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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.08.2013

Kittelmann: Museumsneubau wird als "großer Katalysator" wirken

Direktor der Nationalgalerie zur Zukunft der Berliner Museumslandschaft

Udo Kittelmann im Gespräch mit Ulrike Timm

"Ich glaube, das wird einiges Positives in Bewegung setzen", so Udo Kittelmann. (AP)
"Ich glaube, das wird einiges Positives in Bewegung setzen", so Udo Kittelmann. (AP)

Berlin soll ein neues Haus für die Kunst des 20. Jahrhunderts bekommen. Das sei heute "ein glücklicher Tag", sagt Udo Kittelmann, Direktor der neuen Nationalgalerie in Berlin. Mit dem Museum werde es die Möglichkeit geben, "wunderbare Bestände" in der Stadt zu zeigen.

Ulrike Timm: Berlin soll ein neues Museum bekommen: ein Haus für die Moderne in unmittelbarer Nähe der neuen Nationalgalerie, deren fulminante Sammlung der Moderne aus allen Nähten platzt. Und in dieses neu entstehende Museum kann dann auch das Geschenk des Sammlerpaares Pietsch, eine exquisite Auswahl von surrealistischer Kunst - Magrittes, Miros, Dalis - den angemessenen Ort finden.

Das ist die gute Nachricht eines Planungspapiers, das einen bösen Streit auch entschärfen sollte, den, wie man im armen, aber an Kunst so reichen Berlin die Museumslandschaft so gestaltet, dass sich nicht alle auf die Füße treten und jeder zu kurz kommt.

Auf den Ärger und die Träume, die man mit so einer Machbarkeitsstudie - das Ding heißt wirklich so - mit so einer Machbarkeitsstudie eventuell auch begräbt, darauf kommen wir sicher noch, erst einmal halten wir fest, Berlin soll ein neues Haus für die Kunst des 20. Jahrhunderts bekommen.

Was das bedeutet, kann uns jetzt Udo Kittelmann erzählen, der Direktor der neuen Nationalgalerie ist ins Studio gekommen. Herzlich willkommen erst mal!

Udo Kittelmann: Guten Tag!

Timm: Berlin kriegt nun ein Zentrum für die Kunst des 20. Jahrhunderts, die kann dann künftig schlüssig erzählt werden in naher Umgebung. Ihr Haus bekommt einen neuen Nachbarn, freuen Sie sich?

Kittelmann: Natürlich freue ich mich, also ich denke, das ist ein großer Tag für die Nationalgalerie, für die staatlichen Museen zu Berlin, und es ist ein sehr großer und bedeutender Tag auch für die Hauptstadt unseres Landes, dass diese Stadt endlich den lang, lang ersehnten Bau für ein Museum des 20. Jahrhunderts bekommt.

Diesen Wunsch gibt es seit den 20er-Jahren, durch die Historie dieses Landes ist es nie verwirklicht worden, und der Bau von Mies van der Rohe hat immer nur eine kleine Ausstellungsfläche überhaupt gehabt mit 3.600 Quadratmetern, was natürlich nie zu einer adäquaten Präsentation der Bestände gerade der klassischen Moderne führen konnte.

Timm: Schlüpfen wir mal in die Haut eines Kunstliebhabers, der Berlin vielleicht in zehn Jahren, wenn das fertig ist, besuchen kommt, welche Chancen hat er, Kunst zu sehen, die er bislang nicht sehen kann, die im Depot - ja, verkommt?

Kittelmann: Also für mich war das ja immer schon, spätestens dann auch, als ich hier in Berlin beruflich anfing, geradezu völlig unverständlich, dass man, wenn man nach Berlin kommt, niemals oder nur in ganz seltenen Ausnahmen, die wunderbaren Ikonen, gerade der klassischen Moderne, sprich, eben des anfänglichen 20. Jahrhunderts und dann der 20er-Jahre, all diese wunderbaren Werke der Avantgarde, die hier in Berlin auch ihren Ausgang genommen haben, immer nur sehr unzuverlässig sehen konnte.

Also wenn man sich die Ikone von Kirchners "Potsdamer Platz" anschauen wollte, war man eigentlich immer nur gezwungen zu sagen den Menschen von nah und fern: Tut uns leid, vielleicht von jetzt ab noch mal in drei Jahren. Das ist ein Zustand, den haben andere Städte ja schon vor Jahrzehnten lösen können. Berlin hat dort, sicherlich auch der Historie wieder geschuldet, nachgehangen, und jetzt wird es diese Möglichkeit geben, in absehbarer Zeit diese wunderbaren Bestände in dieser Stadt dauerhaft und auch zuverlässig gegenüber einem Publikum zu präsentieren.

