Seit 20:03 Uhr Konzert

Sonntag, 15.07.2018
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Länderreport | Beitrag vom 13.04.2018

Kitas und GrundschulenWarum die Sprachförderung auf der Strecke bleibt

Von Hilde Weeg

Beitrag hören Podcast abonnieren
Children and teacher playing with musical instruments and toys in kindergarten. (imago / Westend61)
Der Betreuungsschlüssel hat sich in den Kitas seit Jahren nicht geändert - trotz vieler neuer Aufgaben. (imago / Westend61)

25 Kinder, zwei Pädagogen: Die Kitas und Grundschulen leisten Schwerstarbeit in Sachen Integration und Inklusion - vor allem durch Sprach- und Lernförderung. Doch es gibt zu wenig Personal, um die Defizite aufzuholen. Ein Beispiel aus Niedersachsen.

Morgenkreis in der DRK-Kita "Grashüpfer" in Elze bei Hildesheim. Eine in Sachen Sprachförderung sehr engagierte Kita, die dazu seit Jahren mit der Uni Hildesheim kooperiert. Die Erzieherinnen haben spezielle Fortbildungen besucht. Gegen neun Uhr versammeln sich die Kinder der Drachengruppe, an diesem Tag sind es 22 Drei- bis Sechsjährige. Mirja will erzählen, was sie in der Nacht erlebt hat:

"Da war so ein großer Hase und ein kleiner Hase. Da war ein großer Hase und ein kleiner Hase und eine weiße Eule, die war nachtaktiv und Ledermäuse sind nachtaktiv."

Der Morgenkreis ist ein typisches Ritual. Dass die Erzieherin locker wiederholt, was die Kinder sagen, hat einen wichtigen Grund: Die Kinder können abgleichen, wie richtig ausgesprochen wird, was sie sagen wollen, sie erlauschen am Sprachvorbild, wie es klingen soll. Außerdem können dann auch die andern verstehen, was gesagt wurde. Hinter solchen kleinen Szenen stecken viele pädagogische Überlegungen, es ist eine spielerische Lernsituationen, wie Kitaleiterin Christiane Quedenbaum erklärt:

"Das fängt an im Miteinander, sich einen Platz suchen, Aushalten können, wenn man nicht neben dem andern sitzen kann, Sozialkompetenz, Gespräche zu führen, Selbstbewusstsein, ich habe eigene Ideen, Partizipation, ich weiß was ich will, ich weiß, wo ich stehe."

Es ist Zeit zum Zuhören, zum Ausreden lassen, zum Hinschauen. Anschließend ist freie Spielzeit. Der vierjährige Mirko zieht seinen persönlichen Ordner aus dem Regal und zeigt ihn mir. Darin sind nur wenige Fotos, nicht viel Text. Mirkos Bewegungen sind etwas fahrig, die Sprache nur schwer zu verstehen:

"... und hier bin ich ... und hier bin ich ... und hier bin ich ..."

Die Erzieherinnen haben viel zu wenig Zeit

Schon mir als Gast fällt auf, dass Mirko stiller ist und weniger Kontakt hat zu den anderen Kindern. Er ist einer, der mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit gebrauchen könnte. Mehr jedenfalls als zwei Erzieherinnen in einer Gruppe mit 25 Kindern für ihn haben können. Aber mehr als zwei Betreuer sind nicht vorgesehen. Deshalb fehlt hier wie überall in Horten, Krippen und Kitas vor allem eines: Zeit.

"Die Gruppen sind zu groß. Wenn ein Kind eine Erzieherin beansprucht, dann ist die andere mit 24 Kindern alleine. Und dann kann ich nicht mehr in Ruhe zuhöre. Wie soll das gehen?"

Der Betreuungsschlüssel ist seit Jahren derselbe, dabei sind die Aufgaben ständig gewachsen: In Kitas und später in den Schulen soll alles aufgefangen werden, was Drumherum nicht mehr geleistet werden kann: Integration von Zugewanderten, Inklusion, Einüben sozialer Kompetenzen, Elternarbeit, ganz abgesehen von zusätzlicher Dokumentation und Fortbildungen. In der Satiresendung Extra 3 wurde diesem besonderen Berufsalltag kürzlich ein Song gewidmet:

"Kennt Ihr meinen Arbeitsplatz, wo das Trommelfell zerplatzt? Die Kita, die Kita ..."

Die Gruppen in Elze sind altersgemischt und auf unterschiedlichem Sprachstand, Kinder mit Deutsch als Muttersprache und Kinder, die Deutsch neu lernen.

