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Kompressor | Beitrag vom 05.05.2017

Klassik und Hip Hop vereintMehr als nur ein Hybrid

Von Azadê Peşmen

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Malische Sängerin Inna Modja (EPA / Christophe Petit Tesson)
Die malische Sängerin Inna Modja ist Teil des Projekts Spitting Chamber Music (EPA / Christophe Petit Tesson)

Stargaze nennt sich ein Netzwerk klassisch ausgebildeter Musiker, das mit Hip-Hop-Künstlern zusammenarbeitet. Für ihr Projekt Spitting Chamber Music kollaborieren sie mit den Rapperinnen Inna Modja und Malikah. Am heutigen 5. Mai ist Premiere in Köln. Wir haben vorab die Proben besucht.

Die schwarzen Vorhänge verdecken die rote Backsteinwand in dem Probenraum in Berlin-Mitte. Klarinette, Bassgitarre, Schlagzeug und andere Instrumente sind in einem Kreis angeordnet. Vor den Instrumenten stehen auch, wie bei klassischen Orchestern üblich, Notenständer. Allerdings muss man vergeblich nach Noten suchen. Die Musiker des Kollektivs Stargaze schreiben sich ihre Lieder nicht in Noten auf, sondern merken sich Melodien. Wer zu Stargaze gehört, muss flexibel sein und darf sich nicht zu sehr auf ein Instrument festlegen, meint Roman Bly, Hornist und Trompeter:

"Das ist das Coole, wenn wir die Instrumente wechseln, unser Cellist spielt elektrische Bassgitarre, kann also auch sehr funky klingen. Die Kontrabassistin ist Spezialistin in Osteuropäischer Musik, kann also diese ganzen irren Muster spielen, spielt aber auch in einem Barock-Orchester. Das sind alles Menschen, die in einer Sache Spezialisten sind, aber es sind keine Nerds. Wir verlassen sehr oft unsere Komfort-Zone. Du bist kreativer, wenn du nicht dein "eigenes" Instrument spielst, dass du sehr gut kennst. Deshalb ist es ganz gut, auch mal mit den Trommeln herumzuspielen und dann  kommt etwas dabei heraus, das du selbst nicht erwartet hättest."

Jenseits der Komfort-Zone

Diese Komfort-Zone verlassen auch die Künstler, mit denen die Gruppe Stargaze zusammenarbeitet. Mit den beiden Rapperinnen Inna Modja und Malikah komponieren sie gemeinsam neue Stücke. Inna Modja hat erst auf ihrem dritten und letzten Album angefangen zu rappen, imitiert dabei aber nicht den US-Amerikanischen Hip Hop, sondern bezieht musikalisch malische Einflüsse mit ein. Auch wenn Hip Hop in den USA begann, ist es eigentlich nur logisch, dass er auch auf dem afrikanischen Kontinent zu verorten ist, meint die Künstlerin, die auch auf Bambara, die Verkehrssprache Malis, rappt.

"In Mali, in Afrika generell, haben wir die Tradition der mündlichen Überlieferung, die die Geschichtenerzähler haben. Das ist dem Hip Hop sehr ähnlich. Auf eine ganz bestimmte Art wurde Hip Hop von der Tradition der mündlichen Überlieferung inspiriert. Und jetzt werden wir vom Hip Hop inspiriert, also ist es irgendwie ein Loop und das finde ich sehr interessant."

Inna Modja hat nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich mit ihrem neuen Album eine andere Richtung eingeschlagen. Sie ist nicht nur Künstlerin, sondern auch Aktivistin. Ein Teil ihrer Identität, den sie auf ihrem neuen Album stärker betont:

"Es geht um Frauenrechte, Gewalt gegen Frauen, aber auch um Afrika, die Schönheit Afrikas, weil viele denken, dass es in Afrika nur Krieg und Hungersnot, Probleme und Krankheiten gibt. Bei den letzten zwei Alben wollte ich mich nicht mit dem Backlash auseinandersetzen, der damit einhergeht, das ich eine Aktivistin bin. Ich wollte, dass es in meiner Musik um andere Menschen geht. In diesem Album geht es um meinen Weg."

