Seit 19:05 Uhr Oper

Samstag, 21.09.2019
 
Seit 19:05 Uhr Oper

Fazit | Beitrag vom 16.08.2019

Klage gegen reine KnabenchöreStrukturen für die Förderung von Mädchen schaffen

Ein Kommentar von Ruth Jarre

Beitrag hören Podcast abonnieren
Etwa 30 Knaben des Thomanerchors singen konzentriert in der Leipziger Thomaskirche. (Jens Schulze / epd / imago-images)
Der Thomanerchor singt in der Leipziger Thomaskirche. Die Klage der Berliner Rechtsanwältin Susann Bräcklein gegen das Verbot von Mädchen in Knabenchören wurde abgewiesen. (Jens Schulze / epd / imago-images)

Ein Gericht hat heute die Klage einer Rechtsanwältin abgewiesen, die die Aufnahme ihrer Tochter in einen Knabenchor erstreiten wollte. Unsere Chorredakteurin Ruth Jarre verteidigt das Urteil, fordert aber eine bessere Förderung für Mädchenchöre.

Nun ist es also klar: die Welt bricht nicht zusammen - vorerst. Die Kunstfreiheit hat Vorrang vor Gleichbehandlung der Geschlechter, ein Knabenchor bleibt ein Knabenchor. Punkt!

Knabenchöre haben einen spezifischen Klang

Denn: ja, es gibt ihn, diesen spezifischen "Knabenchorklang", das sah auch das Berliner Verwaltungsgericht als erwiesen an. Im Alter zwischen zehn und dreizehn Jahren verfügen Knaben, bei profunder Ausbildung, über eine besondere Stimmkraft, ein besonderes Stimmvolumen, das sich bei Mädchen erst später entwickelt.

Mit dem Stimmbruch ist es damit dann vorbei - das Zeitfenster für die Jungs, diese Knabenchorliteratur zu singen und dabei jenen spezifischen Knabenchorklang zu entwickeln, ist also recht knapp bemessen.

Die Tradition der Knabenchöre ist lang, der Staats- und Domchor beispielsweise wurde 1465 gegründet. Die Entwicklung dieser Tradition erstreckt sich über Jahrhunderte. Hier ist nichts plötzlich vom Himmel gefallen. Weder das Interesse an Knabenchören, noch die Literatur, die dort gesungen wird, und auch nicht die staatliche Förderung der Spitzenensembles in diesem Bereich.

Den Mädchen wird eine profunde Ausbildung verwehrt

Hier aber muss man fragen dürfen: wie sieht es denn mit entsprechender staatlicher Förderung für Mädchen und Mädchenchöre aus?

Na? Genau: nicht vergleichbar. Und hier setzt auch die Klage der Mutter den Hebel an: Wie kann es sein, dass Mädchen der Zugang zu einer solch profunden Ausbildung verwehrt wird, weil sie Mädchen sind? Was ist mit der Gleichbehandlung der Geschlechter? Mit Teilhabe und Chancengleichheit? Das ist der eigentliche Knackpunkt.

Entscheidend ist aber, welche Konsequenzen man daraus zieht. Ist es wirklich sinnvoll, Knabenchöre auch für Mädchen zu öffnen? Ich denke nicht. Sinnvoll und notwendig ist es, Strukturen zu schaffen, die Mädchen eine adäquate Ausbildung ermöglichen.

Sicher, es gibt Mädchenchöre, auch renommierte Mädchenchöre, deren Tradition ist aber nicht ganz so lang, und auch die institutionelle und damit finanzielle Unterfütterung ist zumeist nicht vergleichbar – ebenso wenig die gesellschaftliche Akzeptanz.

Das Nachwuchsproblem der Knabenchöre

Da gibt es also viel zu tun, das erfordert Überzeugung, einen langen Atem und hochqualifizierte und hochmotivierte Künstlerinnen und Künstler. Die gibt es. Und sie arbeiten bereits. Sie brauchen im Bereich der Mädchenchöre die gleiche Unterstützung wie die Knabenchöre.

Deren Zukunft wiederum hängt nicht davon ab, ob demnächst vielleicht doch das ein oder andere Mädchen im Knabenchor singt oder nicht - sondern davon, ob es den Knabenchören, insbesondere denen mit Internatsstruktur, insgesamt gelingt, weiterhin genügend Nachwuchs zu begeistern.

Nachwuchssorgen, nicht die Mädchen, sind das eigentliche Problem der Knabenchöre. Erst, wenn sie das nicht in den Griff kriegen, kommen wir dem Ende der Welt ein Stückchen näher.

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur