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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 10.04.2011

"Kirchenjuste" - ein Porträt

Von Angelika Obert aus Berlin

Das deutsche Kaiserpaar Kaiser Wilhelm II. und Auguste Viktoria (im Vordergrund mit Hut) in Ahlbeck, um 1913 (Sammlung Sauer)
Das deutsche Kaiserpaar Kaiser Wilhelm II. und Auguste Viktoria (im Vordergrund mit Hut) in Ahlbeck, um 1913 (Sammlung Sauer)

Wenn nur die Kirche stark genug wäre, dann käme alles in die rechte Ordnung. Das glaubte Deutschlands letzte Kaiserin Auguste Viktoria. Den Armen würde geholfen, die Monarchie bliebe erhalten. Ihr Baueifer als Schirmherrin zahlreicher neugotischer Kirchbauten trug ihr den Spitznamen "Kirchenjuste" ein. Als sie am 11. April 1921 im holländischen Exil starb, trauerte das Volk um sie wie später um Lady Di. Ihr Schicksal lässt Angelika Obert darüber nachdenken, wie beste Absichten und schwere Irrtümer im Leben Hand in Hand gehen können.

Typisch für Berlin sind die Eckkneipen. Typisch für Berlin sind aber auch die hohen, roten Backsteinkirchen, die sich alle ziemlich ähnlich sehen. Sie sind auch alle fast gleich alt – gut 100 Jahre nämlich. Erbaut zur Regierungszeit Kaiser Wilhelm des Zweiten unter der Schirmherrschaft seiner Gattin Auguste Victoria. Der Berliner Volksmund nannte sie "die Kirchenjuste". An rund 75 Kirchenbauten war sie in Berlin und Umgebung beteiligt. Hat Geld beschafft, Baupläne genehmigt und Altarbibeln signiert. Warum gerade sie und warum gerade am Ende des 19. Jahrhunderts?

Edgar Dusdal: "”Berlin ist damals die dichtbesiedeltste Stadt der Welt gewesen – das muss man sich einfach noch mal so vergegenwärtigen und die Stadt platzte aus allen Nähten – es gab also diese so genannten Schlafgänger, also man vermietete tagsüber sein Bett an jemanden, der dann auf Nachtschicht ging. Die Kellerwohnungen überall waren also völlig ausgelastet d.h. dieses Gaststättenwesen, was wir typisch für Berlin kennen, ersetzte also auch das Wohnzimmer in der Zeit – einfach also durch diese Dichte der Bevölkerung.”"

Edgar Dusdal ist Pfarrer in Berlin-Lichtenberg. Er hat sich viel mit der Geschichte der Arbeiter im 19. Jahrhundert befasst. Massenhaft strömten sie damals vom Land in die Hauptstadt. Dort erwartete sie harte Arbeit rund um die Uhr für einen Lohn, der kaum zum Leben reichte. Mit der Kirche hatten sie da nichts mehr am Hut, sie setzten ihre Hoffnung in die Sozialdemokratie. Und das machte den konservativen Kreisen bei Hof Sorge. Wer nicht zur Kirche geht, so die Befürchtung, steht auch nicht zur Monarchie.

Edgar Dusdal: "”Das Kaisertum, (das muss man noch in dem Zusammenhang sagen), war ja von der Konstruktion her so angelegt, dass der Kaiser gleichzeitig der oberste Bischof in Deutschland war. Das heißt, dieses Bündnis von Thron und Altar hat ja wirklich existiert und der Oberhofprediger Döhring sagte: Katechismus und Kaserne sind die Grundpfeiler der Sozialisation dieser Zeit.”"