Dafür bekommt sie nicht nur Anerkennung, sondern muss auch Gegenwind aushalten: "Der Backlash ist immer noch da, aber ich weiß, wie ich damit umgehe." Hier ein Musikvideo, das Modjas aktivistischen Ansatz unterstreicht:

Samplen ist Ehrensache

Es ist kein Zufall, dass sich André de Ridder zwei sehr engagierte Rapperinnen für das Projekt Spitting Chamber Music ausgesucht hat. Den Dirigenten interessieren Künstler, die nicht nur musikalisch innovativ sind, sondern auch inhaltlich etwas zu sagen haben. Etwas, was beim Genre Rap nicht unüblich ist. Unüblich ist eher, dass klassisch ausgebildete Dirigenten, Menschen, die sich für zeitgenössische Musik interessieren, das neue Album von US-Rapper Kendrick Lamar ans Herz legen. Trotzdem ist Spitting Chamber Music definitiv kein Hip-Hop- und Klassik-Cross-Over-Projekt, betont er:

"Was mich interessiert, ist überhaupt nicht so alles immer zusammenzumashen, also den Crossover zu machen oder gleichzeitig Pop mit Klassik. Ehrlich gesagt, das finde ich ganz schlimm. Was uns nicht interessiert, ist Pop mit Klassik zu verbinden, das ist kompletter Blödsinn. Was mich interessiert ist zu zeigen, hier ist ein spannendes Projekt in der Popmusik und hier ist ein genauso spannendes Projekt in zeitgenössischer, klassischer Musik, die sich vielleicht komplett unterscheiden, die aber interessante Strömungen zeigen, die man nebeneinander wahrnehmen kann und wahrnehmen muss."

Wenn schon nicht die einzelnen Genres, dann vermischen sich hier doch wenigstens die Methoden, mit denen Stargaze arbeitet. Das Samplen, also das Wiederverwenden eines bestimmten Musikausschnitts, ist im Hip Hop zentral. Etwas, das sich auch Stargaze in diesem Projekt zunutze macht.

"Der Song Issues von Dr Dre und Ice Cube beruht auf genau dem gleichen Sample. Das ist eine ganz schöne Tradition in Hip Hopper Kreisen, dass bestimmte Loops so rumgereicht werden oder das auch so als Ehre gesehen wird, wenn jemand anderes von einem Klassiker denselben Sample benutzt und auf diesem Loop einen neuen Song draus macht."

Die Eigenheiten arabischen Hip Hops

Der Oud-Spieler Saied Silbak, spielt die Melodie des Samples auf der Kurzhalslaute. Neben ihr sitzt im Berliner Probenraum Malikah, die wohl bekannteste Rapperin aus dem arabischsprachigem Raum. Arabischer Hip Hop unterscheidet sich von dem aus den USA, erklärt sie:

"Die Instrumente natürlich, wir versuchen viele arabische Instrumente zu nutzen und auch die Samples, wir nutzen Samples aus Arabischer Musik. Ich denke, das unterscheidet Arabischen Hip Hop. Klar, die Sprache. Das macht Arabischen Hip Hop natürlich aus. Der Inhalt, um den es geht. Ich denke nicht, dass es einen US-Amerikanischen Rapper gibt, der über die gleichen Sachen spricht wie ich, weil er nicht das gleiche erlebt hat, das ich erlebt habe."

Dass sie als Frau aus dem Libanon kommt und rappt, reicht in der westlichen Rezeption oft schon aus, um allein deshalb als Politikum zu gelten. Zumindest wird so über Malikah geschrieben. Und es kommt nicht von ungefähr: In ihren Texten geht es nicht selten um Politik, um die Korruption im Libanon zum Beispiel. Trotzdem möchte Malikah nicht als "politische Rapperin" bezeichnet werden und stellt klar:

"Meine Texte sind nicht so politisch, ich bin keine politische Rapperin. Ich spreche über Politik, weil es Teil meines Lebens ist. Ich habe keine andere Wahl, als ab und zu über Politik zu reden, denn ich bin eine soziale Rapperin, weil ich über soziale Probleme rede. Und im Libanon ist Politik ein Teil des sozialen Lebens. Das ist der Unterschied. Wenn ich über Politik rede, dann tue ich das aus einer sozialen Perspektive."

Für die Zusammenarbeit mit dem Stargaze Kollektiv hat sie auch neue Songs geschrieben - auf Arabisch. Dass ihre Botschaft dadurch für das deutsche Publikum verloren gehen könnte, fürchtet sie nicht:

"Ich werde natürlich nach jedem Song erklären, worum es in dem Song geht und sie können online auch mehr dazu finden, worüber ich rede. Und wenn sie sich mehr dafür interessieren, können sie ja auch Arabisch lernen."

Spitting Chamber Music
Premiere am 5. Mai in der Kölner Philharmonie
am 6. Mai auf dem X-Jazz Festival in Berlin
und am 7. Mai in Hannover bei den Kunstfestspielen Herrenhausen

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