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Religionen / Archiv | Beitrag vom 29.10.2011

Klein, aber rege

Die Kirche der Waldenser in Italien

Von Thomas Migge

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Am Stadtrand von Mailand - weitab vom prächtigen Dom - haben die Waldenser im Sommer erstmals zwei Männer kirchlich getraut. (picture-alliance / dpa)
Am Stadtrand von Mailand - weitab vom prächtigen Dom - haben die Waldenser im Sommer erstmals zwei Männer kirchlich getraut. (picture-alliance / dpa)

Italien ist eigentlich durch und durch katholisch. Doch auch dort gibt es Protestanten, Waldenser genannt. Die sind zwar eine verschwindend kleine Minderheit – aber gesellschaftlich doch immer wieder im Blick. Denn die Religionsgemeinschaft sieht sich als Kämpferin für religiöse Freiheit, für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, homosexuelle Partnerschaften und einen selbst bestimmten Tod.

Eine moderne Kirche am Mailänder Stadtrand. Giuseppe Platone, Geistlicher der Waldenserkirche, erinnert in seiner Predigt daran, dass Jesus Christus alle Menschen, alle ohne Ausnahme, liebt.

Eine Trauung wird gefeiert. Doch in der ersten Reihe vor dem Altar sind nicht ein Mann und eine Frau als Brautpaar zu erkennen. Da sitzen zwei Männer, Ciro und Guido, der eine um die 55 Jahre, der andere einige Jahre jünger. Sie lächeln sich bei den Worten des Geistlichen an.

Ein Countertenor singt, begleitet von der Orgel, und die Eltern der beiden Männer sind den Tränen nahe. Waldenserpastorin Anna Zell vollzieht schließlich die Trauung. Dabei hält sie ihre Hände auf die gesenkten Köpfe der beiden Männer. Pastor Platone feiert dann die Eucharistie.

Unter dem begeisterten Applaus aller Anwesenden verlassen die frisch Getrauten die Kirche. Draußen warten Paparazzi und Journalisten - denn in der Waldenserkirche in Mailand wurden nicht nur zwei Menschen gleichen Geschlechts getraut, sondern vor allem ein Zeichen gesetzt: Gegen die italienische Regierung und die katholische Kirche Italiens, die sich beide vehement weigern, die Beziehungen und Trauungen zwischen Gleichgeschlechtlichen rechtlich anzuerkennen, wie Waldenserpriester Giuseppe Platone beklagt:

"Ich glaube an eine Kirche, die Kommunion erzeugt, die nicht exkommuniziert, die die Menschen nicht trennt. Was wir heute vollzogen haben, ist nicht gegen irgendjemanden gerichtet, gegen keine andere Kirche. Wir wollen auch nicht die Rechte der sogenannten 'normalen' Familien antasten. Ich bin selbst verheiratet und habe zwei Kinder"

Bereits im Jahr 2010 hatten die italienischen Waldenser auf ihrer Synode die Möglichkeit der kirchlichen Eheschließung für homosexuelle Paare einstimmig beschlossen. Aber erst Ende Juni dieses Jahres wurde dieser Beschluss in die Tat umgesetzt. Eine Entscheidung, die vom Vatikan in Rom wie ein Schlag ins Gesicht empfunden wurde. So hieß es nach dem Trauungsakt in Mailand inoffiziell aus dem Vatikan, dass nach so einem Schritt an eine Vertiefung der Beziehungen zwischen beiden Kirchen im ökumenischen Sinn vorerst nicht zu denken sei – woran die Waldenser auch gar nicht besonders interessiert zu sein scheinen. Eine Einstellung, die bei immer mehr Italienern gut ankommt.