Genauso sah das auch Auguste Victoria. Als sie mit 21 Jahren den Hohenzollernprinzen Wilhelm heiratete und mit ihm nach Potsdam zog, lernte sie als erstes die Rangabzeichen sämtlicher preußischer Regimenter auswendig. Aber sie sah auf ihren Spazierfahrten auch das Elend in den Arbeitervierteln. Die "soziale Frage" beschäftigte sie und sie ließ sich anstecken vom Engagement des evangelischen Hofpredigers Adolf Stoecker, der in Berlin die Stadtmission gegründet hatte:

Edgar Dusdal "”Und da kommt es dazu, dass man sagt: Man muss, man muss geradezu, ob man will oder nicht, sich der Arbeiterschaft öffnen, aber nicht im Blick daraufhin, dass man das Selbstverständnis der Arbeiterschaft bereit ist zu akzeptieren, sondern im Sinne einer Rechristianisierung.”"

Die Arbeiter für die Kirche gewinnen – bei Hof bedeutete das: Sie bei der Stange halten. Die Revolution verhindern. Aber Auguste Victoria dachte gar nicht so politisch. Sie war tief fromm und sie wollte vor allem helfen:

"”"Ich halte es für ungerecht, dass die armen Leute so wenig Resultate ihrer Arbeit sehen und genießen. Wie können wir Höhergestellten, wenngleich wir Sympathien für diese Frage haben, ihnen helfen? Ich meine, dass es unsere heilige Pflicht ist, nicht nur nach der eigenen Behaglichkeit zu streben, sondern das Glück anderer zu fördern.""

So schrieb sie als ganz junge Frau an ihren Berater, den Geheimrat Hinzpeter. Fürsorge tut Not, darin war man sich einig, aber mehr noch Seelsorge. In den evangelischen Kirchengemeinden lag viel im Argen: Oft war ein einziger Pfarrer für
30 000 Menschen zuständig. Da musste endlich etwas geschehen. Schließlich wurde im Sommer 1888 ein Kirchlicher Hilfsverein gegründet, dessen Schirmherrschaft Auguste Victoria übernahm. Es gab ja auch viele reiche Menschen in Berlin. Der Verein sollte unter ihnen Geld sammeln, damit in den Gemeinden Hilfsprediger und Diakonissen angestellt werden konnten. Unendlich viel war zu tun, um die Kinder, die Kranken und die Alten in den Armutsvierteln zu unterstützen. Aber, so die Überzeugung der Kaiserin, die Menschen brauchten auch eine geistliche Heimat. Neue Kirchen waren nötig. Auguste Victoria machte Druck: Die reichen Berliner Gemeinden sollten spenden. Und sie ließen es sich sagen. Bald hatte man genug Mittel beieinander, um eine erste Kirche zu errichten – in Rummelsburg, in der Gegend, wo Edgar Dusdal heute Pfarrer ist:

Edgar Dusdal: "”Rummelsburg also hatte man sich ausgeguckt, einfach weil die Not dort am größten war und hat von Anbeginn auch, und das ist schon was Singuläres gewesen damals und hatte Modellcharakter, die Kirche daneben ein Gemeindehaus mit einer Diakoniestation und als sich das als zu klein erwies, hat man noch ne Krankenbaracke daneben gebaut und eine Kindereinrichtung, ne Kindertagesstätte, so dass also durchaus eine, tja, Sozialstation so würden wirs heute sagen, dort errichtet worden ist, die Ausstrahlung hatte.”"

Nach diesem Muster ging es dann an vielen Orten weiter. In Berlin brach ein regelrechtes Kirchbaufieber aus – und Auguste Victoria hatte ihre Lebensaufgabe gefunden. Man weiß: Der Umsturz ist auf diese Weise nicht verhindert worden. Aber für die Armen damals in Rummelsburg war das Gemeindezentrum doch eine ganz reale Hilfe:

Edgar Dusdal: "”Man hat das, was mit der Erlöserkirche dort entstanden ist, in Anspruch genommen. Es hat Fürsorge, gelebte Fürsorge dort stattgefunden. Die Menschen kamen, man nahm es in Anspruch und man muss natürlich auf der andern Seite feststellen. Es war n Tropfen auf den heißen Stein. Die Versorgungsnotlage auf der einen Seite der Bedarf und das, was man auf der andern Seite an Angebot errichtet hatte, reichte bei weitem nicht aus – und dennoch, so muss man sagen: Besser als gar nichts.”"

