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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.05.2014

KircheDie Bayern und der Glauben

Über die Stimmung vor dem 99. Deutschen Katholikentag

Von Michael Watzke

Der neue Bischof von Passau, Stefan Oster, liegt im Dom St. Stephan in Passau (Bayern) während der Weihe am Boden. (picture alliance / dpa)
Am Boden: Der neue Bischof von Passau, Stefan Oster, liegt im Dom St. Stephan in Passau (Bayern) während der Weihe. (picture alliance / dpa)

Vom 28. Mai bis zum 1. Juni 2014 feiern tausende Gläubige in Regensburg den Katholikentag. Einige Missbrauchsfälle und der Skandal rund um den Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst haben auch die Stimmung der bayerischen Katholiken maßgeblich beeinflusst.

Nirgendwo ist Bayern so sehr Bayern wie auf dem heiligen Berg von Andechs. Das Glockengeläut der Klosterkirche schallt weit über den Ammersee hinaus ins Land. Der Himmel ist weiß-blau. Und im Süden ragt die Berg-Silhouette der Alpen auf. Es wirkt, als habe sich der Freistaat seit Jahrhunderten nicht verändert. Als sei er wie eh und je eine Einheit aus Staat und Kirche.

Im Innern der prächtigen Barockkirche von Andechs ist an diesem Samstagnachmittag kein Platz mehr frei. Junge und alte Gläubige knien andächtig in den Holzbänken. Bayern scheint der frommste Fleck auf Erden zu sein. Doch wer genau hinhört, der bemerkt: das hier ist gar nicht Bayern.

Eine Pilgergruppe aus Polen feiert auf dem heiligen Berg der Bayern einen katholischen Gottesdienst. Die Wallfahrer aus dem Osten sind gekommen, um den drei Blutreliquien zu huldigen, die die Andechser Benediktinermönche in einer Seitenkapelle der Klosterkirche aufbewahren.

"Diese Reliquien sind eine kleine Monstranz, und in der ist ein Blutstropfen."

"Also, so eine Reliquie zu haben in Bayern – ich kann das nicht beschreiben. Für mich ist das ein Wunder."

"Wir freuen uns sehr!"

Nur für die polnischer Pilger ist Andechs heilig

Für die polnischen Pilger ist Andechs tatsächlich ein heiliger Ort. Nicht nur wegen Jadwiga Slaska, der heiligen Hedwig, Herzogin von Polen, die im zwölften Jahrhundert in Andechs aufwuchs. Sondern vor allem, weil die polnischen Katholiken noch an die wunderheilende Kraft von Blutreliquien glauben. Die einheimischen Bayern winken da inzwischen ab. Auch wenn Elfriede Kortwig, die ehemalige Pfarrsekretärin von Andechs, wissenschaftliche Studien zitiert.

"Wir haben auch mal Reliquien untersuchen lassen in den 90er-Jahren. Und festgestellt: die Stoffe und die Knochen stammen aus dem Jahrzehnt, von dem dann die Geschichten erzählt werden. Und auch aus der Region. Wir Katholiken beten ja nicht die Heiligen an, sondern es sind Fürsprecher. Man denkt: sie sind näher bei Gott, und sie helfen uns, unsere Bitten und unseren Dank schneller nach oben zu bringen."

Papst Franziskus auf dem Petersplatz vor der Statue der Madonna von Fatima (AFP / Vincenzo Pinto)Papst Franziskus ist der Hoffnungsträger der katholischen Kirche, auch für die bayerischen Gläubigen. (AFP / Vincenzo Pinto)

Doch wenn in Andechs heutzutage etwas irgendwohin gebracht wird, dann sind es keine Fürbitten, sondern Maßkrüge.

Nur 50 Schritte von der Klosterkirche entfernt steht das legendäre Andechser Bräustüberl. Hier geht's zu wie auf dem Münchner Oktoberfest. Es gibt Livemusik, knappe Dirndl und jede Menge Bier, das die Benediktinermönche gleich nebenan selbst brauen. Auf den Butzenglasscheiben des Bräustüberls prangen Trinksprüche, die – so hofft man – nicht von den Mönchen geschrieben wurden.

