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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.07.2009

Klangwelten eines Reisenden

Ilija Trojanow: "Die Klänge des Weltensammlers", Essay recordings, Eichborn 2009, 133 Minuten

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Die Reise des Weltenbummlers Richard Francis Burton führt auch nach Indien. (AP)
Die Reise des Weltenbummlers Richard Francis Burton führt auch nach Indien. (AP)

Der Roman "Der Weltensammler" über den Orientalisten und Abenteurer Richard Francis Burton machte Ilija Trojanow bekannt. Jetzt hat der Autor mit "Die Klänge des Weltensammlers" ausgewählte Abschnitte als Hörbuch vertont. In der Text-Musik-Collage taucht seine Figur in die Klangwelten Indiens, Arabiens und Afrikas ein.

"Die Schaluppe wartete, Indien war nur noch wenige Ruderschläge entfernt. Richard Burton half einer der verzückten Damen über die Sprossen. (..) Er sah den weißhaarigen, weißbärtigen Trommler auf dem Deck stehen, steif, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, ..seine Augen kullerten hinter dicken Brillengläsern… ‚Gehen Sie, gehen Sie, aber achten Sie auf Ihr Gepäck. Dies hier ist nicht Britannien, Sie betreten Feindesland’. Und sein Lachen flog davon, als die Schaluppe an Seilen hinab zum Meer ächzte"."

Die Klänge eines Tabla-Trommlers begleiten die Ankunft von Richard Francis Burton in Indien. Eine sanft pochende, hypnotisierende Musik ist das, die Bedrohliches vorwegnimmt: Burtons Weg zum Hotel, durch die engen Gassen Bombays, "jeder Schritt eine Berührung" - vorbei an Armut, Krankheit und Tod. Wer sich hier freiwillig bewegt, der ist seinen Landsleuten nicht ganz geheuer, erst recht, wenn er sich mit den Einheimischen einlässt – und zwar auf Hindustani:

""’Du sprichst den Dialekt dieser Kerle hier schon recht gut.’ bemerkte der Sanitäter ein wenig vorwurfsvoll. Burton lachte. Die Damen von gestern wären wahrscheinlich entsetzt. Bestimmt denken sie, eine Sprache zu teilen, ist wie ein Bett zu teilen."

Ein so kurzer wie vielsagender Satz. Leichtfüßig und elegant leitet er über zu einer Szene wie aus "Tausend und einer Nacht": Burtons Begegnung mit einer indischen Kurtisane. IIija Trojanow selbst liest seine Lieblingspassagen aus dem Roman "Weltensammler" - unterwegs mit dem Abenteurer und Forscher Sir Richard Francis Burton durch den Orient des 19. Jahrhunderts. Bombay, Kairo, Mekka, Sansibar heißen die Stationen.

In der Text-Musik-Collage "Die Klänge des Weltensammlers" ist es eine beschleunigte Reise. Von Track zu Track wechseln die Schauplätze, die Figuren werden nicht eingeführt - der Text ist nicht fortlaufend. Stattdessen legt eine erlesene, von Trojanow handverlesene "Tonspur" die Verbindungsfäden zwischen den Kapiteln: indischer Liebesgesang, der kulturelle Stilmix sogenannter "Taarab-Musik" aus Sansibar oder sufistische Klänge des Islam, die Burtons Abenteuer als Derwisch einleiten:

"Verkleidet als Schejch Abdullah wird Richard Burton ein Arzt sein, aber nicht nur Arzt. Auch Derwisch - eine hervorragende Kombination, als Arzt wird er das Vertrauen der Menschen gewinnen, er hat in der Heilkunst schon dilettiert….intensiv studiert. Nun bedarf es der Übung. An Gelegenheiten dürfte es in Kairo nicht mangeln - die einheimische Medizin hat sich von ihrem goldenen Zeitalter entfernt. Zudem, die meisten Patienten sind durch Suggestion zu heilen – und darin ist er ein Meister."

Die zehn langen Musiktracks - im Booklet ausführlich mit Quellen dokumentiert – klingen für europäische Hörer faszinierend fremd. Sie allein machen diese Text-Musik-Collage schon hörenswert. Auch Ilija Trojanows Erzählstimme transportiert die zeitliche und geographische Ferne seines Protagonisten. Er liest in dunkel-sonorem Tonfall, episch breit, archaisch. Und Trojanow kann noch mehr. Seine Stimme klingt müde, rau, erschöpft, wenn er zum Beispiel in die Rolle des alten Sidi Mubarak Bombay schlüpft. Der sitzt vor seinem Haus in Sansibar und erinnert sich an die Expeditionen mit Burton:

"Etwa so alt wie du jetzt bist, mein Morgenschein war ich, als sie mich jagten, als sie mich einfingen, mich verschleppten. Araber mit schweren Gewändern, .. schneller als der Tod, sie schossen mit ihren lauten Gewehren, von denen wir schon gehört hatten, vor denen wir gewarnt worden waren…"

So vielfältig wie die Tonlagen, mit denen Ilija Trojanow seine Figuren ausstattet, so vielfältig sind die Themen seines Buches. Einen Querschnitt daraus hat er für diese Doppel-CD ausgewählt – elf Geschichten - von einem bizarren Bankett für Affen über die Skrupellosigkeit der britischen Kolonialmacht bis hin zur Rolle der Religion. Gemeinsam ist allen Episoden eines: sie feiern das große Geheimnis Orient.

Besprochen von Olga Hochweis

Ilija Trojanow: Die Klänge des Weltensammlers
Eine Text-Musik-Collage
Essay recordings, Eichborn 2009
133 Minuten, 19,95 Euro

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