Sie galt als unbedarft und provinziell, als sie 1881 an den Berliner Hof kam. Hinter ihrem Rücken tuschelte man über die "holsteinische Kuh", wie der Reichskanzler Bismarck sie nannte. Die junge Auguste Victoria passte nicht auf das glatte Parkett der adligen Hauptstadtkreise. Sie war auf dem schlesischen Gut Primkenau aufgewachsen als Tochter des entmachteten Herzogs von Schleswig und Holstein. Ihre Geburt stand unter einem traurigen Stern, denn gleich danach starb ihr älterer Bruder. Die exzentrische Mutter trauerte um den Sohn und mochte das neugeborene Töchterchen nicht annehmen. Das Baby galt als hässlich und unartig.
Trost fand die Kleine, als ihre Schwester Calma geboren wurde. Jetzt hatte sie einen Menschen, für den sie da sein konnte. Gerade mal zweijährig übernahm sie bei Calma die Mutterrolle – und behielt sie bis zum Lebensende bei: Alle ihre Briefe an die Schwester begann sie mit der Anrede: "Mein Kindchen!"
Die Mutterrolle wurde Auguste Victorias Lebenselement. In der Fürsorglichkeit fand sie die Bestätigung, die sie brauchte. Hingebungsvoll kümmerte sie sich um ihren entmachteten Vater.
Sanftmütig begegnete sie auch ihrem gleichaltrigen Vetter Wilhelm aus dem Haus Hohenzollern. Der war davon so angetan, dass er sich die schüchterne Prinzessin als Gattin wünschte – sie war so anders als seine herrische Mutter. Aber auch die wünschte sich ein fügsames Mädchen zur Schwiegertochter, so kam die Hochzeit zustande.
Eine eigene Familie zu haben – das bedeutete der jungen Auguste Victoria viel mehr als der Aufstieg in die mögliche Thronnachfolge. Die schönsten Jahre ihres Lebens verbrachte sie als Prinzgemahlin im Marmorpalais in Potsdam. Dort wurden ihre ersten vier Söhne geboren, um die sie sich zärtlich kümmerte. Dort erfreute sie sich ungetrübter Zweisamkeit mit ihrem Mann, der später so viel auf Reisen war. Aber sie führte in Potsdam auch gleich die Sitten ein, die sie aus Primkenau kannte: Als Tochter des Gutsbesitzers war sie daran gewöhnt, in den Dörfern Krankenbesuche zu machen und die Armen zu Weihnachten zu bescheren. So hielt sie es nun auch als Prinzgemahlin. Gern besuchte sie anonym mittellose Familien, um ihnen ein Geldgeschenk zu hinterlassen. Und gern übernahm sie ihre erste Schirmherrschaft über das Rettungshaus am Pfingstberg – ein Heim für, wie man damals sagte, verwahrloste Knaben. Als erstes sorgte sie dort für neue Waschgelegenheiten, denn die Jungen hatten nur eine Pumpe im Hof. Aber dabei blieb es nicht. Auch am Pfingstberg sollte schließlich neu gebaut werden

Friedhelm Wizisla: "”Die Protokolle des Pfingstkapellenvereins erzählen davon, wie rasant die Spenden zusammengekommen sind, dass eben nicht nur ein neues Pfingsthaus gebaut werden konnte, also dieses Rettungshaus für die Knaben, sondern gleich eine Kapelle und anschließend ein Pfarrhaus und dann haben sie noch mal gespendet und noch mal gesammelt und haben noch ein Witwenhaus gebaut.”"

