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Studio 9 | Beitrag vom 20.07.2016

Klaus SamesDen Tod im Stickstofftank austricksen

Von Heiner Kiesel

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Der ehemalige Gerontologie-Professor Klaus Sames will seinen Körper nach seinem Tod einfrieren und in den USA lagern lassen. Er steht am 04.11.2014 in einem Bestattungsinstitut neben einem Gemnälde mit der Aufschrift "Zuversicht".  (picture alliance / dpa / Stefan Puchner)
Der ehemalige Gerontologie-Professor Klaus Sames will seinen Körper nach seinem Tod einfrieren und in den USA lagern lassen. (picture alliance / dpa / Stefan Puchner)

Der ehemalige Gerontologie-Professor Klaus Sames könnte, nach seinem Tod, in Millionen von Jahren ins Leben zurückkehren - wenn die heutigen Annahmen stimmen. Der 77-Jährige will seinen toten Körper einfrieren lassen.

"Ich möchte nur leben, alles andere ist mir ziemlich wurscht."

Klaus Sames ist 77 - ein Alter, in dem der Körper nicht mehr so zuverlässig funktioniert. Der Wissenschaftler hat ein gefurchtes Gesicht mit hoher Stirn. Das dünne Haupthaar wächst bis zu den Schultern. Weiß wie sein Vollbart. Er ist schmal und fragil. Er weiß wie es biologisch weitergeht mit ihm. Welche Prozesse in Zellen und Organen ablaufen. Sames hat es erforscht, an den Unis von Berlin, Hamburg und Heidelberg. Er weiß auch was danach kommt. Eigentlich. Das ist nichts für ihn.

"Ich habe vier Semester Theologie studiert, anschließend Medizin, bin anschließend nach meiner ärztlichen Ausbildung in die Anatomie gegangen, um mich der Forschung über Lebensverlängerung zu widmen. Ich habe dann festgestellt, dass das Altern das Problem ist und bin dann Gerontologe geworden."

Wenn bei Klaus Sames der Herzschlag verstummt, die Hirnfunktionen ausbleiben, wird es hektisch. Zu Ende, da ist er sich sicher, ist es dann noch lange nicht. Im Idealfall wird direkt danach eine Telefonkette in Gang gesetzt. Rund um seinen Wohnort Senden bei Ulm setzen sich Menschen in Bewegung, um ihn zu konservieren. Mediziner, Bestatter - Fachleute, mit denen Sames seit Jahren trainiert.

"Ich nenne es Kompetenzteam."

Einer räumt die Party-Eis-Truhe bei der nahen Tankstelle leer, 60 Kilo Eiswürfel, packt sie in sein Auto. Inzwischen stellt ein Arzt den Tod fest. Oder, das was man gegenwärtig dafür hält, würde Sames einschränken. Dann wird sein Körper mit Eis umhüllt und zu einem nahen Bestattungsinstitut gebracht. Dort stehen die Instrumente. Eine Säge fräst sein Brustbein auf.

"Wir haben einen Kardiotechniker, der ist hier in der Herzchirurgie in Ulm und er betreut die Herz-Lungen-Maschine."

In einem Stickstofftank bei Minus 196 Grad eingelagert

Schläuche werden an seinen Kreislauf angeschlossen das Blut wird abgesaugt und ersetzt. Die Kryonik, das Aufbewahren von menschlichen Körpern in der Kälte steckt voller Tücken.

"Die macht einen künstlichen Kreislauf, wie wir ihn genau brauchen, um den Körper mit Frostschutzmittel zu durchströmen."

Die Lösung ist toxisch, aber weil die Temperatur der Körperzellen abgesenkt ist, reagieren sie nicht auf das Gift. Das Frostschutzmittel soll verhindern, dass die Gefäße bersten. Denn nun wird es richtig kalt.

"Und wir benutzen Trockeneis, das sind Minus 78 Grad. Auf Trockeneis transportieren wir dann nach Amerika."

In Mainz wird der tiefgekühlte Klaus Sames ins Flugzeug geladen. In Detroit wird er in einem Stickstofftank eingelagert, bei Minus 196 Grad. Ganz in der Nähe stehen dann ebenso gefrostet der Begründer der Kryonik-Bewegung, der US-Physiker Robert Ettinger mit seinen zwei Frauen und irgendwann vielleicht auch Facebook-Investor Peter Thiel. Eine ganze Reihe Silicon-Valley-Milliardäre haben wie Sames ein Problem mit dem Sterben. Die renommierteste Adresse weltweit: Ettingers Institut. Klaus Sames gehört zu den Beratern der US-Firma.

"Ich habe seit Langem einen Vertrag mit Cryonics Institut in Detroit Michigan. Das sind große Hallen, große teure Tanks, die sich um alles kümmern. Das haben wir alles nicht, denn in Deutschland können wir keine Patienten lagern."

Sames wird rund 36.000 Euro in seine ferne Zukunft investieren. Behandlung, Transport, Kühlung. Wenn seine Rechnung aufgeht, dann überdauern genügend funktionsfähige Zellen.

"Das Faszinierende daran ist: Wenn man das genau berechnet und das physikalisch auch stimmt, dann könnte man Millionen von Jahren lagern."

Die Natur hat einen Fehler gemacht mit dem Tod

Und dann hätte Sames wieder alle Zeit der Welt. Irgendwann könnte die Forschung ja die Sache mit dem Altern und den heute unheilbaren Krankheiten in den Griff bekommen. Irgendwann könnte die Menschheit so weit sein, eingefrorene Leichen wieder zu beleben. Und: Die Zukunft wird ihn schon wollen. Ziemlich verrückt!

"Ich denke, das ist keine Spinnerei."

In der Akut-Medizin wird Kühlung benutzt, um Patienten zur retten. Hypothermie. Aber der Tote aus dem Eis, Kryonik? Das gilt als ziemlich unwahrscheinlich.

"Ich glaube selbst nicht daran, ich bin Agnostiker. Ich behaupte nicht, das muss funktionieren. Ich werde auch nie behaupten, das wird nicht funktionieren."

Sames winkt ab, die kleinste Wahrscheinlichkeit, ein Vielleicht reicht ihm aus. Die Alternative wäre, einfach zu sterben. Keine Option für den 77-jährigen Todesverächter! Generationen von Denkern haben den Tod mit Bedeutung aufgeladen. Die Religionen mit Heilserwartung. Sames lächelt mild, nein, die Natur hat einen Fehler gemacht mit dem Tod. Dann tippt sich der ehemalige Professor an die Schläfe.

"Es ist völlig sinnlos das Leben zu beenden. Am Ende des Lebens ist mein Computer unheimlich gut gefüllt und ich habe unheimlich viele Erfahrungen. Es wird jedes Hirn, das am Ende des Lebens wertvoller ist als am Anfang einfach verworfen."

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(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 20.11.2014)

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