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Kompressor | Beitrag vom 27.12.2019

Klassenkonflikte und PopkulturKritischer Blick auf Privilegien

Christian Huberts im Gespräch mit Timo Grampes

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Der Schauspieler Joaquin Phoenix in der Hauptrolle des US-FIlms "Joker". (picture-alliance/Warner Bros.Pictures/Niko Tavernise)
Der Film "Joker" setzt sich mit Klassenkonflikten auseinander. Die Hauptfigur zerbricht daran. (picture-alliance/Warner Bros.Pictures/Niko Tavernise)

Klassenpolitische Fragen haben wieder an Bedeutung gewonnen, auch in Computerspielen und Filmen. Wir sprechen darüber mit dem Autor und Kulturwissenschaftler Christian Huberts und blicken dabei auf die letzten zehn Jahre zurück.

Der "Kompressor", das Magazin für Popkultur, will das zurückliegende Jahrzehnt nicht anhand von Genres wie "Die beste Filme" oder "Die beste Musik" betrachten, sondern die popkulturell-politischen Diskurse genauer ansehen. Die wichtigsten Debatten und Verschiebungen in der Öffentlichkeit haben sich dabei im Minderheiten- und identitätspolitischen Bereich zugetragen. 

Klasse werde in populären Medien "viel mehr thematisiert", sagt der Autor und Kulturwissenschaftler Christian Huberts. Vieles von dem, was hinsichtlich Feminismus, Antirassismus, Queer-Diskurs oder eben rund um die Klassenfrage passiert sei, habe sich in Musik, Computerspielen, im Fernsehen, Kino oder in der Literatur niedergeschlagen oder dort sogar – wie die MeToo-Bewegung – seinen Anfang genommen.

Wenn Armut romantisiert wird

Das Reden und Schreiben über Popkultur selbst ist von identitätspolitischen Sichtweisen mittlerweile so stark geprägt, dass es sich vielleicht bereits um einen Paradigmenwechsel handelt. Vor zehn Jahren gehörte es noch nicht zur Normalität, Popstars, Filme oder Spiele über die Repräsentation und Kommunikation von Minderheitenfragen, Emanzipation und Ermächtigung zu reflektieren.

Die Darstellungen seien aber nicht "immer so, wie man das vielleicht möchte", meint Christian Huberts. Die Auseinandersetzung mit den Themen drohe "ein bisschen auf der Oberfläche zu versanden" oder drehe den negativen Klassismus in einen positiven Klassismus um, "wo dann so etwas wie Armut romantisiert wird, statt sich wirklich mit den Gründen von Armut auseinanderzusetzen".

Rollenspiel über Klassenkonflikte

Eines der Beispiele für eine gelungene Aufbereitung des Themas Klassenkonflikte ist aus Huberts Sicht das Rollenspiel "Disco Elysium". In ihm versucht der Gamer, einen Mordfall aufzuklären. "Das Spannende ist aber, dass das Rollenspiel auf Kämpfe verzichtet und stattdessen eher voll einsteigt darauf, dass man über Dialoge den Fall löst, Konflikte thematisiert."

In dem Spiel würden viele Klassenkonflikte und Ideologien aufeinandertreffen, zwischen denen man sich rollenspielend verhalten müsse. "Disco Elysium" sei ein Spiel, das ganz explizit Klassenpolitik thematisiere, von einem extremen Neoliberalismus bis zu einem extremen Kommunismus, "dessen Auswirkungen man auch in der Spielwelt sieht".

(lkn)

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