Ein Beleg für diese Entwicklung ist das Kirchensteueraufkommen der Waldenserkirche. Anders als in Deutschland wird die Kirchensteuer in Italien nicht automatisch vom Gehalt einbehalten, sondern jeder Bürger gibt auf seiner Steuererklärung mit einem Kreuzchen an, welcher Kirche er 8 Promille seines Steueraufkommens zukommen lassen möchte. Seit zwei Jahren geben mehr Italiener ihre Kirchensteuern den Waldensern, als diese Kirche Mitglieder hat.

Ein Phänomen, das nicht verwunderlich ist, meint Paolo Ricca, Theologe an der römischen Waldenserfakultät:

"Man vertraut uns, weil wir eine komplett transparente Verwaltung des Geldes haben, das wir aus Kirchensteuern erhalten. Wir sind die Einzigen in Italien, die, Euro für Euro, genau angeben, was mit den Kirchensteuern geschieht. In diesem Jahr waren das zwölf Millionen, im letzten zehn. Und: Unsere Kirchensteuern gehen zu 100 Prozent in Sozial- und Kulturprojekte, die nicht an irgendwelche konfessionelle Bedingungen gebunden sind."

Mit dieser Haltung kommen die Waldenser bei den Italienern gut an – genauso wie mit ihrem entschiedenen Einsatz für das Recht auf einen selbstbestimmten Tod, für mehr Rechte für Einwanderer in Italien und für mehr Ökumene. Mit solchen Positionen sind die Waldenser zum exakten Gegenpol der katholischen Kirche Italiens geworden.

Paolo Ricca: "Wir sind keine Antikirche, sondern vielmehr eine Alternativkirche. Wir verstehen uns aber nicht als Alternative zur katholischen Kirche, sondern nur zu ihrer römischen Hierarchie."

Das Vorpreschen der kleinen protestantischen Religionsgemeinschaft mit nur rund 35.000 Mitgliedern bei sozialpolitischen und ethischen Themen sorgt im Vatikan für Verärgerung. Aber die Art und Weise wie die Waldenser zum Beispiel die Anliegen jener Bürger unterstützen, die sich - in offenem Widerspruch zur katholischen Kirche und zur italienischen Gesetzgebung – für ein humanes und selbst bestimmtes Sterben starkmachen, begeistert viele Italiener. Auch jene, die keine Waldenser sind, wie diesen jungen römischen Katholiken:

"Die leben ein Christentum vor, bei dem es um die Annahme aller Menschen geht, ein Christentum der Liebe, der Toleranz. Mich bewegt das sehr, wie diese Kirche sich verhält!"

Im Unterschied zu anderen Religionsgemeinschaften in Italien scheuen sich Waldensergeistliche und -theologen auch nicht, bei öffentlichen Veranstaltungen aufzutreten. Wie zum Beispiel der Theologe Daniele Garrone, der, wie hier auf der römischen Piazza Farnese, gegen die Hörigkeit der Regierung Berlusconi gegenüber der katholischen Kirche wettert.

Auch bei den rechten Parteien ecken die Waldenser an. Vor allem bei der ausländerfeindlichen Regierungspartei Lega Nord, verteidigen sie doch das Prinzip der religiösen Freiheit – auch für Muslime und andere in Italien lebende Religionsgruppen. So unterstützen die Waldenser auch die jüngste Entscheidung des neuen linken Bürgermeisters von Mailand, der für jedes Stadtviertel, in dem Muslime leben, eigene Moscheen fordert. Dass die Waldenser ihre Kirchen auch Andersgläubigen, die keine eigenen Orte für religiöse Zeremonien haben, zur Verfügung stellen, wird von den rechten Parteien und auch vom Vatikan als Unding bezeichnet.

Gelebtes Christentum, meint Theologe Paolo Ricca zu dieser Kritik, dürfe nichts mit religiöser Engstirnigkeit zu tun haben:

"Wir sind eine Glaubensgemeinschaft, die versucht, an sozialen Brennpunkten tätig zu sein. Wir wollen nicht zurückgezogen in unseren Sakristeien leben. Wir wollen in unserem Land präsent sein, politisch, sozial und kulturell."

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