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Religionen / Archiv | Beitrag vom 16.08.2020

Kirchen in der FriedensbewegungKaum noch Proteste gegen Atomwaffen

Von Michael Hollenbach

Schwerter zu Pflugscharen - Demonstration gegen die nukleare Nachrüstung in Bonn, 1982. (imago images / Sven Simon)
Schwerter zu Pflugscharen - Demonstration gegen die nukleare Nachrüstung in Bonn, 1982. (imago images / Sven Simon)

Vor 75 Jahren fielen in Hiroshima und Nagasaki die ersten Atombomben in einem Krieg. Gegen Nuklearwaffen gingen in den 1980er-Jahren Hunderttausende auf die Straße. Heute protestiert kaum jemand mehr. Dabei droht eine neue Phase der Aufrüstung.

Am 6. August 1945 fiel aus einem sonnigen Morgenhimmel die erste Atombombe auf Hiroshima – und veränderte die Welt. Das Zerstörungspotenzial der Nuklearwaffen zeigte der Menschheit: Ein dritter Weltkrieg kann den Untergang bedeuten. Hiroshima führte aber keineswegs zur Ächtung der Nuklearwaffen, sondern zu deren Aufrüstung. Und zu Massenprotesten wie im Oktober 1981.

Hunderttausende demonstrieren in der Hauptstadt

Am 10. Oktober 1981 berichtete die Tagesschau:

"Friedlich ist die größte Kundgebung in der Geschichte der Bundesrepublik am Abend in Bonn zu Ende gegangen. 250.000 bis 300.000 Menschen hatten sich in der Bundeshauptstadt versammelt, um für Frieden und Abrüstung zu demonstrieren. Sie folgten einem Aufruf der Aktion Sühnezeichen und der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden, der von 1.000 politischen und kirchlichen Organisationen unterstützt wurde."

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Horst-Peter Rauguth von der katholischen Friedensorganisation Pax Christi erinnert sich: "Ich war selber dabei, als vor einer Generation die Menschen aus Angst vor einem Atomkrieg zu Tausenden auf die Straße gegangen sind, um die Mittelstreckenraketen in Europa zu verhindern. Das haben wir auch für folgenden Generationen getan, aber jetzt ist die Angst wieder da."

Kirchlicher Protest auch in der DDR

Auch in der DDR regte sich Protest gegen die nukleare Aufrüstung. Der evangelische Pfarrer Hans Misselwitz hat die Bonner Hofgarten-Demo damals im Fernsehen verfolgt:

"Das hat uns sicher inspiriert, und die Gründung des Pankower Friedenskreises ist zwei Wochen nach der Bonner Hofgarten-Demonstration 1981 geschehen."

Mehr als 300.000 Gegner der atomaren Aufruestung kamen am 10.10.1981 in den Bonner Hofgarten , um gegen den Natodoppelbeschluss zu demonstrieren. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)Rund 300.000 Menschen kamen am 10. Oktober 1981 in den Bonner Hofgarten, um gegen Atomwaffen in Europa zu demonstrieren. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)

"Gegen Todsicherheit – für den Frieden", so lautete das Motto eines Gemeindetags, den der Friedenskreis in Berlin-Pankow veranstaltete. "Dieses Angebot wurde unerwartet stark angenommen", sagt der Theologe und spätere SPD-Politiker Misselwitz. "Wir begannen gegen Mittag und sind bis Mitternacht zusammen gewesen, und da sind 500, 600 Leute dabei gewesen."

Stasi späht Friedensinitiativen aus

Misselwitz erinnert sich an das breite Echo: "Das hatte Ausstrahlung bis hin zu Leuten, die in der SED waren. Plötzlich entstand in dieser ersten Phase ein Dialog mit Leuten, die sich gar nicht als Opposition verstanden hätten."

Doch schon wenige Monate nach der Gründung stand der Friedenskreis Pankow wie andere DDR-Friedensaktivisten unter verschärfter Beobachtung der Staatssicherheit.

Heute ist es ruhiger geworden um die Friedensbewegung. Der Saarbrücker Horst-Peter Rauguth ist aber noch regelmäßig dabei, wenn Menschen im rheinland-pfälzischen Büchel gegen die dort stationierten Atomsprengköpfe protestieren.

Heute sind Abrüstungsverträge in Gefahr

"Wenn ich sage, dass in Büchel noch 20 Atomwaffen stationiert sind, sind viele erstaunt. Die denken, das gibt es gar nicht mehr in Deutschland", sagt Rauguth.

Doch die Realität sieht anders aus. Weltweit gibt es rund 13.000 Atomsprengköpfe. Wichtige Abkommen zur Begrenzung und Kontrolle der Atomwaffen wurden in den vergangenen Jahren von den USA gekündigt oder laufen aus.

"Das ist katastrophal", sagt Renke Brahms, Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). "Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten genau mit diesen Verträgen enorme Rüstungskontrollmechanismen gehabt bis dahin, dass tatsächlich Atomsprengköpfe abgerüstet worden sind in großer Zahl. Aber es droht in der Tat eine neue nukleare Aufrüstung."

Gefährliche Szenarien mit "kleinen Atomwaffen"

Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer ist als Vorsitzender der deutschen Kommission Justitia et Pax so etwas wie das katholische Pendant zu Renke Brahms. "Wir befinden uns zur Zeit an einer brisanten Stelle, die nicht unerheblich ist für die Geschichte der Menschheit", sagt Wilmer. Brahms ergänzt:

"Hier wird eine Strategie entworfen, die auch nuklear antwortet auf konventionelle Angriffe, und insofern wächst die Gefahr durch die Entwicklung vermeintlich kleiner Atomwaffen, die wieder einsetzbar sind und lokal begrenzbar sind, jedenfalls nach den Strategien, dadurch wächst die Gefahr wieder."