Timm: Nun ist der Plan, der heute verkündet wurde, das Ergebnis einer Machbarkeitsstudie, kein schönes Wort. Wir müssen noch mal ein bisschen den Hintergrund erklären, es gab im vergangenen Jahr einen Riesenstreit, fast einen Glaubenskrieg um die Pläne für die Museumslandschaft in Berlin, Hintergrund: Die Gemäldegalerie, die 700 Jahre Kunstgeschichte versammelt und eine der größten und auch besten Sammlungen alter Meister weltweit beherbergt, sollte umziehen auf die Museumsinsel, um Platz für die Moderne zu schaffen.

Da stand man in Konkurrenz, das sorgte für Proteste, weil es Befürchtungen gab, die alten Meister müssten dann aus Platzmangel zum größten Teil ins Depot, und da wurden dann die alten und die neuen Meister auch gegeneinander geradezu ausgespielt. Werden denn nun laut Machbarkeitsstudie die alten Meister in der Gemäldegalerie bleiben?

Kittelmann: Das ist jetzt so, mit dieser Empfehlung für den Neubau, für ein Museum des 20. Jahrhunderts so festgelegt, dass die Gemälde in der Gemäldegalerie auch bleiben.

Timm: Machbarkeitsstudie heißt aber auch, wir gucken mal, was geht. Welche Träume bleiben auf der Strecke?

Kittelmann: Also für die Nationalgalerie bleibt jetzt kein Traum mehr auf der Strecke. Die Gemäldegalerie, die ja auch sehr vehement, und ich finde, auch sehr sinnvoll, ihr Sammlungskonzept erklärt hat, also das Ziel, die Skulpturen, wie auch die Gemälde da, wo es sinnvoll ist, zusammenzufügen, das ist ja damit überhaupt nicht hinfällig, aber wir können sicherlich mit dem heutigen Tag davon ausgehen, dass das auf absehbare Zeit nicht zu verwirklichen ist. Aber ich denke, dass die Gemäldegalerie sich etwas einfallen lassen wird mit dem Bode-Museum, uns auch diese wunderbaren Zusammenführungsideen einmal in Ausstellungen vorzuführen.

Timm: Lassen Sie mich noch mal einhaken, damit uns auch Hörer in München gut verstehen.

Kittelmann: Sehr gerne, ja.

Timm: Man hatte einen großen Traum, man wollte auf der Museumsinsel praktisch die alten Maler, die in der Gemäldegalerie am Potsdamer Platz ausgestellt sind, in Beziehung setzen zu den Skulpturen dieser Zeit. Dieser Traum ist jetzt, ich sage mal, geparkt, das ist der Wermutstropfen dafür, dass die Moderne, und damit Ihr Haus, die neue Nationalgalerie, aufgewertet wird. Kann man das so sagen?

Kittelmann: So kann man das sagen. Es ist sicherlich, was auch einen Ausschlag gegeben hat, das ist eben auch, warum man eine Machbarkeitsstudie macht. Man muss sich das so vorstellen, wenn man in ein Haus zieht oder ein Haus entwirft, wird man vorher natürlich versuchen, abzuschätzen, was ist machbar in dem Sinne, was kostet was.

Nun war das Ergebnis der Machbarkeitsstudie das, dass der eine Plan so viel mehr Geld kostet, dass er einfach nicht umsetzbar ist. Er war damit nicht mehr real zu machen. Und eine weitere Variante hat eben vorgesehen, falls das nicht möglich ist, was ist mit einer Variante Neubau für das Museum des 20. Jahrhunderts, und da hat sich das herausgestellt, das ist machbar, die Sammlung des 20. Jahrhunderts hat keine Bleibe für die gesamte Sammlung, bis heute nicht, und da muss dringend natürlich eine Lösung gefunden werden, und damit ist heute, mit dieser Pressekonferenz auch die Voraussetzung gegeben, und das wird jetzt die Empfehlung sein an die Politik, das auch zu verwirklichen.

Timm: Sagt uns Udo Kittelmann, der Leiter der neuen Berliner Nationalgalerie, das ist der Mies-van-der-Rohe-Bau am Potsdamer Platz, dem jetzt ein neues Museum der Moderne an die Seite gestellt werden soll.

Herr Kittelmann, ist denn das Geld dafür da, und reicht das?

Kittelmann: Die Erhebung auch seitens des BBR beläuft sich jetzt auf 130 Millionen, mir scheint das sehr, sehr realistisch zu sein, und ich kann mir persönlich nicht vorstellen, dass die Politik diesen Wunsch nach einem Museum des 20. Jahrhunderts widerruft, wenn man die gesamte Historie dieser Stadt in Augenschein nimmt, wenn man sich die immer wieder klarmacht.

Mein Gott, das ist doch eine ganz dringende Aufgabe auch der nächsten Generation unserer Generation gegenüber, das endlich zu erfüllen.

