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Religionen / Archiv | Beitrag vom 26.04.2015

KleiderfragenEin scheinbar jüdischer Hut

Von Michael Hollenbach

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 Hüte im Wandel der Zeit zeigt am 12.06.2014 im LVR-Industriemuseum in Ratingen die Ausstellung "Chapeau". Zu sehen sind bis zum 19.04.2015 über 200 Hüte und andere Kopfbedeckungen im modischen Wandel der Zeit. (dpa / Roland Weihrauch)
Hüte im Wandel der Zeit (dpa / Roland Weihrauch)

Gerhard Begrich ist pensionierter Pfarrer aus Berlin, mit einem langen weißen Bart. Er trägt immer schwarze Kleidung – einen so genannten Russenkittel - und seit 25 Jahren einen schwarzen Hut. Das provoziert ganz erstaunliche Reaktionen.

Alles begann aus einer Laune heraus. Einen Tag vor seinem 45. Geburtstag kaufte sich Gerhard Begrich einen Hut, obwohl er bis dahin nie eine Kopfbedeckung trug. Dass er seitdem ausgerechnet diesen schwarzen Hut trägt, ist eher ein Zufall: Es habe in dem Hutladen eben nur der eine richtig gepasst.

"Das ist ja keine Melone. Was das für ein Hut ist, das habe ich erst in Siebenbürgen erfahren. Da hatte ich Gottesdienst mit einem Pfarrer zusammen und da sagte der: 'Wenn Sie Ihren Halbzylinder aufsetzen, dann mache ich das auch.'"

Denn der Halbzylinder ist die offizielle Kopfbedeckung der Geistlichen bei den Siebenbürger Sachsen. Mit dem schwarzen Hut, der schwarzen Kleidung und dem langen grauen Bart wird Gerhard Begrich von vielen als religiöser Mensch eingeordnet. Oft wird er zum Beispiel im Zug einfach so angesprochen.

Sind Sie religiös?

"Dass Leute bei mir sitzen und gucken und fragen: Sind Sie religiös? Dann sage ich: Ja. Kann ich Sie mal was fragen? Und dann gibt es ganz viele Gespräche, die ich sonst nie führen würde, wenn ich nicht so aussehen würde."

Der lebenslustige Pfarrer ist ein großer Liebhaber Israels. Schon mehr als 40 Mal war er in dem für Juden, Christen und Muslime so heiligen Land. Vor allem Jerusalem besucht er oft. Dort wollte ihn einmal die Militärpolizei mit auf die Wache nehmen, da er sich nicht ausweisen konnte:

"Auf einmal kam ein Mann aus einem Seitengässchen, der sagte: Den können Sie ruhig gehen lassen, den kenne ich schon seit Jahren, der ist immer in Israel, den kenne ich gut. Ich hatte den vorher noch nie gesehen."

Begrich ist  – dank Hut, Bart und schwarzer Kleidung - in Jerusalem offenbar bekannt wie ein bunter Hund.

"In Israel hält man mich nie für einen Juden, die reden mich auch an mit Vater, die halten mich für einen orthodoxen Priester. Das machen die Juden und die Moslems, aber nicht die Christen, die Christen denken, ich bin doch ein Jude."

In Deutschland wird der evangelische Pastor von Christen wie Nicht-Christen meist als ein Jude eingeordnet:

"Ich sitze in der S-Bahn. Sagt einer zu mir: „Mensch, was machen Sie, wenn die Nazis kommen?!" Frag ich: „Und Sie?" Sagt er: „Wieso ich, ich bin doch kein Jude!"

Sprachloses Entsetzen und Kindermund

25 dieser kleinen Hutgeschichten hat Gerhard Begrich für seine Enkeltochter Johanna aufgeschrieben. Manche Geschichten sind schwer erträglich:

Ich komme aus Jerusalem. Fliege nach Berlin, steige am Ostbahnhof um. Warte auf die S-Bahn, kommt ein wohlgekleideter junger Mann auf mich zu und fragt vorsichtig: "Sie sind doch Jude, oder? Man sieht doch sonst keinen." "Ich komme gerade aus Jerusalem ..." "Gut", sagt er. "Darf ich Sie etwas fragen?" "Ja", sage ich – und habe etwas Angst wegen meines sichtlichen Betrugs. "Gut. Was ist der Unterschied zwischen einem dicken und einem dünnen Juden?" Ich stehe verwirrt. Schweige. "Nun", sagt er: "Der dicke brennt länger! Willkommen in der Reichshauptstadt! Und geht lachend davon. Ich stehe angewurzelt noch lange. Stumm. Sprachlos. Entsetzt.

Aber Gerhard Begrich schreibt auch über ganz andere Begegnungen:

In einem Zug
irgendwo in Deutschland:
Ein kleines Kind
schaut mich nachdenklich an,
ganz leise
und sehr lange.
Es zupft an meiner Hose:
"Bist du der Weihnachtsmann?"

Der Theologe hat einige Jahre an der Berliner Humboldt-Universität Hebräisch unterrichtet. Und er spricht ein wenig Arabisch:

"Einmal hat mich was Merkwürdiges gerettet. Da saß ich in der Straßenbahn, und dann kam eine Gruppe sehr alkoholisierter Leute, und einer kam einer auf mich zu, deutlich erkennbar sprachen sie Arabisch. Der kam auf mich zu und hatte eine Flasche in der Hand, der wollte mir nichts zu trinken geben, sondern sie mir wahrscheinlich auf den Kopf hauen, und dann habe ich – das war wahrscheinlich eine Eingebung des Himmels – habe ich den Beginn des Korans zitiere auf Arabisch. Der guckte mich groß an, drehte sich um und dann kriegte mein Nachbar die Flasche auf den Kopf."

Kein Typ für Anzug und Krawatte

Er sei kein Typ für Anzug und Krawatte, meint der hochgewachsene schlanke Mann. Den schwarzen Russenkittel trägt er vor allem aus pragmatischen Gründen.

"Ich finde, da sieht man immer anständig aus. Und so, wie ich mit meiner Kleidung rumlaufe, da kann ich zu einer Beerdigung gehen oder zu einer Hochzeit – mit Leuten heulen und mit Leuten tanzen und muss mich nicht umziehen."

Im Lauf der Zeit habe er ein ambivalentes, ja fast dialektisches Verhältnis zu seinem Aussehen entwickelt, sinniert Begrich.

"Kleider machen Leute, da hat Gottfried Keller etwas sehr Schönes beobachtet, die Kleidung ist ein Ausdruck der Sehnsucht für einen selbst, und auf einmal bestimmt einen die Kleidung auch."

Mittlerweile kann er sich ein Leben ohne Kopfbedeckung kaum noch vorstellen.

"Die Eitelkeit, die ich mal hatte, ist ja geschwunden, aber wenn ich den Hut nicht mehr tragen würde, käme ich mir vor, als würde ich meine Beziehung zu Israel und zum Judentum verraten. Jetzt könnte ich ihn nicht mehr absetzen. Dann fragen alle:  Warum hast du denn keinen Hut mehr auf? Und das ist noch viel schlimmer."

Mehr zum Thema:

Hut-Museum im Allgäu - "Die Kulturgeschichte der Kopfbedeckung"
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 12.12.2014)

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