sagt Friedhelm Wizisla, der heutige Pfarrer der Pfingstkirchengemeinde. Die Potsdamer Pfingstkirche, die neben dem Rettungshaus entstand, wurde Augustes Victorias Lieblingskirche. Hier hat sie dann auch tränenreich Abschied genommen, als sie 1918 ins Exil nach Holland ging. Aber warum wurde gerade für den Bau am Pfingstberg so reichlich gespendet? Natürlich, in Potsdam gab es auch damals schon Leute mit Geld. Aber vor allem war das wohl dem engsten Mitarbeiter der Kaiserin zu verdanken, dem Oberhofmeister Ernst von Mirbach. Er wohnte im Bereich der Pfingstgemeinde, er führte die Geschäfte im Kirchlichen Hilfsverein und muss ein Genie im Spendensammeln gewesen sein – wenn auch seine Werbemethoden manchmal etwas fragwürdig waren, wie Edgar Dusdal erzählt:

Edgar Dusdal: "”Er hat zum Beispiel Adelstitel sich vergolden lassen, aber nicht zu seinem Zwecke, aber immerhin, er hat gesagt: Wenn du bereit bist, für meine Stiftung Geld zu geben, dann als für den Kirchbau, dann kann ich mich dafür verwenden, dich zu adeln – und hat also sehr unkonventionelle Methoden zuweilen angeschlagen, aber er hat auch mit sehr viel Überzeugung und Verve Menschen begeistern können für seine Aktivitäten.”"

Versteht sich, dass man am Pfingstberg besonders kaisertreu dachte. Nach dem Tod der Kaiserin hieß die Kirche bis zur Gründung der DDR Auguste-Victoria-Kirche – und wenn das nun auch lange vorbei ist, auch heute noch finden sich dort ihre Spuren:

Friedhelm Wizisla: "”Das zeigt sich auch darin, dass wir bis heute die Initialen der Kaiserin im Kirchengestühl haben, sogar in den Fenstervergitterungen und dass die Kaiserin ein kostbares Silberabendmahlsgerät und ein Taufgeschirr der Pfingstkirche überlassen hat mit ihren Initialen.”"
Mit der Bescheidenheit der ersten Jahre war es zu Ende, als Wilhelm den Thron bestieg und Auguste Victoria Kaiserin wurde. Wilhelm liebte den Pomp und auch seine Gattin gewöhnte sich sehr schnell an den Luxus und die großen Auftritte. Die Kircheneinweihungen wurden mit der Zeit immer bombastischer. Da regte sich dann doch Kritik selbst in christlichen Kreisen. Was hat das alles noch mit der Not der Arbeiterschaft zu tun? fragte man zu Recht. Man war unzufrieden mit den Aktivitäten des kirchlichen Hilfsvereins und forderte: Es muss mehr Soziales geschehen, damit mehr Leben in die Gemeinden kommt. So schlug die Stunde der ehrenamtlichen Frauenarbeit. Die Kaiserin selbst hatte dafür ja schon das Vorbild gegeben: Unermüdlich war sie neben ihren Pflichten als Gattin und Mutter tätig für die Kirche. Das könnten andere ihr doch nachtun, befand man und Auguste Victoria ließ sich zu einem Aufruf bewegen:

"”An die evangelischen Frauen und Jungfrauen richtet sich meine herzliche Bitte, einzutreten und zu helfen, dass wir unserm Volke die Segnungen des Evangeliums in stets reichem Maß zuwenden und erhalten.”"

Bald darauf wurde die evangelische Frauenhilfe gegründet – als ein Ableger des Kirchlichen Hilfsvereins. Dazu sagt die heutige Leiterin der evangelischen Frauenarbeit in Berlin und Brandenburg Cornelia Radeke-Engst:

Cornelia Radeke-Engst: "”Es wurden also weibliche Gemeindeglieder gesammelt zur freiwilligen Armen- und Krankenpflege, zur Anstellung von Gemeindeschwestern und Pflegeschwestern – wenn ich mal zitieren darf – zur Bewahrung oder Errettung konfessionell oder sittlich Gefährdeter – zur Bildung der Jugend und eben auch zur Mission – also selbst vom Geist Jesu Christi erfüllt, wollten sie diesen Gedanken auch in die immer mehr säkularisierten Arbeiterviertel tragen.”"

