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Musikfeuilleton | Beitrag vom 10.07.2020

"Klanggestalten" - Instrumentenbauer stellen ausFichte, Ahorn, Fernambuk

Von Christine Anderson

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(Christine Anderson)
Die Violoncelli liegen für die Klangprobe bereit. (Christine Anderson)

"Anspielen, Hören, Entdecken", unter diesem Motto stand im November 2019 in Berlin ein Treffen europäischer Streichinstrumentenbauer. Es wurden neue Meisterinstrumente und -bögen ausgestellt und von Berliner Musikern in Klangproben und Konzerten präsentiert.

Die Geigen von Antonio Stradivari und seinen Kollegen aus Cremona umgibt eine geradezu legendäre Aura. Jede einzelne, die heute noch existiert, hat eine wechselvolle Geschichte. Noch vor 25 Jahren war solch eine "alte Italiener" für Musiker zwar nicht leicht zu haben, aber gerade noch erschwinglich.

Ein Blick auf den eingravierten Namen auf altem Holz. (imago images / Eastnews)Eine echte "Strad" kostet ein Vermögen, weshalb der berühmte Namenszug oft gefälscht wurde. Hier der Name auf einer Geige aus dem Jahr 1716. (imago images / Eastnews)

Heute gelten alte italienische Streichinstrumente längst als hochprofitable Anlageobjekte für Investoren und Banken. Musikern ist es unmöglich geworden, ein solches Instrument selbst zu erwerben. Wer keinen Wettbewerb gewonnen hat, und deshalb für die Leihgaben der großen Banken und Stiftungen nicht infrage kommt, also die meisten unter ihnen, der braucht deshalb einen anderen Weg, um zu einem gut klingenden, zuverlässigen und bezahlbaren Instrument zu kommen: ein neu gebautes.

Baukunst der "alten Italiener"

Geigenbauer wissen heute ziemlich gut, wie man den legendären "alt-italienischen" Klang erzeugt. Man hat sich in Cremona schon vor Jahrzehnten bemüht, die Techniken Stradivaris, die zum Teil bereits vergessen waren, zu erforschen, wiederzubeleben und der jungen Generation beizubringen. Der Neubau von Streichinstrumenten höchster Qualität boomt, und auch immer mehr professionelle Musiker entscheiden sich für ein solches Instrument.

Ausstellung von neuen Meisterinstrumenten

Anfang November 2019 fand in Berlin die Ausstellung "Klanggestalten" statt, die eine Gruppe von Streichinstrumentenbauern für sich selbst und ihre Kunden erdacht hat. Bereits seit über 20 Jahren findet diese Veranstaltung mit Rahmenprogramm jährlich statt, mit wachsendem Zulauf. Die Geigen- und Bogenbauer der Gruppe kommen inzwischen aus ganz Europa. Sie alle schätzen den offenen Charakter ihrer Vereinigung und das gemeinsame Arbeiten einmal im Jahr in Frankreich, bei dem man sich kollegial über die Schulter schaut.

Anspielen, Hören, Entdecken

Das Ausprobieren der ausgestellten Instrumente ist bei den "Klanggestalten" nicht nur geduldet, sondern erwünscht. Der Besucherkreis ist groß und bunt. Da sind Eltern, die für ihr begabtes Kind ein Instrument suchen und Beratung brauchen, da sind Jugendliche des Bach-Gymnasiums, die sich auf ein Musikstudium vorbereiten und beim Anspielen der Instrumente fast nebenbei zeigen, was sie schon können.

Es sind aber auch angehende junge Solisten, die ganz gezielt auf die Suche gehen, zum Beispiel nach einem besonders schweren Bogen, der helfen soll, dem Tschaikowsky-Violinkonzert einen großen Ton zu geben. Und dazwischen viele engagierte Hobbymusiker, die sich den Traum von einem guten Instrument erfüllen wollen.

Dasselbe, aber anders - die Klangproben 

Um denjenigen, die gezielt ein Instrument suchen, die Auswahl zu erleichtern, sind die Instrumentenbauer der "Klanggestalten"-Initiative auf eine besondere Idee gekommen: Bei der "Klangprobe" werden jeweils Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabässe von professionellen Musikern angespielt. Das Publikum im Saal erfährt zunächst nicht, wer welches Instrument gebaut hat. 

Ein Cellist probiert ein Instrument, mehrere Celli liegen für weitere Proben hinter ihm bereit. (Christine Anderson)Prof. Stephan Forck bei der Klangprobe der Celli. (Christine Anderson)

Beim direkten Vergleich so vieler Instrumente wird jeder Hörer automatisch zum Kritiker, fragt sich nach kürzester Zeit, welcher Klang ihm selbst gefällt und warum. Erst am Schluss wird aufgelöst, welches Instrument von welcher Meisterin stammt. 

Instrumente und Studierende finden zueinander 

Neben den "Klangproben" die tagsüber stattfanden, waren an den beiden Abenden des Ausstellungs-Wochenendes besondere Konzerte zu erleben. Die Instrumentenbauer hatten dafür 14 Tage zuvor einige ihrer Instrumente in die beiden Berliner Musikhochschulen gegeben, damit Studierende diese über einen längeren Zeitraum kennenlernen konnten. Am Ende des "con-takt"-Prozesses standen zwei Kammermusik-Abende, bei denen Professoren und Studierende gemeinsam auftraten und alle Werke auf den neuen Instrumenten spielten.

Ohne Bogen geht es nicht 

Bei aller Aufmerksamkeit für alte und neue Streichinstrumente vergisst man leicht, dass ein guter Klang zum großen Teil von einem guten Bogen gemacht wird. Ein sehr guter Bogen reagiert sehr schnell auf minimale Differenzen in der Klanggebung und verschmilzt praktisch mit dem Arm des Musikers.

Aber ebenso wie bei den Geigen sind die Preise für die alten, legendären Originale von Tourte, Peccatte oder Voirin in die Höhe geschossen. Bei den Klanggestalten waren neue Bögen von 15 Meistern aus Frankreich, Belgien, Schottland, Schweden, Spanien und Deutschland zu sehen. Hier konnte jeder Streicher einen Bogen finden, der zu ihm passt. 

Ein Mann sitzt vor einem aufgeklappten Kasten, in dem viele Bögen liegen. (Christine Anderson)Der französische Bogenbauer Stéphane Muller begutachtet Bögen. (Christine Anderson)

Es ist jene Kombination aus wissenschaftlicher Forschung und handwerklicher Traditionspflege, aus einsamem Basteln und kollegialem Austausch, der die "Klanggestalten" so erfolgreich macht. Und wenn auch die Meister ganz unterschiedliche Vorstellungen über den Klang und das Aussehen ihrer Instrumente pflegen, eins verbindet sie doch alle: die Leidenschaft und Begeisterung für ihren Beruf und die hohe Qualität ihrer neu gebauten Meisterstücke.

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