Timm: Unglücklich in den Streit verwickelt war eben das Sammlerehepaar Pietsch, die Berlin ihre Surrealistensammlung schenken wollen, vorausgesetzt, dass Berlin die Bilder dann vernünftig ausstellt. Wissen Sie schon, wie die auf die neuen Pläne reagiert haben?

Kittelmann: Also die Bitte war ja, der große Wunsch - und damit haben sie ja auch die Zusage der Schenkung verknüpft - war, dass ihre Sammlung einen Ort findet und integriert wird in die Sammlung der Nationalgalerie, also nicht etwa einen eigenen Museumsbau bekommt, nein, das eben nicht, sondern wirklich in einer Addition zur Sammlung der Nationalgalerie gezeigt wird, und diese Voraussetzung ist mit der heutigen Regelung auch erfüllt.

Timm: Und die Kunst der Moderne hat vom heutigen Tag an viel bessere Chancen in Berlin, das ist deutlich geworden. Nun war das ja erstaunlich im letzten Jahr, dieser Sturm um die Gemäldegalerie, die umziehen sollte, wie haben Sie das eigentlich erlebt, dass es ja geradezu eine Wutbürgerbewegung für Giotto und Rembrandt gab, die eigentlich viel zu wenig angeschaut werden in der etwas außerhalb liegenden Gemäldegalerie?

Kittelmann: Ja, wie habe ich das erlebt? Gut, ich war ja auch involviert, und ich halte es ja immer für wichtig, dass diskutiert wird, und hoffentlich auch, wenn es um so wichtige Dinge geht, gestritten wird, auch heftig gestritten wird. Nur auch für mein Empfinden gab es da sicherlich Argumente, die nicht auf den tatsächlichen Fundamenten ruhten.

Und wenn man heutzutage in einen Shitstorm gerät - und in so etwas ist man ja hineingeraten -, das ist natürlich eine neue Qualität, mit der man erst mal umzugehen lernen muss. Das ist ja eine Form des Protestes, des Widerrufes, der Kritik, wo man nicht mehr den Einzelnen ausmachen kann, sondern mitunter wird auch gerne etwas unterschrieben, ohne mit den Fakten vertraut zu sein.

Timm: Nun hat Berlin ja ein Luxusproblem, viel tolle Kunst und wenig Platz, und die Museumsinsel ist ganz klar der Publikumsmagnet. Wird denn mit einem Neuen, ich sage mal, Zentrum der Moderne, neue Nationalgalerie plus neues Haus plus Gemäldegalerie - die Alten - am Potsdamer Platz tatsächlich so ein zweites Museumszentrum in Berlin entstehen können, oder ist das ein bisschen verträumt, das zu meinen?

Kittelmann: Nein, ich glaube nicht, dass das verträumt ist, es ist eine Vision. Und ich gehe davon aus, dass der Neubau zu einem Museum des 20. Jahrhunderts natürlich als ein großer Katalysator auch für diesen Standort Kulturforum wirken wird.

Ich glaube, das wird einiges Positives in Bewegung setzen, was den gesamten Standort eben an der Potsdamer Straße, Kulturforum, anbelangt. Nein, ich glaube, das ist wirklich ein glücklicher Tag, was die Kultur in diesem Land und in dieser Stadt anbelangt.

Timm: Ganz verwegen und ganz weg von Standortfragen: Wenn Sie mal weiterträumen, was würden Sie denn bei der Museumseröffnung am liebsten und als erstes zeigen?

Kittelmann: Ach, das ist wirklich schwer zu beantworten. Also ich habe schon natürlich eine Vorstellung davon, wie ein Museum des 20. Jahrhunderts in Zukunft sein soll, und hoffentlich unterscheidet es sich auch gegenüber anderen vergleichbaren Museen, und was ich ganz wichtig finde, ist, dass sich nicht nur die Schönheit, die Ästhetik von Kunst zeigt, sondern dass es auch in eine Sozialgeschichte, sprich, in die Historie von Zeit eingebunden wird.

Und da hat eben die Sammlung der Nationalgalerie - wieder aufgrund der Historie - sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal. Es wird ein Museum sein, das wie kaum ein anderes eben auch die Kunst der beiden vormals geteilten Deutschlands zeigen wird, weil damals eben die Bestände der Nationalgalerie Ost zur Nationalgalerie West, die es ja jetzt gar nicht mehr gibt, zugefallen sind.

Timm: Die Pläne sind da, jetzt beginnt so richtig die Arbeit. Udo Kittelmann, Direktor der neuen Nationalgalerie in Berlin, erläuterte das Konzept, das seit heute vorliegt, wie man die Berliner Museumslandschaft nochmals neu ordnet. Vielen Dank für den Besuch im Studio!

Kittelmann: Sehr gerne!


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