Heiner Wilmers Sorge dabei: "Ich befürchte, dass wir staatlicherseits in eine neue Phase des atomaren Wettrüstens kommen und mentalitätsmäßig in eine Lethargie versinken – auch in Deutschland: dass wir das Wettrüsten außer Acht lassen."

Erinnerung an die Weltkriege verblasst

Der Zweite Weltkrieg, Hiroshima, das liegt 75 Jahre zurück. "Wir sind die erste Generation, die komplett in einer Friedenszeit aufgewachsen ist", sagt Wilmer. Aus seiner Sicht ein Grund, warum es in Deutschland trotz der wachsenden militärischen Bedrohung so ruhig bleibt:

"Wenn ich an meine eigene Familie denke, dann kann ich nur sagen: Jede Generation war im Krieg. Zwei Brüder meines Vaters sind im Zweiten Weltkrieg verstorben, mein Großvater verlor im Ersten Weltkrieg zwei Brüder. Das heißt, ständig hatten wir Kriege. Wir hatten jetzt schon ein, wenn nicht zwei Generationen, die ohne Krieg leben. Von daher ist unser Gedächtnis hier gefragt."

Der Berliner Hans Misselwitz nennt einen weiteren Grund: "Die Vorstellung ist auch, dass sich die direkte militärische Konfrontation nicht bei uns, sondern vielleicht weiter im Osten vollzieht. Die direkten Gefahrenwahrnehmungen haben sich verändert."

Protest nicht auf den Straßen, sondern in der Politik

Friedensaktivitäten zeigen sich nicht mehr so sehr auf der Straße, sondern in politischen Initiativen. Der EKD-Friedensbeauftragte Renke Brahms verweist auf ICAN, die internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, oder die Mayors for Peace, die Bürgermeister für den Frieden: Friedensdiplomatie statt Massendemo.

"Manchmal überlege ich: Was ist eigentlich besser?", sagt Brahms. "Ich finde jedenfalls, das hat einen großen Erfolg gehabt, diese Kampagne von Fachleuten, und auch wenn es nicht so viele waren auf den Straßen, aber es sind vor allem auch junge Leute, und das macht mir an dieser Stelle auch Hoffnung."

Vor allem beim Ringen um den Atomwaffenverbotsvertrag. "Der Verbotsantrag will eine atomwaffenfreie Welt, er will Atomwaffen ächten", erklärt Christine Busch. Die Pfarrerin ist Vorsitzende der evangelischen Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden. "Der Vertrag verbietet alles, was man sich vorstellen kann", sagt Busch: "Atomwaffen zu entwickeln, zu testen, sie zu produzieren, sie zu lagern, zu transportieren, mit ihnen zu drohen und sie einzusetzen. Das Ganze zielt darauf ab, Staaten, die Atomwaffen haben, ethisch zu delegitimieren."

Kirche und Politik zurückhaltend bei Atomwaffenverbot

Der Atomwaffenverbotsvertrag wurde bereits von mehr als 80 Staaten unterzeichnet, allerdings nicht von Deutschland. Das Kirchenparlament der EKD hatte sich im vergangenen Jahr mit dem Atomwaffenverbotsvertrag befasst, jedoch ein eindeutiges Bekenntnis zum Atomwaffenverbot vermissen lassen, sagt Christine Busch.

"Die Synode vermeidet es, ganz klar und unumwunden zu fordern, den Vertrag jetzt zu unterzeichnen. Sie setzt also kein klares prophetisches Signal, was ihre Aufgabe als Kirche meines Erachtens ist. Und damit unterstützt sie natürlich auch die Linie der Regierung.

Der Vorwurf an die Bundesregierung: Aus Rücksicht auf Atomwaffenstaaten wie die USA, Frankreich und Großbritannien laviere die Große Koalition.

Papst Franziskus erklärt Atomwaffen für unmoralisch

Dem Vertrag beigetreten ist der Vatikan. Papst Franziskus hat im vergangenen Jahr erklärt, der Einsatz von Atomwaffen sei ein "Verbrechen", und auch deren Besitz sei "unmoralisch".

"Wir halten seitens der deutschen Bischöfe es für dringend erforderlich, dass dieser Vertrag unterschrieben werden muss", sagt auch Heiner Wilmer, der Vorsitzende von Justitia et Pax. "Die Bundesrepublik Deutschland muss den Druck erhöhen, so dass wir gemeinsam zu einer Politik kommen, die am Ende das Ziel verfolgt, eine Weltordnung zu schaffen, die ohne Atomwaffen auskommt."

Ein Ziel, das angesichts der derzeitigen Militärpolitik der USA aber in weiter Ferne zu liegen scheint. Und ein Ziel, das sich nicht von selbst realisiert, betont Bischof Wilmer:

"Für mich ist Friede kein Normalzustand, der Normalzustand unter uns Menschen ist eher Streit, Konflikt, Zwist, vielleicht sogar Krieg; der Friede ist das Ergebnis massiver Verhandlungen, der Friede ist das Ergebnis einer hohen Kunst, streiten zu können miteinander, zu ringen, ohne sich die Köpfe einzuschlagen."

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