"Die sprechen zuhause ihre Muttersprache und lernen dafür hier im Kindergarten, was völlig ausreichend ist. Wo wir selber manchmal überrascht sind, wie gut oder wie schnell sie das lernen und umsetzen. Es gibt aber auch deutsche Kinder, die zuhause Deutsch sprechen und die trotzdem Auffälligkeiten in der Sprache haben."

Es fehlt an qualifiziertem Personal

Erzieherin Nadine Roßbach betreut die Tigerentengruppe.

"Natürlich gibt es Kinder, wo wir zusätzlich noch mit der Sprache noch was machen müssen, wo Bedarf noch ist, da haben wir unsere zusätzliche Sprachförderkraft, die wir Gottseidank, zur Zeit noch haben."

Mit befristeter Stelle, die zum Jahresende ausläuft. Selbst bei engagierter Arbeit von allen wird an diesem Beispiel deutlich: Die Betreuung reicht schon jetzt nicht aus. Kein Wunder, dass sich die Erzieherinnen nicht über Mehrarbeit freuen:

"Wird sehr schwierig."

In Niedersachsen soll ab Herbst die vorschulische Sprachförderung ganz in der Verantwortung der Kitas stattfinden und nicht mehr von Grundschullehrern geleistet werden. In diesem Schuljahr ist die Zahl solcher Förderstunden mit 14.000 Stunden besonders hoch – dafür fällt dann an den Grundschulen reihenweise Unterricht aus. Ein Missstand, der nach Ansicht der Sprachbildungsforscherin Ann-Katrin Bockmann zu Recht abgeschafft wird:

"Überwiegend hören wir, dass es häufig ausfällt, dass es dann doch immer wechselnde Lehrer sind, weil das so Reststunden sind. Wir hören auch von der Lehrerseite, die dann sagen – eigentlich haben wir ja nicht gelernt, wie mache ich vorschulische Sprachförderung."

Bockmann, die dazu an der Universität Hildesheim lehrt und forscht, begrüßt die Entscheidung, die Förderung in die Kitas zu verlagern:

"Und für mich ist es eine Riesenchance, dass die vorschulische Sprachförderung in die Kita geht, weil sie dort hingehört. Dort sind die Bindungspersonen der Kinder, die die kennen. Da ist der Alltag. Da ist Lernen einfach, und zwar Lernen in einem neuen Verständnis. Kinder lernen im Alltag – und man muss Anlässe und Umgebung schaffen, damit sie Sprache lernen können. Und das ganz frühzeitig. Nicht das letzte Vorschuljahr – wir wissen, das ist viel zu spät und längst nicht konkret genug."

Erzieher - ein unattraktiver Job

Die Psychologin und Logopädin entwickelt seit Jahren in Kooperation mit Kitas und anderen Einrichtungen Förderkonzepte und Fortbildungen. Eine vertraute Umgebung und eine gewachsene Bindung zu den Betreuern sei Voraussetzung dafür, dass Kinder lernen. Sie sieht aber zugleich, dass die aktuelle Ausstattung in den Kitas für die Aufgaben nicht ausreicht, weder personell noch finanziell:

"Im Moment ist Erzieher kein besonders attraktiver Job – das ist ein super-anstrengender Job – also schon von der Laustärke her ist das manchmal nicht auszuhalten und Stress hoch zehn – also auf jeden Fall braucht es mehr Personal. Es gibt große Studien dazu, die das deutlich sagen: Die Qualität der Arbeit hängt ganz stark von den Rahmenbedingungen ab. Und es braucht eigentlich kleinere Gruppen."

Auch die zuständige ver.di-Gewerkschaftsvertreterin für Niedersachsen-Bremen, Katja Wingelewski, fordert schnelle Verbesserungen bis Herbst:

"Die Grundschullehrerinnen werden entlastet, sie stehen wieder für den Unterricht zur Verfügung, das ist auch richtig. Aber das darf nicht auf Kosten der Beschäftigten in den Kindertageseinrichtungen gehen und das darf auch nicht auf Kosten der Kinder gehen."

Deshalb:

"Geld ist ein wichtiger Faktor. Aber: Wenn sie heute bei den Beschäftigten mal fragen, dann sagen die, wir brauchen Entlastung. Also: Ausreichend Stellen, ausreichend pädagogische Fachkräfte, ausreichend Zeit und ausreichend Weiterbildung und Qualifizierung für die Kräfte, die das zukünftig machen werden."

