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Tonart | Beitrag vom 05.08.2016

Klaus Voormann über 50 Jahre "Revolver""Ich hätte lieber das Geld gekriegt"

Von Tobias Ruhland

Eine Briefmarke der Royal Mail zeigt das Cover des Beatles-Albums "Revolver". (picture alliance / dpa / Royal Mail)
Eine Briefmarke der Royal Mail zeigt das Cover des Beatles-Albums "Revolver". (picture alliance / dpa / Royal Mail)

1967 erhielt Klaus Voormann für "Revolver" den Grammy in der Kategorie "Bestes Album-Cover". Von den Beatles selbst bekam er damals gerade mal 50 Pfund. 50 Jahre nach der Veröffentlichung des Albums veröffentlicht der heute 78-Jährige nun eine Graphic Novel mit kuriosen Geschichten rund um die Entstehung des "Revolver"-Bildes. Ein Atelierbesuch.

Mitten in dem garagengroßen Atelier von Klaus Voormann steht ein Verstärker, an den er gerade seine Vootar angeschlossen hat. Voormanns Erfindung:

"Vootar…Vormann. V-o-o. Und dann Guitar. Weggelassen. Nur das T-a-r am Ende. Vootar. Ein 8-seitiges Instrument. Das hat die ganze Bandbreite von einem Bass und einer Gitarre auf einem Hals."

Die Vootar hat Voormann 1965 gebastelt. Ein Jahr bevor er eines der berühmtesten Album-Covers der Popgeschichte designen würde. Alles begann mit einer durchzechten Nacht in London.

Klaus Voormann: "Dann komme ich nach Hause, es regnet, will meine Ruhe haben, in der Badewanne sitzen und da kriegt mich keiner raus. Und die Badewanne war in der Küche. Irre enge Wohnung, so haben wir gelebt. Ich fand das auch toll. Und dann ruft John an und sagt: Any idea for our next LP cover? Hast Du ne Idee für unsere nächste LP?"

"John konnte ungeduldig und schroff sein"

Mit nassen Haaren und offenem Mund sitzt der junge Voormann in seinem Küchenbad und kriegt erst mal keinen Ton raus. Am anderen Ende der Leitung ein plötzlich extrem genervter John Lennon, der sein Gegenüber anpöbelt und sofort eine Antwort will.

Hier wird schnell deutlich: Voormann will mit seiner Graphic Novel nun wahrlich nichts und niemanden verklären, sondern beispielsweise erklären, "dass John ein sehr ungeduldiger, schroffer Mensch sein konnte. Das hat man öfter auch in Interviews gesehen. Und das wollte ich eben auch zeigen, wie er sagt: 'You Bastard' oder sowas."

Kurz darauf sehen wir Voormann, umringt von den Beatles, aufgeregt wie kleine Schuljungen, die ihrem Freund Klaus die Revolver-Songs vorspielen.

Und wieder ist Voormann erst mal sprachlos. Wow! What A Trip! Was für ein Gehirnfasching, den die Beatles in ihren neuen Liedern veranstalten. Dem jungen Grafiker wird schnell klar: Er will ein Cover erschaffen, das eine Brücke schlägt vom bisherigen Beatles-Happy-Go-Lucky-Pop à la "Love Me Do" hin zur neuen experimentellen und psychedelischen Songwelt von Lennon & Co.

"Ich wusste, die Fans wollen schön viele Fotos von den Jungs sehen. Dann wollen sie ihre Gesichter schön sehen. Dann hab ich gedacht, ich versuche mal diese als Strichzeichnung zu stilisieren. Und dann: Was ist das wichtigste oder das größte Merkmal? Das kann sich heute keiner mehr vorstellen, aber das waren damals die Haare. Der berühmte Pilzkopf."

Die Graphic Novel zeigt sehr schön, wie Voormann am Revolver-Cover klebt und bastelt, wie er collagiert, wie er die spaghettiartigen Haare zeichnet, die sich zu einem Frisurenknäuel verbinden. Wie er die Stille kaum aushält, als er den Beatles und den Plattenfirmenbossen seinen Entwurf präsentiert. Wie er schwitzt und sich verflucht, diesen viel zu warmen Rollkragenpulli zu tragen, diesen bloody poloneck sweater.

"Dein Cover baut eine Brücke"

Voormann: "Und dann kommt eben Paul nach vorne und sieht, dass da ein Bild drauf ist und sagt: Jungs, ihr müsst nach vorne kommen. Guckt Euch das mal an! Da sitze ich auf dem Klo!"

Tobias Ruhland: "In dem Revolver-Cover haben Sie sich ja auch ganz schelmisch verewigt und schauen unter einer Haarlocke hervor."