Vor allem ging es um die häusliche Krankenpflege, für die es in den Arbeitervierteln überall an Kräften und Mitteln fehlte. Die übernahmen die evangelischen Frauen nun ehrenamtlich. Dafür wurden sie in Kursen vorbereitet - und es machte offensichtlich vielen Frauen Spaß, auf diese Weise eine Aufgabe außerhalb der Familie zu haben, denn die Frauenhilfe wurde damals ein großer Erfolg:

Cornelia Radeke-Engst: "”Es konnten sich alle Frauen organisieren, treffen und Vereine gründen und das hat die Frauen stark gemacht – letztlich dann auch innerhalb ihrer Beziehungen und Ehen...”"

Auguste Victoria mochte die fortschrittlichen Frauen nicht, die damals um das Wahlrecht und die Mädchenbildung kämpften. Sie hielt es für gottgewollt, dass die Frau dem Manne untertan sein müsse. Aber sie genoss ihre Ehrenämter und wurde dadurch mit der Zeit immer selbstbewusster. Allmählich entwickelte sie auch eine gewisse Frauensolidarität. Sie setzte sich nachdrücklich für die Berliner Heimarbeiterinnen ein, sorgte für Müttererholungsheime und betrieb schließlich sogar die Zulassung der Frauen zum Hochschulstudium. Genügend seriöse, christliche Lehrerinnen hatten ihr dieses Thema ans Herz gelegt. Man schätzte sie nun nicht nur als Wohltäterin, sondern auch als Vermittlerin. Sie wurde immer beliebter.

Nahezu vollendet hat Auguste Victoria das konservative Frauenideal ihrer Zeit verkörpert. Aber sie hat dabei das Leben einer Frau von heute geführt, die alles zugleich sein will: perfekt als Gattin, perfekt als Mutter, perfekt im Beruf und perfekt im Auftreten. Die Mehrfachbelastung hat sie sich nicht nehmen lassen. Auch als Kaiserin kümmerte sie sich weiterhin täglich um ihre mittlerweile sieben Kinder, sagte ihnen jeden Abend gute Nacht und begleitete, so oft es ging, ihren Unterricht. Die Kinder blieben immer das Wichtigste in ihrem Leben – und sie dankten es ihr:

Jörg Kirschstein: "”Die Kinder hatten zur Mutter ein sehr vertrauensvolles Verhältnis in der Tat, was sie ja zum Kaiser nicht hatten…. also sie war sehr mütterlich und hat ihren Kindern doch den Schutz gegeben, den sie gesucht haben und das hat man dann auch gemerkt, da alle Kinder eine sehr, sehr enge Bindung hatten.”"

Das sagt Jörg Kirschstein, der ein Buch über die Kinder der Kaiserin geschrieben hat. Auguste Victoria hatte keinen intellektuellen Ehrgeiz. Sie trieb ihre Söhne nicht an. Aber sie griff ein, als sie später Affären mit bürgerlichen Frauen hatten. Das verstand sie als ihre erste Pflicht: die Ordnung in der Familie aufrechtzuerhalten.
Dazu gehörte vor allem, unbeirrt an der Seite ihres Mannes zu stehen und ihn auch dann noch stützen, wenn er gar nicht mehr gestützt werden wollte. Als er in einer politischen Krise an Abdankung dachte, wachte sie an seiner Tür, bis sie ihn so weit hatte, weiter zu machen. Den Thron retten – das blieb nun ihre Devise. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, übertraf sie sich als Landesmutter noch einmal selbst. Obwohl sie schon sehr herzkrank war, verging kein Tag ohne kaiserlichen Lazarettbesuch. Doch immer häufiger mischte sie sich nun auch in die Politik ein:

