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Religionen | Beitrag vom 16.06.2019

Kirche im Bauwagen in MannheimSegen im Provisorium

Von Martina Senghas

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Der evangelische Pfarrer Bernd Brucksch (li.) und sein katholischer Kollege Richard Link stehen vor ihrer Bauwagenkirche im Franklin-Viertel in Mannheim. (imago/ Leonie Mielke)
Glauben ist eine Baustelle: der evangelische Pfarrer Bernd Brucksch (links) und sein katholischer Kollege Richard Link vor ihrer mobilen Kirche (imago/ Leonie Mielke)

In Mannheim entsteht auf dem ehemaligen amerikanischen Militärgelände „Benjamin Franklin Village“ ein neuer Stadtteil. Die katholische und die evangelische Kirche sind auch schon da – gemeinsam in einem Bauwagen.

"Kaffee haben wir hier nicht", sagt der Mann am Bauwagen. "Wir sind die evangelische und katholische Kirche in Mannheim", erklärt sein Kollege einer Passantin, "und wir sind hier auf Franklin und machen heute hier Segnungen. Also wenn Sie mögen, können wir Sie einfach segnen."

Bernd Bruksch ist evangelischer Pfarrer in Mannheim. Zusammen mit seinem katholischen Kollegen Richard Link spricht er bei einem Bürgerfest im neuen Stadtteil Franklin die Leute an. "Segen im Bauwagen tut gut" steht auf einem Plakat, das hinter ihnen aufgestellt ist.

Der Beton ist noch nicht trocken, die Pfarrer sind schon da

Die beiden Männer waren bis vor zweieinhalb Jahren ganz normale Gemeindepfarrer in anderen Mannheimer Stadtteilen. Doch dann haben sie ihr altes Berufsleben jeweils zur Hälfte an den Nagel gehängt und sind mit einem gespendeten Bauwagen auf das ehemalige amerikanische Militärgelände "Benjamin Franklin Village" gezogen, das gerade zu einem Stadtteil umgewandelt wird.

9.000 Menschen sollen hier mal leben. Gerade sind es noch nicht einmal 1.000, aber die Pfarrer waren schon da, als die ersten einzogen. Und sie lassen keine Gelegenheit aus, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Noch wirkt hier alles wie ein riesiger Bauplatz. Kräne und Geröllhalden bestimmen das Bild. Der neue Stadtteil ist 145 Hektar groß, das entspricht etwa 200 Fußballfeldern. Mit ihrem mobilen Andachtsraum können sich die Pfarrer immer da hinstellen, wo gerade etwas los ist.

Der ambulante Pfarrer segnet auch Hunde

Heute haben sie ihn auf dem ehemaligen Sportgelände der Amerikaner platziert, wo das Bürgerfest stattfindet. Und da steht er also, der grüne Bauwagen, zwischen Gastrobuden und Informationsständen. Und alle buhlen um die Aufmerksamkeit der Passanten. "Hallo. Wollt ihr euch segnen lassen mit euren Hunden?" Bernd Bruksch steuert auf eine Spaziergängerin zu, doch die winkt freundlich ab.

Ein Tisch mit Kreuz, einer Bibel und Kerzen dient im mobilen Andachtsraum des Bauwagens als liturgischer Mittelpunkt. (Martina Senghas)Andacht für Eilige: Ein Altar hat in der kleinsten Hütte Platz. (Martina Senghas)

Aber ein paar Leute nehmen das Angebot der Pfarrer tatsächlich an, sie klettern in den Bauwagen, um sich segnen zu lassen. Hier ist alles sehr schlicht. Die Einrichtung besteht lediglich aus ein paar Papphockern, einem Tisch mit Kreuz, einer Bibel und Kerzen. Und obwohl die Innenwände mal gestrichen wurden, sind überall Wasserflecken zu sehen.

Im Advent rücken die Gäste im Wagen zusammen

"Ja Gott, bei hartem Wetter, da wird es hier ziemlich kühl und nass", sagt Brucksch, "aber richtig tropfen hab ich es noch nicht erlebt, du? Nee, es geht. Also, wir hatten hier schon zehn, zwölf Leute drin in der Adventszeit, da wurde es dann sogar warm, weil die Menschen sich selber gewärmt haben. Am allerbesten ist es, wenn das Wetter schön ist und man macht die Türen auf, und dann kann man Leute reinbitten für eine Sache oder die kommen da rein und dann ist es ganz gemütlich sogar."

Nach dem Abzug der US-Streitkräfte vor ein paar Jahren sind in Mannheim riesige Flächen freigeworden, und nun ist die sogenannte Konversion, also die Umwandlung dieser Flächen, eine enorme Herausforderung für die Stadt. Und eine Chance. Auf dem neusten ökologischen Stand soll hier alles sein, urban und trotzdem grün.

Und auch die Kirchen wittern hier eine Gelegenheit, die Dinge mal ganz anders zu machen. Deshalb repräsentieren die Pfarrer Bernd Bruksch und Richard Link ihre Institution hier nicht auf die übliche Art. Abgesehen davon, dass sie sich ohne große Diskussion dazu entschieden haben, ökumenisch aufzutreten, soll hier auch gleich noch ein Paradigmenwechsel stattfinden. Und zwar von der Komm- zur Gehstruktur.

"Also, Kommstruktur: die Leute kommen sonntags in den Gottesdienst, Gehstruktur: Kirche bewegt sich zu ihrem Klientel hin", erklärt Bernd Bruksch. Denn: "Gemeinde existiert nicht nur in den 50, 60 Leuten, die sonntags in die Kirche gehen."

Mal gibt es einen Kaffee und mal eine Abfuhr

Und Richard Link ergänzt: "Ich glaube, das ist eigentlich unsere Genetik: als Kirchen zu den Leuten zu gehen. Wir haben eine Sendung. Das haben wir, glaube ich, oft vergessen über die Jahrhunderte. Wir haben unsere Gemeindehäuser gebaut, viele schöne Kirchen und da sind wir zuhause, haben uns aber auch ein Stück weit zurückgezogen, glaube ich. Und in diese Burgen wollen eben viele Menschen nicht mehr kommen."

Konkret bedeutet das für die beiden Pfarrer, dass sie sich nicht zu schade dafür sein dürfen, Klinken zu putzen. "Na ja, wir klopfen an: Hallo, wir sind der und der! Das ist halt heute Anklopfen nicht mehr so romantisch wie früher an der Holztür, sondern wir klingeln", sagt Bruksch. "Und es wird oft geöffnet, und bei manchen werden wir zum Kaffee eingeladen. Manche sagen auch – aber ganz selten – ‚Ach Sie, religiös und so, da sind wir nicht so interessiert.' Und dann wünschen wir denen was und lassen unser Kärtchen da."

Pfarrer Bernd Bruksch sitzt mit seinem katholischen Kollegen Richard Link in einem Bauwagen, den sie zu einem mobilen Andachtsraum umgebaut haben. So können sich die Pfarrer immer da hinstellen, wo gerade etwas los ist.  (Martina Senghas)Stühle aus Pappe, Geistliche von Format: Pfarrer Link und Pfarrer Bruksch in ihrem improvisierten Andachtsraum (Martina Senghas)

Seit etwa einem Jahr steht den beiden Pfarrern außer ihrem Bauwagen auch noch ein Klassenzimmer in einem alten Schulgebäude zur Verfügung. Dort haben sie einen provisorischen Altar für ihre unregelmäßigen Gottesdienste eingerichtet, aber es gibt auch eine Sofaecke und eine Kaffeemaschine.

"Es ist nicht so, dass wir hier plötzlich den Boom hätten, kirchlicherseits", sagt Richard Link. "Wir sind ganz im Trend würde ich sagen. Aber die Grundstimmung ist eine andere. Also wenn ich sonntags in der Seelsorgeeinheit, der ich noch zugeordnet bin, nach dem Gottesdienst mit den Menschen rede, dann kommt ganz schnell die Klage: Warum ist das nicht mehr so, warum funktioniert dies nicht? Wenn ich hier Menschen begegne: Toll, dass ihr da seid, Wow, schön, dass ihr das gemeinsam macht. Wann können wir uns wiedertreffen?"

An der Basis funktioniert Ökumene reibungslos

Das Zusammenarbeiten empfinden die beiden Pfarrer als völlig unproblematisch, auch wenn es theologisch immer wieder Diskussionsbedarf gibt: Was bedeutet das Segnen in den unterschiedlichen christlichen Kirchen? Oder: Wie sieht eine Karfreitagsliturgie aus?  Aber letztendlich betrachten die Pfarrer das eher als anregend denn als anstrengend. Wie offenbar alles an ihrem neuen Pfarrer-Dasein.

"Es ist total faszinierend und motivierend, das mitzuerleben", sagt Link. "Also, selbst Teil dessen zu sein und in diesem schlichten Bauwagen zu arbeiten und Menschen hierher einzuladen. So machen es eigentlich alle, die hier schon sind: der Kletterer, der Künstler, der Waldkindergarten - und das verbindet uns auch alle. Also, wir haben so ein gemeinsames Pionierbewusstsein und -empfinden."

"Wir sitzen hier in einem Bauwagen, der manchen Leuten vielleicht jämmerlich erscheint", sagt Bernd Bruksch, "aber ich hab in meinen 25, 30 Jahren kirchlicher Arbeit noch nie so viel Spaß und so viel Freude gehabt."

Kirche kann überall sein

Die entscheidende Frage ist aber: Was halten die davon, für die die Pfarrer da sein wollen? Also die Bewohnerinnen und Bewohner des neuen Stadtteils Franklin? Während des Bürgerfests, bei dem der "Segen to Go" angeboten wird, strömen zwar nicht die Massen herbei, aber auf ein kurzes Gespräch lassen sich viele ein. Und den Bauwagen finden die meisten absolut überzeugend. Es sei gut zu sehen, dass Gemeinschaft im Glauben nicht an ein Gebäude gebunden sei, sagen sie, und: "Egal ob im Freien, im Keller, im Bauwagen, Kirche kann überall stattfinden."

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