"Wenn wir Bier haben, Schnaps und Wein, brauchen wir keinen Alkohol, um lustig zu sein. So was steht hier oben auf dem heiligen Berg!"

Und das ist noch einer der harmlosen Sprüche. Christoph Böhmer prostet in die Runde. Der zweite Bürgermeister von Rott am Lech ist im Trachtenanzug nach Andechs gekommen – zusammen mit dem Gemeinderat. Die Kommunalpolitiker sind weniger zum Beten als zum Trinken da.

"Die, die hier sitzen, da hat keiner was mit der Kirche, oder auch nur einen Gedanken an die Kirche. Sondern nur an das gemütliche Stüberl, das dunkle Bier und die Schweinshaxen. Das ist es, warum die Leute hierher kommen."

Zustimmendes Nicken der versammelten Gemeinderäte am Biertisch. Nur Quirin Krötz runzelt die Stirn, der erste Bürgermeister von Rott am Lech.

"Muss i bisserl widersprechen. Zum Beispiel mei Frau – oder auch dem Andi sei Frau - die gehen schon auch amol a Runde in die Kirche nei. Ist zum Beispiel auch Tradition bei bestimmte Leit. Für mich persönlich heute mal nicht, man trifft sich erst um drei. Und mir san bis um 7 sowas da. Daher keine Kirche. Aber mein Gang ist, wenn ich schon keine Messe mitmache, also was bei mir Tradition ist, ist der Turm. Ich weiß nicht, ob Du schon mal oben warst. Also bei einem Föhntag ist das grandios. Der Wahnsinn!"

Erst in die Kirche, und hinterher kloppen sie sich!

Der Blick vom Turm ist tatsächlich atemberaubend. Allerdings auch schweißtreibend. Denn es gibt keinen Aufzug, stellt Knut Jensen fest, ein Tourist aus Schleswig-Holstein.

"Ja, leider. Nie wieder. Das ist Folter, also ehrlich."

"Nun ist das der heilige Berg hier..."

"So heilig kommt der mir nicht vor! Glaube nicht, dass der heilig ist!"

"Die Bayern nennen ihn aber so..."

"Ja die Bayern! Erst in die Kirche, und hinterher kloppen sie sich! Scheinheilig sind die, nicht heilig!"

Tätsächlich? Ist der Freistaat vielleicht gar nicht so christlich-katholisch, wie er sich im Rest Deutschlands gerne darstellt? Sind die Bayern am Ende nur schein-heilig?

"Gott mit Dir, Du Land der Bayern". Im Jahr 2008 sangen zehntausende Gläubige auf dem Münchner Marienplatz die Bayernhymne. Zusammen mit Papst Benedikt dem 16., einem gebürtigen Chiemgauer, der auch als Oberhaupt der katholischen Kirche stets seine oberbayerischen Wurzeln betonte. Etwa bei einer bajuwarischen Feier in der päpstlichen Residenz.

"Es ist einfach schön, hier mitten in Latium, im Castel Gandolfo, zugleich in Bayern zu sein. Ich war richtig dahoam. Natürlich muss man sagen: Gott hat es uns in Bayern leicht gemacht: er hat uns eine so schöne Welt geschenkt, ein so schönes Land, dass man erkennen muss: Gott ist gut! Und froh darüber zu sein. Vergelt's Gott!"

Als Kardinal Joseph Ratzinger vor neun Jahren "Papa Ratzi" wurde, da fühlten sich die Bayern mit einem Schlag noch katholischer als ohnehin schon. In Rom schwenkten sie weiß-blaue Fahnen, und dahoam, auf der anderen Seite der Alpen, aßen sie Papst-Torte und riefen begeistert "Benedetto". Plötzlich waren die Kirchen voll – wenn auch nur für ein paar Wochen. Pater Anselm Bilgri erinnert sich gern an diese Zeit.