Zugleich ist klar: Es gibt gar nicht so viele Fachkräfte, obwohl die Zahl der Ausbildungsstellen langsam steigt. Viele Stellen sind schon lange unbesetzt – bei den Erziehern ebenso wie an den Schulen. Es wird Jahre dauern, bis die Lücken geschlossen werden können. Und dass auch nur, wenn sich die Bedingungen stark verbessern. Kurzfristig ist Geld da – allerlei Fördertöpfe werden bereit gestellt, allein in Niedersachsen sind das 32 Millionen Euro. Auch die neue Bundesministerin für Familie und Soziales, Franziska Giffey, hat in ihrer ersten Rede vor dem Bundestag einen Batzen Geld versprochen:

"Besonders wichtig ist mir dabei die frühkindliche Bildung, für die in den nächsten Jahren 3,5 Milliarden Euro Bundesmittel zusätzlich zur Verfügung stehen."

"Das ist eine Mammutaufgabe"

Aber die Maßnahmen sind zur Zeit befristet – und was ist, wenn die Töpfe von Bund, Land oder Kommunen wieder leer sind? Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne sieht die Probleme, bittet aber um Geduld:

"Gute Rahmenbedingungen, attraktive Bezahlung, vernünftige inhaltliche Ausformulierung des KitaG und ausreichend Nachwuchs – das ist eine Mammutaufgabe."

Die ersten Weichen zur Neuordnung wurden mit einem neuen Schulgesetz gestellt, ein weiterer Schritt ist die Anpassung des Kita-Gesetzes bringen. Das alles unter hohem Zeitdruck, denn Eltern, Erzieherinnen und Schulen müssen planen können und sich auf die neuen Verhältnisse vorbereiten können.

"Wir sind auf der Zielgeraden – und ich gehe davon aus, dass wir noch vor der Sommerpause auch das Kindertagesstättengesetz mit den wichtigen Punkten der Beitragsfreiheit und der vorschulischen Sprachförderung verabschieden werden."

Grundsätzliche strukturelle Verbesserungen sind dabei nicht vorgesehen. Die könne es nur in Abstimmung mit dem Bund geben, wie etwa einen gesetzlich festgelegten besseren Betreuungsschlüssel oder veränderte Ausbildungsbedingungen.

"Ich hab mit großem Interesse die Ankündigungen des Bundes gelesen, was man nicht alles jetzt angehen möchte. Von der Unterstützung der Beitragsfreiheit hin zu der qualitativen Verbesserung bei den Arbeitsbedingungen. Also all die Dinge, die uns auch uns sehr bewegen. Der Bund tut gut daran, die Mittel auch schnell bereit zu stellen. Das Wichtige ist nur – wenn wir das machen, dann müssen wir so etwas dauerhaft absichern."

Der Bund will mehr Geld zur Verfügung stellen

Und abstimmen – nicht nur mit dem Bund, sondern auch mit den Kommunen. Die vorschulische Förderung ist dabei nur ein Baustein von vielen, um die Situation für Kinder, Eltern, Erzieher und Lehrer zu verbessern. Überall haben sich Defizite über Jahre summiert. Dabei war dem Gründer des ersten Kindergartens, Friedrich Fröbel, schon vor 170 Jahren klar, worauf es ankommt: Er wollte die besten Köpfe für die Kleinsten. Heute ist man von diesem Standard weit entfernt.

"Was dringend gefordert ist, ist dass man die Zugangsvoraussetzungen auch für die Ausbildung Erzieher erhöht. Und es ist so ein anspruchsvoller Job, das es ganz wichtig wäre, wenn da ganz andere Inhalte, Voraussetzungen dahinter stehen und hinterher auch eine andere Wertschätzung in finanzieller Form. Dann haben wir eine qualitativ gute Betreuung der Kinder."

Ann-Katrin Bockmann von der Uni Hildesheim würde auch gern eine kontinuierliche Betreuung der Kitas etablieren. Mit Blick auf die aktuelle Situation hat sie vor allem einen Wunsch:

"Da wünsch ich mir, dass die Erzieher da mit viel Selbstbewusstsein und Mut da dran gehen. Und die entsprechenden Ressourcen auch dort ankommen, damit man das kann."

Denn in Krippe, Hort und Kita wird nicht nur auf die Schule vorbereitet:

"Wir wollen Kindern ganz viel mitgeben an Selbstbewusstsein, Persönlichkeitsstärkung, um einen möglichst guten Start weiterführend in die Schulen zu haben und für ihr Leben."

Länderreport

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur