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Religionen / Archiv | Beitrag vom 14.01.2018

Kirche auf dem LandWenn der Priester geht

Von Michael Hollenbach

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Kirche zu Satemin im Wendland (imago / Niehoff)
Kirche zu Satemin im Wendland (imago / Niehoff)

Die evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland leiden unter Mitgliederschwund. Sie reagieren darauf, indem sie Personal aus ländlichen Gemeinden abziehen. Wissenschaftler halten dies für falsch: Die lokale Kirche müsse gestärkt werden.

"Deshalb habe ich mal die Karten hingelegt, das sind Dithmarschen und Steinburg…"

In seinem Büro hat der katholische Pfarrer Joachim Kirchhoff mehrere Landkarten auf dem Boden ausgebreitet. Kirchhoff ist der Leiter des neuen Pastoralen Raums Itzehoe-Heide an der Westküste Schleswig-Holsteins.

"Es sind ungefähr 11.500 Katholiken. Das Gebiet ist, wenn man über den Daumen rechnet: 100 mal 100 Kilometer. Der Pfarrer wird zum Fahrer, das gehört auch dazu."

Zwei Gemeindereferenten und zwei Geistliche stehen Joachim Kirchhoff zur Seite. Der eine Kaplan stammt aus Togo, der andere aus Vietnam. Viel Zeit benötigt das Team zum Beispiel für die personelle Organisation der Gottesdienste.

"Wir versuchen mit unseren Kräften das zu schaffen, was wir schaffen können."

Der Pastorale Raum Itzehoe-Heide gehört zum neuen Strukturkonzept der katholischen Kirche – wie es in den meisten deutschen Bistümern umgesetzt wird. Im Erzbistum Hamburg bedeutet das: die Anzahl der Pfarreien ist in mehreren Schritten von 174 auf 28 pastorale Räume reduziert worden. Man hat die Zahl dieser Pastoralen Räume einfach an die Zahl der aktiven Priester angepasst. Doch mit so wenig Personal ein solch großes Gebiet wie das an der Schleswig-Holsteinischen Westküste zu betreuen, das sei unmöglich, kritisiert der pensionierte Pfarrer Wolfgang Kroker:

"Die Kirche zieht sich ja nicht nur aus geografischen Räumen zurück, sondern sie zieht sich von Menschen zurück, das ist das Entscheidende."

Drei katholische Geistliche für rund 2000 Quadratkilometer:

"Das ist für Menschen, die seelsorglich in Not sind, zu wenig. Wir brauchen eine ständige Ansprechbarkeit von Hauptamtlichen.  Und das macht unsere Schwierigkeit aus."

"Ein Integrationsmotor fällt weg"

Die Kirchen stehen vor dem gleichen Problem wie die Kommunen, sagt Claudia Neu, Professorin für ländliche Soziologie an der Universität Göttingen. Die Abwanderung aus der Fläche hält an, der Altersdurchschnitt liegt in ländlichen Regionen wesentlich höher als in den Städten.

"Junge Menschen gehen weg. Das ist ja auch in einer Volkswirtschaft wie der unseren durchaus erwünscht, aber sie kommen nicht wieder zurück. Wer einmal weg ist, kommt in der Regel nicht wieder zurück."

Viele Dorfbewohner erleben, dass sich nicht nur der Lebensmittelladen, der Bäcker oder die Post verabschieden, sondern dass sich auch kommunale und kirchliche Strukturen verändern.

"Die Kirche müsste bewusst sich dem Land und dem Dorf zuwenden und erkennen, dass dort noch viele Menschen an der Kirche hängen und mitmachen und bereit sind, Kirche zu tragen,"

sagt Gerhard Henkel, emeritierter Geografieprofessor der Universität Duisburg-Essen.

"Die Kirche müsste auch Vertrauen haben in die Kräfte, die dort sind auf dem Land, die pro Kirche eingestellt sind. Aber in vielen Bistümern ist diese Erkenntnis nicht da. Sie machen eigentlich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann: sie stärken nicht die lokale Kirche, sondern sie beseitigen sie, indem sie die dörflichen Pfarreien auflösen und zu Großpfarreien zusammenschließen. Gegen den Willen der Menschen in den Dörfern."

Auch dort, wo viele Menschen sich nicht mehr als Christen bezeichnen würden, bleibe die Kirche identitätsstiftend für ein Dorf, sagt Claudia Neu.

"Sie bietet immer noch Integration für verschiedenste Gruppen von Menschen. Das ist eben anders als bei Facebook, wo ich dann nur mit der Gruppe zusammen bin, mit der ich dann auch meine, das zu müssen. Die Kirche ist ein wichtiger Integrationsmotor. Und wenn das wegfällt, dann fallen Schutzräume weg, fällt Öffentlichkeit weg und fällt auch ein Integrationsmotor weg, und das ist schon für viele Regionen schwer zu verarbeiten."