"Ich hab' persönlich natürlich eine besondere Beziehung, weil er mich zum Priester geweiht hat. Und da war ich schon mit stolzgeschwellter Brust am Fernsehen aufgesprungen!"

"Liebe Brüder und Schwestern: Habemus Papam! Josephum Cardinalem Ratzinger."

"Die Tatsache, dass Kardinal Ratzinger Papst geworden ist, das hat der Religiosität nicht besonders geholfen. Das war eher so der bayerische Nationalstolz, der sich da gezeigt hat: ‚Einer von uns ist Papst geworden!' Deshalb werden jetzt auch nicht weniger Leute in die Kirche gehen. Vielleicht fahren weniger nach Rom, mit der bayerischen Fahne auf dem Petersplatz, als vorher."

Tatsächlich hat das knapp achtjährige Pontifikat des Bayern-Bene wenig geistliche Spuren im Freistaat hinterlassen. Lediglich der historische Rücktritt hat eine dezidiert bajuwarische Komponente, findet Pater Anselm Bilgri.

"Ja kommt vielleicht das Bayerische schon ein bisserl zum Ausdruck. Indem man sagt, ich tue jetzt etwas, das es seit 900 Jahren nicht mehr gegeben hat. Aber ich pack's halt einfach nicht mit diesem Job, und deshalb gebe ich ihn zurück. Da hab' ich schon gedacht: ‚Da hast Du jetzt Rückgrat bewiesen!' Ein Polizistensohn aus dem Chiemgau, der doch durchsetzt, was er so meint."

Die bayerische Volksfrömmigkeit

Pater Anselm Bilgri war fast 30 Jahre lang Benediktermönch, zuletzt als Prior im Kloster Andechs. 2004 trat er wegen eines Nachfolgestreits aus der Klostergemeinschaft aus. Priester ist er immer noch. Als Pfarrer einer kleinen Landgemeinde hat Bilgri die sprichwörtliche bayerische Volksfrömmigkeit kennengelernt. Er fasst sie folgendermaßen zusammen:

"'Es kunnt a eppas dro sei – und wenn ned, dann schadt's nix!' Also: es könnte ja was dran sein an der Religion, deshalb muss ich mich dran halten. Und wenn nix dran ist, dann hat es wenigstens keinen Schaden angerichtet, wenn ich mich dran gehalten habe. Ich glaube schon, dass das so die Einstellung ist: Religion wie Versicherung. Man verhandelt, vielleicht nicht gerade mit dem lieben Gott, aber mit seinen Vertretern hier auf der Welt, ums Heil. Ein wahnsinnig gutes Beispiel dafür ist auch der "Brandner Kaspar", dieses berühmte Schauspiel. Der mit dem Boandlkramer – das ist die Figur für den Tod – mit einigen Gläsern Schnaps, die er ihm einschenkt – dem berühmten Kirschgeist –, seinen eigenen Tod hinausschieben kann um ein paar Jahre."

"Der Brandner Kaspar und das ewig Leben" ist ein so urbayrisches Theaterstück wie sonst nur "Ein Münchner im Himmel" von Ludwig Thoma – mit dem berühmten Grantler-Engel Aloisius, der keine Lust mehr hat, ständig "Halleluja" zu rufen. Im "Brandner Kaspar" zeichnet der Dichter Franz von Kobell ein Sittengemälde der bayerischen Seele. Die ist so anarchisch, dass sie sogar mit dem Tod, dem Boandlkramer, noch um die Wette trinkt. Am Münchner Volkstheater ist das Stück seit neun Jahren ein regelmäßig ausverkaufter Dauerbrenner.

Aus dem Brandner Kaspar:
"Das Totenglöckerl!"
"Ist des schee heit. Magst ned lieber doch mitgeh?"
"Naa. Wie kimmst denn Du daher? Mitten im Frühjahr? Und drangsalierst mi, dass i mitgeh? Freiwillig?"
"Kaspar, i mog ned so sei! Ned, dass'd sogst: sein Schnaps sauft er, aber sonst nix! Dann hol' ich Dich halt im Sommer!"