Voormann: "Das ist in der Graphic Novel auch drin: 'And what do we have here then, Mr. Voormann? You put yourself in there you cheeky bugger'. Aber alle fanden es witzig. Die haben alle gesagt, yeah, that’s funny.”

Brian Epstein: "Klaus, ich hatte Angst, dass die Leute da draußen dem großen Schritt nicht folgen könnten, den die Beatles musikalisch gemacht haben. Aber dein Cover baut ihnen eine Brücke."

Mit dieser Lobeshymne von Beatles-Manager Brian Epstein beendet Voormann den 30 Seiten langen reinen Comic-Teil seines Revolver-Making Of-Manifests, das auch mit zahlreichen Bildern von den "good old Hamburg days" erzählt, die nur allzu oft gar nicht so good waren. Da sehen wir zum Beispiel in einer Zeichnung einen nachdenklichen Paul McCartney in der Hafengegend herumstehen.

Voormann: "Baumwall war damals die Zollgrenze. Wenn du in den Hafen wolltest, musstest du über diese Brücke. Deswegen ist auch der Schlagbaum da."

Man sieht einen einbeinigen Mann mit Krücken drüber humpeln.

"Und Paul guckt da ganz verdattert. Ihm ist das peinlich. Weil er meint, es hätte sein können, dass sein Vater im Krieg diesen Mann versehrt hat."

Der Zeichner und Musiker  Klaus Voormann bei einer CD-Präsentation in München. (imago stock & people)Der Zeichner und Musiker Klaus Voormann bei einer CD-Präsentation in München. (imago stock & people)

Ein zerbrochener Grammy und 50 Pfund Honorar

Zurück im Atelier von Klaus Voormann. Mehr Ordnung geht eigentlich nicht. Alles ist in Regalen verstaut. Feinsäuberlich in Luftpolsterfolie verpackte Bilder und Kunstdrucke, die an den Seiten verheißungsvoll betitelt sind mit "Dylan" oder "Abbey Road". Alles ist beschriftet. Sogar die Schublade für Altbatterien und auf einem kargen braunen Schuhkarton steht mit schwarzen Edding etwas windschief geschrieben: "Grammy 66. Alle Teile."

Auch diese Geschichte wird in Comic-Bildern nacherzählt: Wie der Grammy fürs Revolver-Album zu Bruch ging.

Voormann: "Das ist der Zerbeulte. Die Teile hab ich nicht mehr gefunden. Irgendwo hab ich die Teile verschlampt. Dieses Teil war separat. Das war abgebrochen. Und das war zerpöttert."

Ruhland: "Best Album Cover Graphic Arts. 1966.”
Voormann: "Richtig. Und das musst Du hier raufschrauben."
Ruhland: "Das ist eine kleine Bastelarbeit, diese Grammies."
Voormann: "Bei mir schon."
Ruhland: "Sind Sie kein Vitirinen-Aufsteller?"

Voormann: "Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Ich bin natürlich stolz darauf, dass ich so Sachen gemacht habe. Sagen wir bei Randy Newman. Dann kriegste eine Goldene Schallplatte, weil Du bei ein paar Stücken gespielt hast. Und wenn ich die alle aufhängen würde, hätte ich keinen Platz dafür. Bei dem Grammy ist der Hauptgrund dieses 'pad on the shoulder', dieses 'Toll, Herr Voormann!'. Ich hätte lieber das Geld dafür gekriegt."

Der reine Lohn fürs Revolver-Album hat sich tatsächlich sehr in Grenzen gehalten für Voormann: ein kaputter Grammy und tatsächlich waren es gerade mal 50 Pfund, die er seinerzeit von John Lennon für die drei Wochen Arbeit fürs Revolver-Cover bekommen hat. Fällt wohl in den Bereich "Freundschaftsdienst".

Kurios auch die Geschichte über den Verbleib vom Original-Revolver-Cover, das Eagles-Gitarrist Joe Walsh in den 70er-Jahren in einem Second Hand Laden erstanden hat: für lächerliche 1500 US-Dollar.

Dabei war damals schon längst klar, was das Revolver-Cover so bedeutend macht und wie der britische Design-Professor und Vorwortschreiber Lawrence Zeegen in einem Satz zusammenfasst: Die Musik ergibt Sinn wegen ihrer Hülle und umgekehrt.

"The Music makes sense because of the sleeve and vice versa.”

Klaus Voormann: Birth of an Icon. REVOLVER 50
148 Seiten mit über 200 Illustrationen und Fotos, 59 Euro
Zu bestellen auf dieser Webseite

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