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Religionen / Archiv | Beitrag vom 25.05.2013

Kirchen im Dornröschenschlaf

An Rhein und Ruhr gibt es zu viele Kirchen für die Gläubigen

Von Adolf Stock

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Die Paulskirche in Frankfurt am Main  (AP Archiv)
Die Paulskirche in Frankfurt am Main (AP Archiv)

Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die Bürger all die zerstörten Kirchen in Deutschland wieder auf. Besonders an Rhein und Ruhr wurden viele Gotteshäuser benötigt. Doch heute werden sie nicht mehr gebraucht - und so werden viele von ihnen umgewidmet.

Maria Schwarz: "Es sind sehr viele Kirchen in den 50er Jahren gebaut worden. Da gibt es zwei grundlegend verschiedene Anlässe. Einmal waren die Kirchen zerstört, und aufs Andere kamen die Menschen nach Hause und ob das nun von den evangelischen oder katholischen Leitungen her geplant war oder auch aus der Emotion der Menschen: Die wollten zusammen sein."

Die Architektin Maria Schwarz lebt in Köln. Sie ist über 90 Jahre alt und beruflich noch aktiv. Ihr 1961 verstorbener Mann Rudolf Schwarz gehört zu den renommiertesten Kirchenbaumeistern des letzten Jahrhunderts. Viele moderne Kirchen tragen seine Handschrift, auch die Frankfurter Paulskirche wurde nach seinen Plänen wiederaufgebaut. Damals ging es nicht nur um Architektur.

"Es ging darum, innige Gemeinden zu gründen, und die waren groß. Und dann kam natürlich die Reaktion auf diese grauenhafte geistige Diktatur, das war eine Explosion in Freiheit, Freiheit mit einer inneren Zufriedenheit, um die kleinste Lebenserfüllung, das kann heute keiner nachempfinden. Es war eine für uns, die wir das dann auch tun durften, eine ganz glückliche Zeit."

Auch Martin Bredenbeck erzählt von dieser glücklichen Zeit. Der Architekturhistoriker und Pfarrerssohn aus Mühlheim an der Ruhr hat 333 Kirchen verschiedener Konfessionen aufgelistet, die im Rheinland und im benachbarten Ruhrgebiet in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gebaut worden sind.

"Es sind ja hunderte von Neubauten in relativ kurzer Zeit, 50er, 60er Jahre bis so Anfang der 70er, die für die Gegend hier schon einzigartig sind. Flächenmäßig dürfte hier der größte Schwerpunkt für den Neubau von Kirchen gewesen sein. Wir hatten auch einfach sehr viele gute Baumeister in der Zeit."

Viele dieser Kirchen werden heute nicht mehr gebraucht, weil immer weniger Menschen zum Gottesdienst gehen. In den Gemeinden herrscht finanzielle Not, und es fällt ihnen zunehmend schwer, allen seelsorgerischen Aufgaben nachzukommen. Für manche Kirchen findet sich eine neue Nutzung, sie werden zu einer Bibliothek, zu einem Veranstaltungsort oder zu einer Urnenbegräbnisstätte. Im Bistum Essen ist die Lage besonders prekär, bis zu 70 Kirchen stehen dort auf der Schließungsliste, einige wurden auch schon abgerissen, um danach das Grundstück zu verkaufen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Situation völlig anders: Die Städte an Rhein und Ruhr lagen in Trümmern, und es wurden viele neue Kirchen gebraucht. Maria Schwarz kann sich noch gut an den Wiederaufbau von St. Anna in Düren erinnern.

"Mein Mann war aufgefordert für den Wiederaufbau der Anna-Kirche, und als ich dann mit ihm dahin kam, da war da ein freigeräumtes Feld und nebenan lag ein großer Steinhaufen. Wir wussten, die Kirche, die hier wieder hin kommt, muss nicht nur trösten, sondern muss wieder da sein. Die alte Kirche muss bitte wieder da sein."

Rudolf Schwarz wollte mit sparsamen Mitteln eine moderne basilikale Kirche entwerfen.

"Es wurde immer scheußlicher. Die Stützen standen dann mit so weiten Abständen, mit so schlechten Maßstab, und dann auf einmal sagte der Rudolf: Wir haben für die Erinnerung nichts anderes wie die Steine, die da liegen. Das ist die alte Kirche, und da entstand plötzlich diese Mauer aus den Steinen. Er sagte, die Menschen brauchen etwas, wohin sie sich verkriechen können, die müssen umarmt werden, die müssen Trost haben, wir machen aus diesen Steinen so etwas ähnliches wie einen mütterlichen Mantel, der sich um die Menschen legt. Und das ist die Erstehung dieser Kirche."