Die Klosterkirche Andechs in Bayern (picture alliance / dpa)Nirgends ist Bayern so heilig wie in Andechs. (picture alliance / dpa)

Manchmal, wenn der „Brandner Kaspar" im Volkstheater München gegeben wird, dann steht Christian Stückl im Dunkeln neben der Bühne. Der Intendant des Volkstheaters liebt diesen Schwank, der so herrlich krachledern, süffisant und frech den Glauben der Bayern beschreibt, wie er noch heute in Stückls Heimat gelebt wird. In Oberammergau. Ohne die Kirche, sagt Stückl, wäre ich nicht beim Theater gelandet.

"Wenn man sich in den ganzen Dörfern umschaut: was bei uns an Rokoko- und Barock-Kirchen entstanden ist! Selbst die kleinsten Dörfer – Oberammergau ist ja kein großes Dorf gewesen, die haben um 1900 herum gerade mal zweieinhalbtausend Einwohner gehabt, aber eine Riesenkirche. Außerdem die Wieskirche, ein Bau neben dem anderen. Die Musik, die da gepflegt wurde! Oberammergau ist in einem Dreieck von drei Klöstern – Ettal, Rottenbuch und Steingaden – deswegen wurden wir auch durch die Patres immer mit Texten für die Passionsspiele beliefert. In der Ettaler Ritter-Akademie, da gab's Komponisten, da gab's Schriftsteller – Pater Ferdinand Rosner war ein großer Schriftsteller! Ich glaube, in diesem kirchlichen Umfeld ist auch wahnsinnig viel Theater entstanden. Das ist in Bayern viel stärker verwurzelt [als anderswo], weil es eine ununterbrochene katholische Tradition gegeben hat. Die wurde nie vom Protestantismus unterbrochen. Man hat das Gefühl, wir haben eine ganz alte katholische Tradition, und die ist ohne Abbruch."

Diese ungebrochene katholische Tradition in weiten Teilen Bayerns galt noch vor 50 Jahren als Ausweis von Rückständigkeit. Viele Wirtschaftsexperten glaubten, dass der Katholizismus – anders als das Protestantentum – eine ökonomische Modernisierung behinderte. Theo Waigel, ein schwäbischer Bayer und deutscher Finanzminister, wuchs stets im Glauben auf...

"... dass nur der Protestantismus zu mehr Effizienz, Modernität und Wachstum fähig sei. Deshalb hinkten die katholischen Länder hinterher. Aber das kann man in Europa heute nicht mehr sagen. Auch in Deutschland sind es gerade katholische Länder, die an der Spitze des Fortschritts marschieren. Also, das Bild vom verfilzten, hinterwäldlerischen Bayern ist absolut falsch."

Der ökonomische Erfolg hat Einfluss auf den Glauben

Das Bild ist aber vielleicht gerade deshalb falsch, weil der ökonomische Erfolg im Freistaat den bayerischen Katholizismus verändert hat. Pater Anselm Bilgri war früher der Wirtschaftsleiter der Abtei St.Bonifaz. Heute leitet Bilgri als Unternehmens-Berater ein Zentrum für Unternehmenskultur.

"Also ich sträube mich dagegen zu sagen: 'Weil es uns so gut geht, glauben die Leute weniger.' Oder beten weniger. Obwohl ein Zusammenhang zu bestehen scheint. Vielleicht hat es mehr was mit dem allgemeinen Fortschritt zu tun. Der wirtschaftliche Wohlstand ist natürlich auch mit einem wissenschaftlichen Fortschritt gepaart. Man fühlt sich in beidem – sowohl ökonomisch als auch naturwissenschaftlich – nicht mehr von einer höheren Macht abhängig."