Ehrenamtliche vor Ort sollen zentrale Akteure werden

Nicht nur die katholische, auch die evangelische Kirche ist in vielen ländlichen Regionen vom drastischen Rückgang der Kirchenmitglieder betroffen. Zum Beispiel im niedersächsischen Wendland. Stefan Wiechert-von Holten ist Propst von Lüchow-Dannenberg. In den zehn Jahren, in denen er den Kirchenkreis leitet, hat er 2000 von rund 30.000 Mitgliedern verloren.

"Über das Pfarrhaus vor Ort sind wir größtenteils hinaus."

Der Dorfpfarrer vor Ort ist für den Propst eher ein Auslaufmodell ohne Zukunft:

"Wo keine Kuh steht, kommt keine mehr hin. Bei Pastoren ist das genauso."

Der Kirchenkreis Lüchow-Dannenberg hat sich neu aufgestellt: Die ehrenamtlichen Ortsvorstände in den Kirchengemeinden müssen auch ohne Pastor zurechtkommen.

Im Wendland gibt es 346 Dörfer. Da können die Pfarrer unmöglich überall vor Ort präsent sein. Aber aufgeben könne man die Dörfer auch nicht, meint Wiechert-von Holten:

"Das heißt: wir müssen in der Fläche bleiben. Das können wir nicht, wenn jeder in seiner Pfarrstelle sitzt; trotzdem müssen wir die Pfarrstellen erhalten. Und gleichzeitig wollen wir die Kirchengemeinden lösen von der Abhängigkeit der Pastorenstelle, damit die sich weiter entwickeln können, damit sie auch Kirche sein können, wo kein Pastor ist."

Dahinter steckt eine neue Rolle für den Pfarrer: Die Ehrenamtlichen vor Ort sollen zu den zentralen Akteuren werden, die Pastoren zu Beratern. Andreas Dreyer, Vorsitzender des hannoverschen Pfarrvereins, warnt davor, dass die Pastoren den Bezug zu den Dorfbewohnern und deren Lebenswelt verlieren.

"Ich glaube, das ist ein struktureller Fehler, den wir da begehen. Die Gemeinden sind unsere Stärke, dort schlägt als evangelische Kirche unser Herz und dass man Pastor einer bestimmten Gemeinde ist, das ist sozusagen die Erdung, die Ortsbindung. Von daher glaube ich nicht, dass viel zu gewinnen ist an dieser Stelle. Den Leuten sind die Kirchengemeinden wichtig, sind persönliche Bezugspersonen wichtig. Und da sollten wir den Menschen diese Kontaktfläche auch bieten. Es wäre ein grober Fehler, sich aus den ländlichen Regionen zurückzuziehen."

"Pfarrer ist nicht mehr Einzelkämpfer vor Ort"

Die Kirche wolle sich ja auch nicht aus dem ländlichen Raum zurückziehen, entgegnet Stephan Wiechert-von Holten. Nur müsse Kirche auf dem Land anders organisiert werden:

"Konkret heißt das, die Pastoren sind alle in einem Pfarramt im Kirchenkreis und jeder hat einen Gemeindebezirk, in dem er ortsbezogen der Pastor ist."

17 Pastoren in einer Pfarrstelle, aufgeteilt in vier Bezirke. In vielen Dörfern finden nur noch selten Gottesdienste statt, Gläubige und Geistliche müssen immer mobiler werden. Für den Propst bedeutet das auch: das alte Bild vom Pastor hat ausgedient:

"Das Pfarrerbild verändert sich. Der Pfarrer ist nicht mehr Einzelkämpfer vor Ort. Also solche Leute sind für das Kirchenkreispfarramt nicht zu gebrauchen, die sagen: 'Selig sind die Beene, die vor dem Altar stehn alleene' – ist nicht. Aber ich glaube, so eine Kirche sind wir auch nicht mehr. Und da, wo wir noch so eine sind, macht es mir oft keinen Spaß."

Eigentlich ist es für die Kirche die Quadratur des Kreises: Vor Ort bleiben zu wollen, und dennoch gehen zu müssen. Auch der Dorfforscher Gerhard Henkel weiß, wie schwer es für die Kirchen ist, weiter in der Fläche präsent zu bleiben. Doch er warnt vor einem radikalen Rückzug:

"Meine Aussage ist: Wenn die Kirche das durchgehend jetzt macht mit den Pfarreiauflösungen, dann ist das ein Fall, wo man feststellen muss: die Amtskirche beseitigt die Volkskirche, die noch in Resten vorhanden ist. Und das ist eigentlich eine riesengroße Tragik. Die Kirche schadet sich selbst."

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