sich eher noch verstärken. Im südchinesischen Guangdong denken die Familienplaner laut darüber nach, die Geburtenkontrolle zu lockern. Das Wirtschaftsmagazin Caijing berichtete kürzlich, dass man in fünf Provinzen Pilotprojekte starten wolle. Auch Familien, in denen nur ein Ehepartner ein Einzelkind ist, solle dann zwei Kinder erlaubt werden.

Yang Zhizhu, dem vom Dienst suspendierten Rechtsdozent aus Peking, nützt all das wenig. Weder er noch seine Frau sind Einzelkinder, daher gelten etwaige Ausnahmeregeln für sie nicht. Er lebt in Peking, wo die Ein-Kind-Politik besonders strikt gehandhabt wird. Und er hat sich öffentlich gegen die Bestrafung gewehrt. Zuletzt mit einer öffentlichen Performance, bei der er sich selbst als Sklavenarbeiter versteigern wollte, um das Geld für das Bußgeld zusammenzubekommen. All das hat die Behörden weiter gegen ihn aufgebracht - und im Gegenzug ihn in seinem Kampf gegen die Behörden bestärkt. Die Ein-Kind-Politik, schnaubt er wütend, sei böse und menschenverachtend:

"Kinder zu haben, das ist wie essen, das ist ein Grundbedürfnis der Menschen und wir brauchen keine Gesetze, die das regulieren."

Aber noch ist China nicht so weit. Noch hält Peking an der Ein-Kind-Politik fest - mit all ihren Ungerechtigkeiten und den noch unabsehbaren sozialen und wirtschaftlichen Folgen.

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