Hinzu kommt: die irdischen Repräsentanten dieser höheren Macht können in Bayern seit einiger Zeit nicht mehr auf die uneingeschränkte Solidarität der Politik zählen. Für Franz Josef Strauß, den legendären CSU-Vorsitzenden, bildeten Politik und Kirche noch eine Einheit. An Wahltagen erinnerten viele bayrische Pfarrer ihre Gemeinden daran, welche Partei ein C im Namen führte. Im Gegenzug hätte sich unter Strauß kein Christsozialer getraut, was CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer heute wie selbstverständlich tut: die katholische Kirche deutlich zu kritisieren. Scheuer hat sich geärgert, dass Kirchenvertreter lautstark gegen die Dritte Startbahn am Münchner Flughafen und den Donau-Ausbau protestiert haben.

"Ich bin auch Katholik und hab' dann auch mal politisch diskutiert mit Kirchenvertretern, um zu sagen: das ist auch meine Kirche, die Großprojekte kritisiert und Kampagnen fährt. Ich könnte jetzt die Bibelstelle für alle Verkehrspolitiker passend zitieren: nämlich Jesaiah 40. Im übertragenen Sinne heißt es dort: „Macht die Täler hoch, die Berge erniedriget! Was krumm ist, macht gerade - und bereitet dem Herrn den Weg. Wenn man so eine Diskussion führt, dann findet jeder in der Bibel seine eigene Bibelstelle, mit der er Politik macht und versucht, im Alltagsleben mit seinem gedankengut für das Gemeinwohl zu arbeiten. Aber es geht schon auch darum, dass man ausmacht, um welche großen Linien es geht."

Für die großen Linien im Zusammenspiel mit den Kirchen waren in der CSU lange Zeit zwei Männer zuständig: der Katholik Alois Glück und der Protestant Günther Beckstein. Der eine war Vorsitzender der Grundsatzkommission der CSU, der andere prägte als bayerischer Innenminister auch das religiöse Klima im Freistaat. Heute ist Alois Glück Vorsitzender des Zentralkomitees der Katholiken. Günther Beckstein ist Mitglied der Landessynode der Evangelischen Kirche in Bayern. In der CSU allerdings haben die beiden überzeugten Christen keine Ämter mehr – und niemand ist an ihre Stelle getreten, der ähnlichen Einfluss hätte wie Glück und Beckstein noch vor zehn Jahren.

"Heilige Maria – bitte für uns! Heilige Mutter Gottes – bitte für uns!"

Altötting im Marienmonat Mai. Der örtliche Stiftsprobst führt eine Prozession zur schwarzen Madonna an, einer Holzstatue, die seit fast 700 Jahren in der Gnadenkapelle des Wallfahrtsortes steht. In Bayern ist die Marienfrömmigkeit besonders groß. In fast jeder oberbayerischen Stadt gibt es einen Marienplatz, und bei Volksfesten auf dem Land darf die "Patrona Bavariae" nicht fehlen.

"Patrona Bavariae, hoch überm Sternenzelt, breite Deinen Mantel aus, weit über unser Land."

"Die Schutzpatronin Bayerns. Wer an die Muttergottes glaubt – und das tu ich – für den ist des scho was ganz b'sunders! Altötting überhaupt, und an so einem Abend dann noch mal verstärkt."

"Den Weg zu Gott findet man erst, wenn man krank oder verzweifelt ist. Wenn man Hilfe sucht und dort findet."

"Ich bete jeden Abend auch für meine Kinder, dass die gesund bleiben. Dass denen nichts passiert."

"Es sind schon viele ältere Leute da. Und kleine Kinder, aber in unserem Alter, so um die 30, ist kaum jemand da."

Früher kamen jedes Jahr Hunderttausende nach Altötting. Heute sind es nur noch zehntausende. Die alten Gläubigen sterben aus, und die Jungen bleiben den Kirchen fern. Nicht mal das Brauchtum, das in Bayern stärker als anderswo gepflegt wird, bindet die Jugendlichen noch an die Kirchen, klagt ein Priester.

"Heutzutage sucht man eben sein Heil nicht mehr im Gebet, nicht mehr in der Hilfe und Anrufung des lieben Gottes, sondern in Versicherungen und so etwas. Wer nicht mehr traut auf Gottes Willen, ersetzt sein Nachtgebet durch Pillen."

