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Buchkritik | Beitrag vom 24.02.2021

Kirsten Boie: "Dunkelnacht" Niemand bleibt ohne Schuld

Von Sylvia Schwab

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Das Buchcover "Dunkelnacht" von Kirsten Boie ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen. (Deutschlandradio / Verlag Friedrich Oetinger)
Kirsten Boies "Dunkelnacht" ist ein verdichteter Roman, der ein grausames Geschehen eindringlich erzählt. (Deutschlandradio / Verlag Friedrich Oetinger)

Kirsten Boie erzählt in ihrem neuen Jugendroman von einer wahren Begebenheit aus dem April 1945: Ein Mob aus Nationalsozialisten, Dorfbewohnern und Soldaten tötet 16 Frauen und Männer – ein erschütterndes Stück Zeitgeschichte.

Diese sehr eindrucksvolle Novelle erinnert an ein sogenanntes "Endzeitverbrechen": In der bayrischen Kleinstadt Penzberg wurden am 28. April 1945 - die Amerikaner standen kurz vor der Stadt - 16 Männer und Frauen wegen "Hochverrats" getötet, von einem Militärkommando erschossen bzw. von einem Mob aufgehängt.

Hintergrund dieser Morde war der vereitelte Versuch dieser Gruppe sozialdemokratisch gesinnter Menschen, das Rathaus zu übernehmen und so eine friedliche Übergabe der Stadt an die Amerikaner vorzubereiten.

Realität vermengt mit fiktiven Charakteren

Auf gerade einmal hundert Seiten erzählt Kirsten Boie in "Dunkelnacht" von anderthalb hochdramatischen Tagen. Drei Jugendliche suchen in der Umbruchsituation zwischen Krieg und Frieden ihren Weg durch das Chaos.

Gustl, ein ideologisch verbohrter "Werwolf" voller Hass auf alle, die dem Endsieg in die Quere kommen könnten. Schorsch, Sohn des Polizeimeisters, der seinem Vater helfen soll, verräterische Akten zu vernichten und in Marie verliebt ist. Und Marie, Tochter des Metzgers, der die demokratisch gesinnten Männer im Rathaus unterstützt und nur durch Zufall dem Tod entgeht.

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Kirsten Boie hat die Morde von Penzberg und ihre Vorgeschichte genauestens recherchiert und rekonstruiert. Sie nennt Täter und Opfer beim Namen, hält sich ganz eng an die in den Prozessakten zusammengetragenen Fakten, Vorkommnisse und Aussagen. Die Geschichte von Marie, Schorsch und Gustl ist dagegen frei erfunden.

Die drei sind nicht nur notwendige Identifikationsfiguren für junge Leserinnen und Leser, sie bringen mit ihren Ängsten und ihrer Verunsicherung, ihrer Verliebtheit, ihrer Borniertheit, ihrer tiefen Erschütterung und ihrem Mut auch eine persönliche Perspektive in die historische Handlung.

In Tagebuchform erzählt

Minutiös wird in "Dunkelnacht" der Verlauf der anderthalb Tage geschildert; tagebuchartig ist jedes kleine Kapitel mit Ort, Datum, Uhrzeit und den anwesenden Personen überschrieben. Der dokumentarische Gestus dominiert.

In einem Mosaik kurzer Szenen stellt Kirsten Boie die Protagonisten vor, in knappen Dialogen entwickelt sie ihre Ziele und Entschlüsse. Dramatische Situationen werden in knappen Sätzen zusammengefasst, das ganze Geschehen verdichtet.

Kein Satz ist zu viel, wie atemlos, drängend und immer spannender läuft die Zeit ab.

Die Schilderung der Erschießung schließlich und der Lynchmorde ist - durch die Augen der Jugendlichen beobachtet - in ihrer sparsamen Deutlichkeit von größter Eindringlichkeit.

Ein Mahnmal für die Opfer

Dass alle Mörder von Penzberg nach einer Verurteilung im ersten Prozess 1948 später freigesprochen wurden, hat Kirsten Boie tief empört.

Ihr Buch ist nicht nur ein Versuch zu verstehen, wie es zu den Morden kommen konnte, sondern auch ein Mahnmal für die Opfer.

Und es ist eine Warnung: Nur wer sich an das grausame Geschehen von damals erinnert, kann dem heutigen Rechtsradikalismus angemessen entgegentreten. Denn in unmenschlicher Zeit kann niemand unbeteiligt bleiben!

Kirsten Boie: "Dunkelnacht"
Oetinger Verlag, Hamburg 2021
112 Seiten, 13 Euro

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