Jörg Kirschstein: "”Und dann hat sie auch ne ganz interessante Rolle während des ersten Weltkrieges gespielt. Gerade 1917/18 während den letzten Kriegsmonaten hat sie viele Informationen dem Kaiser vorenthalten, um ihn zu schützen und hat sich da sehr, sehr demonstrativ aufgespielt als große erste Dame des Reiches, die eben nicht wahrhaben wollte, was passierte mit Deutschland – nämlich, dass die Monarchie abgeschafft wird, das wolle sie auf gar keinen Fall und da hat sie wie eine Hyäne gekämpft, dass das bestehen bleibt.”"

Als es dann doch zu Ende war im November 1918, hat sie vor allem eins bedauert: dass sie nun nicht mehr die gute Fee sein konnte, die überall zu helfen vermag. Es blieb ihr nur noch, ihrem Mann beizustehen und ihm ins Exil nach Holland zu folgen. Da hatte sie nicht mehr lange zu leben. Sie starb vor 90 Jahren – am 11. April 1921. Es war ihr Wunsch, in Potsdam bestattet zu werden und die preußische Regierung gab dafür den Antikentempel im Park Sanssouci frei. Wie ungeheuer beliebt Auguste Victoria im Volk auch nach dem Krieg noch war, zeigte sich dann bei der Bestattung:

Jörg Kirschstein: "”Ganz Potsdam war auf den Beinen. Es waren 200 000 Schaulustige gekommen, die den Weg vom Kaiserbahnhof, wo ja der Zug ankam, bis zum Neuen Palais gesäumt haben. Allein 6000 Offiziere haben Ehrenspalier gestanden. …Alles war schwarz verhüllt, nicht nur die Gebäude, auch die Menschen natürlich hatten Trauerkleidung angelegt und in den nächsten Tagen kamen über 3000 Kränze zum Antikentempel, die dann an der Fassade angebracht worden sind und ja es war …. ein sehr schöner Frühlingstag – und da wurde eben die Landesmutter, die ehemalige zu Grabe getragen.”"

Auch die sozialdemokratischen Zeitungen widmeten ihr respektvolle Nachrufe.
So schrieb etwa das Berliner Tagblatt:

"”Man wird der Verstorbenen nachsagen dürfen, dass sie in ihrer Art und Natürlichkeit in den durch ihre Erziehung und Weltanschauung gesetzten Schranken stets bemüht gewesen ist, ihrem Gatten beizustehen und Gutes zu tun.”"

Auguste Victoria hat sich wahrhaftig gemüht. Und sie hat sich in Vielem geirrt. Sie hat ihre Rolle als Wohltäterin gewiss oft mehr genossen als sie wahrhaben wollte. Und sie hat an der Seite des unruhigen Kaisers auch mehr gelitten als sie sich je anmerken ließ. Als Vorbild kann sie den Frauen heute nicht mehr dienen. Doch sie verdient Achtung. Wie alle die vielen Frauen von damals, deren Lebensbestimmung es war, dem Gatten beizustehen und Gutes zu tun.


Alle Zitate aus:
Angelika Obert, Auguste Victoria, Wie die Provinzprinzessin zur Kaiserin der Herzen wurde. Wichern, Berlin 2011

Musikangaben:
CD: Josef Banowetz, Complete Piano Music Vol 6, Naxos 1997
- Felix Mendelssohn und Franz Liszt: Nine Song and Choral Transcriptions: Sonntagslied Op 34, No.5
- Felix Mendelssohn und Franz Liszt: Ninge Song and Choral Transcriptions: Winterlied Op 28a, No.4
- Franz Liszt: Eleven Chorales: Wer nur den lieben Gott
- Franz Liszt: Eleven Chorales: Alleluja

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrerin Petra Schulze, Senderbeauftragte für Deutschlandradio und Deutsche Welle für den Medienbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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