Auch ins Klosters Andechs, auf den heiligen Berg der Bayern, kommen immer weniger Gläubige, dafür immer mehr Touristen. Die Kirche ist meistens leer, das Bräustüberl ist stets voll. Der Heilige Geist muss sich längst dem Himbeergeist geschlagen geben - und anderen Spirituosen.

"Das Bier ist weltberühmt. Mehr als die Kirche – vom Allgemeinen her."

"Na klar, was meinst Du, wie viele Millionen da rauf kommen! Der Gewinn wird stark gestiegen sein."

"Das Bier ist bestimmt bekannter wie die Kirche."

Im Süden bleibt die Kirche im Dorf

Zum Glück für die Kirche sind Bier und Glaube in Bayern nicht zu trennen. Schon der Kabarettist Gerhard Polt wies darauf hin, dass die Dreifaltigkeit im Freistaat eigentlich eine Vierfaltigkeit ist.

"Unser Bier ist mit unserem Glauben auf das Innigste verbunden. Und zwar aus kultureller Verantwortung heraus. Im Gegensatz zu diesen Minderheiten, die eine Religion haben, die das Bier verbietet, sind wir stolz, eine Religion zu haben, die das Bier sogar selber braut!"

Schon deshalb kann Bayern nicht ohne den Katholizismus auskommen. Im Süden bleibt die Kirche im Dorf. Auch wenn immer weniger hineingehen. Die Missbrauchs-Affäre und der Skandal um den Limburger Bischof Tebartz-van-Elst haben auch in Bayern die Zahl der Kirchen-Austritte steigen lassen. Im Vergleich mit dem restlichen Deutschland sind im Freistaat aber deutlich mehr Menschen in der katholischen Kirche. Die institutionelle Macht der Bistümer, Diözesen und Ordinariate nimmt eher zu als ab. Gerade erst hat der Bayerische Rundfunk den Münchner Domdekan Prälat Lorenz Wolf zum Vorsitzenden des Rundfunkrates ernannt. Und Wolfs Vorgesetzter, der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, ist seit zwei Monaten Deutschlands mächtigster Geistlicher. Als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Für die katholische Kirche bleibt der Freistaat das wichtigste und reichste Bundesland. Während in anderen Teilen Deutschlands die Kirchensteuer-Einnahmen sinken, nehmen sie in Bayern trotz Kirchenaustritten zu – weil die Menschen im Süden immer besser verdienen. Und die Kirchensteuer bemisst sich nun mal nach dem Einkommen. In Bayern sind es acht Pozent - mehr als der Alkoholgehalt eines Andechser Starkbieres.

Mit einem Filzlöffel schlägt Pater Anselm Bilgri gegen ein silbernes Gefäß. Der frühere Benediktinermönch findet heute Entspannung und Erfüllung beim fernöstlichen Meditieren.

"Das ist eine Klangschale. Eine buddhistische Klangschale, die extra für christliche Zen-Meditationen entwickelt worden ist. Ich finde, das ist ein Zeichen unserer Zeit, dass wir eben solche Praktiken, Methoden und Techniken, auch aus anderen Religionen – soweit sie passen – übernimmt. Und dadurch die eigene Spiritualität bereichert."

Die Spiritualität in Bayern – sie sucht neue Wege und treibt andere Blüten. Auf dem Fußweg zum Kloster Andechs kann der Pilger anthroposophische Äpfel kaufen, und in München öffnen reihenweise Esoterikläden.

"Ich glaube, dass es ein Nullsummen-Spiel ist. Die Frömmigkeit und die Suche nach Spiritualität bleibt gleich. Aber die Ausdrucksweisen, die werden anders sein."

Ein Nullsummen-Spiel, sagt Pater Anselm Bilgri. Ein Spiel allerdings, das die katholische Kirche, auch in Bayern, derzeit nicht gewinnt.

 

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