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Religionen | Beitrag vom 23.09.2018

Kirchen-Modellbauer Rolf SchäferGotteshäuser aus Pralinenschachteln

Von Simon Schomäcker

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Kirchenmodell aus Pappe und Papier, entstanden 2003 - 2007, erstellt von Rolf Schäfer  (Privat)
Ein Kirchenmodell aus Pappe und Papier, entstanden 2003 – 2007, gebaut von Rolf Schäfer (Privat)

Um diese Deckengewölbe zu bewundern, muss sich niemand den Hals verrenken. Man sollte eher in die Hocke gehen: Rolf Schäfer aus Gelsenkirchen baut Kirchen-Modelle im Maßstab 1:300 – nach eigenen Entwürfen.

Sie sehen aus wie Kathedralen aus Sandstein oder rotem Backstein, geschrumpft auf das Format einer Spielzeug-Eisenbahn. Die Miniaturkirchen von Rolf Schäfer aus Gelsenkirchen sind detailgetreue Modelle von romanischen und gotischen Gotteshäusern.

Schäfer: "Mich haben als Kind schon Kirchen fasziniert. Meine Eltern mussten sich mit mir immer alte Kirchen angucken."

Dabei ist es für den heute 52-jährigen Rolf Schäfer nicht geblieben. Während viele seiner Freunde mit Blechautos spielten oder große Modellbahnanlagen im Keller bauten, fing Schäfer mit zwölf Jahren an, Kirchenmodelle zu planen – zunächst auf Papier.

Schäfer: "Und das hat sich einfach immer weiterentwickelt. Ich habe viel gelesen, habe mir viele Bilder angeschaut, habe dann auch viel gemalt. Und ein weiterer Teilstrang dieses Hobbys war eben das Basteln von Kirchenmodellen."

Schäfer, im Hauptberuf Programmierer, pflegt den Modellkirchenbau bis heute. Um die 30 Objekte hat er bereits geschaffen. Seine Kirchen im Maßstab 1:300 sind aber weder Bausätze aus dem Spielzeugladen, noch Nachbildungen von existierenden Gebäuden.

Modelle im Geiste bestimmter Epochen

Schäfer: "Diese Kirchen, die ich gebaut habe, sind selbst entworfene Kirchen. Also ich habe mich orientiert an vorgefundener Architektur und habe dann aber eigene Pläne gemacht und danach diese Kirchen gebaut. Aber so, dass sie in einer bestimmten Landschaft stehen könnten und in einer bestimmten Epoche hätten entstehen können."

Für ein fertiges Modell braucht der Kirchenenthusiast mehrere Jahre. Denn eine detailreiche Nachbildung erfordert nicht nur Planung, sondern vor allem handwerkliches Geschick.

Rolf Schäfer zeigt eine kleine Blechkiste. Neben Kleber, Scheren, Bleistift und Lineal liegen darin Pappstreifen, aus denen er die einzelnen Gebäudeteile fertigt. Sie werden je nach Bedarf schon vorher farblich gestaltet, damit sie sich im verbauten Zustand nicht mehr verziehen.

Schäfer: "Speziell aus Pralinenschachteln sind die, die habe ich mal so gesammelt. Und etwas Alufolie für die Kapitelle, das sind die Übergänge von Säulen zu Gewölben – und die muss ich ja irgendwie modellieren. Das mache ich dann mit solchen Folien. Oder die Knäufe von Dächern, von Turmspitzen, die modelliere ich auch daraus."

Aufwändig gestaltete Fenster und Innenräume

Die Kirchen sollen schließlich nicht nur von außen gut aussehen – auch der Innenausbau samt Malereien wird aufwändig gestaltet.

Komplexe Gewölbekonstruktionen haben es Rolf Schäfer dabei besonders angetan. Sie fertigt der Hobby-Modellbauer zuerst an und setzt später die Außenwände drumherum. Schäfer zeigt ein paar Gewölbe-Gerippe, die an aufgespannte Schirme ohne Tuch erinnern. Aber nicht nur die Vorbereitung der Gewölbe gleicht einer Sisyphus-Arbeit. Dasselbe gilt auch für die farbig gestalteten Fenster. Sie bestehen aus bis zu 61 Einzelteilen.

Rolf Schäfer, Konstrukteur von Kirchenmodellen aus Pappe und Papier, vor dem historischen Uhrwerk im Turm der Kirche St. Michael in Gelsenkirchen-Hassel  (Privat)Rolf Schäfer vor dem historischen Uhrwerk der Kirche St. Michael in Gelsenkirchen-Hassel (Privat)

Schäfer: "Also, da ist nichts ausgestanzt, sondern das ist alles mit diesen Bastelscheren gemacht. Das sind einzelne Teile, die zum Teil nur einen bis zwei Millimeter groß sind und auf einer Folie zusammengeklebt sind. Es sind durchsichtige Folien, auch aus Pralinenschachteln oder von eingepackter Wäsche, da gibt es ja auch schon mal so steife Folien."

Handarbeit aus tausend Einzelteilen

In einer kompletten Kirche können mehrere tausend Einzelteile verbaut sein. Bei all der Kleinstarbeit passieren natürlich auch Missgeschicke: Klebstoff tritt aus Fugen aus und beeinträchtigt die farbige Gestaltung, kleine Mauer-Ornamente wollen sich nicht fehlerfrei ausschneiden lassen. Manchmal fehlen auch einfach die zündenden Gestaltungsideen. Dann lässt Rolf Schäfer sein Modell schon mal ein paar Monate liegen – und baut die Kirche nicht selten später ganz anders weiter als geplant.

Schäfer: "Ich schaue mir zwischenzeitlich andere Sachen an, ich werde von anderen Kirchen fasziniert, diese Pläne fließen ein in die Kirchenbauten. Und so entwickelt sich ein Kirchenbau immer weiter. Also im Prinzip wie eine reale Kirche auch entstanden ist im Mittelalter. Es gab verschiedene Baumeister, die nach unterschiedlichen Plänen dann weitergearbeitet haben."

Ist der Kleinbaumeister aber zufrieden mit seinem Werk hängt er noch die Glöckchen in den Turm und fügt das Modell seiner beachtlichen Sammlung hinzu.

Hochachtung vor den Baumeistern des Mittelalters

Ausstellungen hat Rolf Schäfer schon öfter in der Kirche seiner Heimatgemeinde organisiert – außerdem in Schulen, Banken, Büchereien und im Sandsteinmuseum Havixbeck. Dazu nutzt er spezielle Vitrinen mit Spiegel im Boden, damit auch die Innenräume sichtbar sind. Gerne möchte der Modellbaufan seine Miniaturkirchen noch häufiger öffentlich zeigen – auch um die Arbeitsumstände in Mittelalter und Renaissance anschaulich zu machen.

Schäfer: "Man hatte ja damals nicht diese Hilfsmittel, die man heute hat. Trotzdem hat man solche Kathedralen bauen können. Wenn man sich heute vorstellt – der Wiederaufbau oder die Restaurierung einer Kirche, das dauert ja Jahre, selbst mit den heutigen Mitteln."

Gerade in Zeiten schrumpfender Gemeinden findet der Kirchenfan es wichtig, den Blick wieder intensiver auf die imposanten Gotteshäuser zu lenken – und auf ihre Baugeschichte.

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