Nach den ersten Aufbaujahren kam das Wirtschaftswunder. Die Industrie an Rhein und Ruhr florierte, und die Bevölkerung wuchs, zumal es nach dem Krieg viele Flüchtlinge gab, die eine neue Heimat suchten. Damals entstanden eine Vielzahl von Töchtergemeinden und Töchterkirchen.

Martin Bredenbeck: "Es gibt wohl das schöne Wort eines Bischofs von der Pantoffelkirche. Die Kirche, die Sie sonntagmorgens in Schluppen sozusagen erreichen können, indem Sie über die Straße gehen."

Mit den Kirchenbauten konnten die zerstörten Stadtquartiere auch eine neue Identität erlangen. Oft wurden sie zum Mittelpunkt eines ganzen Viertels. Auch die Franziskus-Kirche in der Bonner Adolfstraße wurde von Karl Band so konzipiert. Die Kirche mit dem markanten Zeltdach ist einer der bedeutendsten Sakralbauten im Bistum Köln.

"Der Bau macht es einem ja relativ einfach, ihn schön zu finden. Der empfängt uns, der hat eine schöne Farbverglasung. Es fällt das Licht hier rein. Also der ist ja wirklich lieblich, wenn man sich manche anderen Nachkriegskirchen anguckt, die sind ja bewusst herb. Sichtbeton und die Industriehallen und Drahtglas und Metalltragewerk unter der Decke, ich glaube, das haben die Menschen nie so richtig akzeptiert, das so auch Kirche aussehen kann."

Die Schwesterkirche ist so ein Fall. St. Helena ist tatsächlich eine herbe Schönheit, die den Gemeindemitgliedern viel abverlangt. Das Gotteshaus von Emil Steffann klemmt sperrig in einer Häuserzeile an einer viel befahrenen Straße. Es gibt keinen Glockenturm, nur ein schweres, langgezogenes Satteldach ragt ein Stück weit über den Bürgersteig. In St. Helena finden keine Gottesdienste mehr statt. Aus der Kirche ist ein "Dialograum für christlichen Kult und zeitgenössische Kultur" geworden. Hier sollen sich jetzt Glauben und Kunst begegnen. Man hört Bach oder tanzt Tango. Der Altar ist geblieben, ansonsten ist der Raum jetzt eine Black-Box, wie sie Theaterleute lieben. Ein Glücksfall für das kulturelle Leben in Bonn.

Viele Nachkriegskirchen werden für den Gottesdienst nicht mehr gebraucht. Häufig bleiben Kirchen aus dem 19. Jahrhundert geöffnet, weil sie in der Stadt zentraler liegen und leichter zu erreichen sind.

Aber Kirchen sind auch gebaute Liturgie. Rudolf Schwarz, Dominikus Böhm und andere wollten nicht nur neue Räume schaffen, sie wollten mit ihren Bauten auch eine neue Religiosität begründen. Martin Bredenbeck hat im Rahmen seiner Studie mit sehr vielen Menschen im kirchlichen Umfeld gesprochen.

"Wenn ein Architekt oder Kunsthistoriker und ein Theologe und dann ein sagen wir mal normaler Kirchenbesucher sich über denselben Bau unterhalten, dann sprechen die von etwas ganz anderem. Eine ästhetische Wertschätzung, dass jemand hier reinkommt und sagt: Ach Mensch toll, das ist ja hier die Tradition der Moderne, das muss ja Karl Band sein und so, das ist glaube ich gar nicht so sehr."

Trotzdem, die modernen Sakralbauten an Rhein und Ruhr müssten eigentlich längst auf der Liste des Weltkulturerbes stehen. Aber das große Kirchensterben geht weiter. Einige wurden schon abgerissen, andere haben eine neue Nutzung gefunden oder schlafen ihren Dornröschenschlaf, wie die Kirche Heilig Kreuz in Bottrop. Wie geht man um mit der reichen Sakralarchitektur aus der jüngsten Vergangenheit?

"Ich habe drei Arten von Umgang erlebt, also es gibt deprimierende, wo Veränderungen als Anlass genommen werden, den Kopf in den Sand zu stecken, und irgendwann werden die Entscheidungen den Leuten auch aus der Hand genommen. Das zweite Modell war so ein gewisser Aktionismus, der häufig wirtschaftlich motiviert ist, den finde ich persönlich eigentlich am Gefährlichsten, weil das dann die Kirchen sind, die sehr schnell entweder ganz abgebrochen wurden, oder die Kirchen wurden komplett umgebaut zu irgendwas anderem.

Und der Dritte ist denke ich unter dem Stichwort Chance anzusprechen, Veränderungsnotwendigkeit zu sehen und dann versuchen, daraus was zu entwickeln, beispielsweise neue Nutzungskonzepte, neue Nutzergruppen mit reinzuholen. Es gibt zum Glück doch viele Vertreter dieser dritten Gruppe, die sagen, wir geben das nicht auf, wir machen was draus."

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