Seit 20:03 Uhr In Concert
Montag, 08.03.2021
 
Seit 20:03 Uhr In Concert

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 26.09.2019

Kirche in der KriseWas der Papst von Autokonzernen lernen kann

Eine Glosse von Uwe Bork

Beitrag hören Podcast abonnieren
Papst Franziskus während einer Audienz auf dem Petersplatz (pictrue alliance / dpa / Spaziani)
Den Markenkern erhalten, das Gespräch mit "Kunden" suchen: Unser Kolumnist Uwe Bork hat Papst Franziskus einige Verbesserungsvorschläge zu machen. (pictrue alliance / dpa / Spaziani)

Der Shareholder-Value ist manchmal leichter zu erkennen als der Wille Gottes, meint der Soziologe Uwe Bork. Trotzdem könnte der Weltkonzern "Katholische Kirche" sich an Konzepten internationaler Autokonzerne orientieren. Ein gewagter Ratschlag?

Und wenn es unsere Kirchen einfach einmal mit Polytheismus versuchten? Bei Griechen wie Römern war eine Vielzahl von Gottheiten schließlich lange erfolgreicher Stand der Theologie. Vielleicht könnte solch ein Schwenk das Christliche im christlichen Abendland ja wieder attraktiver machen.

Doch im Ernst: Im Moment dürfte es nicht gerade viele Menschen geben, die gern mit unseren Kirchenmännern und – falls Sie evangelisch sind – auch mit unseren Kirchenfrauen tauschen würden. Die Aufgaben, die die gegenwärtig zu lösen haben, sind nämlich so gewaltig, dass es schon einer überdurchschnittlichen Menge an Gottvertrauen bedarf, um an ihrer Größe und Dringlichkeit nicht zu verzweifeln.

Durch Fehler und Starrsinnigkeit Glaubwürdigkeit verloren

Namentlich die katholische Kirche hat durch eigene Fehler und eigene Starrsinnigkeit wesentliche Teile ihrer Glaubwürdigkeit verloren – und weil Differenzierungsfähigkeit nicht unbedingt zu den Kernkompetenzen moderner Medienbürger gehört, droht in der Gesellschaft nun die Stimme beider Konfessionen zu verstummen. Wären die Kirchen statt mit der Hervorbringung von Seelenheil mit der Produktion von Verbrennungsmotoren beschäftigt, würde man ihnen wohl den massiven Einsatz von Schummelsoftware vorwerfen.

Nicht den eigenen Maßstäben gerecht geworden zu sein, das ist in der Tat der Vorwurf, den man beiden machen muss, den Kirchen wie den Konzernen. Während es Letzteren aber gelungen ist, selbst ohne eine grundlegende Veränderung ihres Geschäftsmodells den Eindruck ökologischer Läuterung zu erwecken, dümpelt vor allem das katholische Kirchenschiff nach wie vor in den Brackwassern nicht aufgearbeiteter Skandale und unterbliebener Reformen dahin. 

"Whitewashing" unterm Glockenturm

Anders als bei den Autobauern, bei denen ein Wechsel der Werbeagentur für das "Greenwashing" oft schon genügt, ist das "Whitewashing" unterm Glockenturm allerdings auch um einiges schwieriger. Sogar wenn – wie jetzt in Deutschland auf katholischer Seite – ein sogenannter "synodaler Weg" eingeschlagen werden soll, auf dem – welch eine Unterscheidung – "Kleriker und Laien" endlich auf Augenhöhe miteinander reden, droht das am Einspruch aus Rom zu scheitern. Wo es um Fragen von Macht, Sexualmoral, Zölibat und nicht zuletzt um die Rolle der Frauen in der Kirche geht, will der Vatikan quasi als Inhaber der weltweiten Markenrechte immer noch ein Wort mitreden. 

Umsteuern scheint undenkbar

Gut, auch in den oberen Etagen von VW, BMW und Daimler würde man sich vermutlich schwer damit tun, wenn plötzlich unten am Band entschieden würde, statt tonnenschwerer Dickschiffe nur noch schlanke E-Bikes zu produzieren. Letzten Endes würde man allerdings wohl doch den Kurs wechseln: Der "Shareholder-Value" ist manchmal einfach leichter zu erkennen als der Wille Gottes.

Im Vatikan hat man mit dem Umsteuern deshalb Probleme. Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern: Unmöglich! Abschaffung des Pflichtzölibats? Undenkbar! Mehr Mitsprache für das Kirchenvolk: Unerreichbar!

Unter dem Primat, einen einheitlichen Katholizismus zu erhalten, den es so längst nicht mehr gibt, verkennen viele Oberhirten offenbar, dass die fortschreitende Marginalisierung ihrer Kirche zumindest in Europa ohne entschiedene Veränderungen und eine Öffnung für mehr Vielfalt nicht mehr aufzuhalten ist. 

Den Markenkern erhalten

Die Autoindustrie kennt so etwas längst. Sie produziert schon lange keine bis auf die letzte Schraube gleichen Weltautos mehr, sie setzt vielmehr auf Modelle, bei denen zwar alle wichtigen Teile gleich sind, die sich beim Design aber dennoch unterscheiden.

Vielleicht sollte der Weltkonzern "Katholische Kirche" es einfach auch einmal mit einem solchen Konzept probieren. Den Markenkern erhalten, darüber hinaus aber das Gespräch mit seinen weltweit mehr als 1,3 Milliarden Kunden suchen.

Und keine Angst: Die christliche Dreifaltigkeit durch ein buntes Pantheon zu ersetzen, das wird bei diesen Gesprächen garantiert kein Thema sein. Gott bewahre!

Der Journalist Uwe Bork (Deutschlandradio / Manfred Hilling)Uwe Bork (Deutschlandradio / Manfred Hilling)Uwe Bork, geboren 1951 im niedersächsischen Verden (Aller), studierte an der Universität Göttingen Soziologie, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Verfassungsgeschichte, Pädagogik und Publizistik. Bis Ende 2016 leitete er die Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des SWR. Für seine Arbeiten wurde er mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zwei Mal mit dem "Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik" ausgezeichnet.

Mehr zum Thema

Ein Jahr nach Missbrauchsstudie - Viele Täter, wenig Gerechtigkeit
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 23.09.2019)

Katholische Kirche - Frauen an die Macht
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 23.09.2019)

Religionsunterricht - Mit Kooperation und Dialog den Schülerschwund stoppen
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 11.09.2019)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Politisches Feuilleton

Bedrohung und GewaltFluch der gekränkten Männerseele
Proteste gegen Femizide: Auf einem Schild steht "Mein Name ist Stefanie (34) ich wurde von meinem Freund getötet". Daneben liegt auf dem Boden ein Schuh und eine weiße Blume. (picture alliance / ZUMA Wire / Sachelle Babbar)

Der erste Frauentag ist 110 Jahre her. Die Religionsphilosophin Gesine Palmer sieht die Geschlechtergerechtigkeit vielerorts noch immer bedroht. Auch Wahlrecht, Ausbildung und Selbstbestimmung schützen nicht vor Unterdrückung und Gewalt.Mehr

Überholtes SelbstbildMännlichkeit ist politisch geworden
Eine sich nach hinten lehnende, antike männliche Statue vor blauem Hintergrund. (Pexels / Saph Photography)

Soldatische Männer in Kampfmontur sorgen in den letzten Jahren immer wieder für ikonische Bilder. Das ist jedoch kein Zeichen von Stärke, meint die Autorin Susanne Kaiser, sondern ein Indikator dafür, dass die Männlichkeit selbst zur Verhandlung steht.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur