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Fazit | Beitrag vom 22.05.2021

Kinos vor der ÖffnungEin Hauch von Solidarität

Von Christian Berndt

Sascha Grunow, Christos Acrivulis und Martina Klier (v.l.n.r.) sitzen im Kinosaal in roten Sesseln. Auf Sesseln dazwischen haben sie Kuscheltiere platziert. (picture alliance/ dpa-Zentralbild / Jens Kalaene)
Sascha Grunow, Christos Acrivulis und Martina Klier (v.l.n.r.) betreiben das Kino Klick in Berlin. Bei der Wiedereröffnung im Sommer 2020 haben sie Plüschtiere auf Sessel gestellt, die freibleiben mussten. (picture alliance/ dpa-Zentralbild / Jens Kalaene)

Der Tag rückt näher, an dem die Kinos in Deutschland wieder öffnen werden. Anders als 2020 arbeiten Kinobetreiber und Verbände diesmal an eigenen, einheitlichen Regelungen. In der Branche hat sich ein neues Solidaritätsgefühl entwickelt.

In der Kinobranche hat sich in der Corona-Pandemie die Zusammenarbeit verbessert. So jedenfalls beschrieben es Film- und Kinoleute kürzlich auf dem 50. Deutschen Kinokongress, der erstmals in seiner Geschichte rein digital stattfand.

Anlass zu Hoffnung für die Kinobranche

"Wie sagte mir ein Kinobetreiber im März 2020: In schwierigen Zeiten waren wir immer Zufluchtsort für die Menschen, wir konnten sie für anderthalb Stunden in eine andere Welt verzaubern, sie von der Realität abrücken lassen", sagte die Vorstandsvorsitzende des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater, Christine Berg, bei der Eröffnung. "Diesmal nicht."

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Die größte deutschsprachige Kino-Fachmesse fand zum 50. Mal statt – und natürlich stand sie, ausgerechnet bei der Jubiläumsaufgabe, im Zeichen der Corona-Krise. Doch es gab auch Anlass zu vorsichtiger Hoffnung: die geringe Anzahl von Kino-Pleiten bisher; eine neue Umfrage, die darauf hoffen lassen, dass das Publikum nach der Pandemie in großer Zahl in die Filmtheater zurückkehren wird; und natürlich die Perspektive, irgenwann in näherer Zukunft wieder aufmachen zu können.

Ralf Holl von der Genossenschaft Kinomarkt Deutschland eG erklärt, die Kinobetreiber hätten sich mit den Verleihern getroffen und planten nun gemeinsam eine Wiedereröffnung Ende Juni, Anfang Juli: "Weil wir glauben, dass auch die Filmverleiher ein Stück weit einen Vorlauf brauchen."

Gemeinsamkeit entdeckt

Einen Öffnungsflickenteppich wie im letzten Jahr wolle man jedenfalls unbedingt vermeiden. Zwei Wochen vor der geplanten Wiedereröffnung Anfang Juli soll eine bundesweite Kampagne starten. Facebook beteiligt sich ebenso wie das Werbeunternehmen Ströer Media, das auf seinen landesweit 79.000 Werbe-Screens die Filmtheater-Öffnungen ankündigen wird. Für die Kooperation ist das Schlüsselwort "Kino leuchtet".

Kinobetreiberinnen haben Aktionen wie "Kino leuchtet. Für Dich" initiiert, die nicht nur Aufmerksamkeit generieren sollen, sondern auch schon jetzt die Kinos gestärkt hätten, meinte die Mitinitiatorin Petra Rockenfeller vom Lichtburg Filmpalast Oberhausen: "Weil wir eine Community geworden sind. Alle Kinos machen zusammen etwas, und das ist, glaube ich, das Wichtigste, was wir alle aus dieser Pandemie gelernt haben: Allein kommen wir da nicht durch."

Auch im Saarland, so Claudia Ziegler von den Haas Filmtheaterbetrieben, haben sich die Kinos vernetzt: "Vor der Pandemie waren wir als Kinos Einzelkämpfer in der Region." Das Saarland sei ja relativ klein: "Es ist uns tatsächlich gelungen, fast alle Kinos mit einzubinden. Vom Arthaus-Kino bis zu den Mainstream-Kinos sind die meisten mit dabei", sagt sie. Da sei sie auch ein bisschen stolz drauf: "Wir kommunizieren normalerweise zweiwöchig über Zoom."

Sinnfragen rund ums Kinofenster

Aber wie es nach der Pandemie weitergehen soll, darüber herrschen in der Branche geteilte Meinungen. Das zeigte sich etwa in der Debatte über die Kinofenster, das heißt die Zeitrahmen, in denen Filme exklusiv fürs Kino reserviert sind. Bei geförderten deutschen Filmen – und das sind fast alle – beträgt das Fenster bisher sechs Monate.

Für Gregory Theile von der Kinogruppe Kinopolis ist das nicht mehr zeitgemäß: "Das Fenster ist kein Selbstzweck, sondern es geht darum, den Film in allen Auswertungsstufen optimal auswerten zu können." Das sei je nach Film sehr unterschiedlich. "Wir haben Filme wie 'Der Junge muss an die frische Luft', der hat in der 18. Woche noch eine halbe Million Umsatz gemacht, da wäre man bescheuert, wenn man den aus dem Kino nehmen würde." Andere Filme seien nach zwei Wochen schon durch: "Da ist nichts gewonnen, wenn der drei Monate im Schrank liegt."

Dagegen meint Torsten Frehse vom Filmverleih Neue Visionen, dass einem Film, der im Kino gefloppt ist, auch eine Stream- und DVD-Auswertung nichts bringt: "Jetzt muss man sich überlegen: Der Film ist gefloppt. Und dann habe ich zwei Wochen später schon eine Online-Kampagne fertig und dann wird der Film releast und hat dann auf einmal ein großes Publikum? Das wird doch nie passieren!. Wenn der Film gefloppt ist, ist er gefloppt", meint Frehse. 

Außerdem gibt er zu bedenken, dass solche Kampagnen auch einen Vorlauf hätten: "Und wenn schon jemand diese Kampagne plant, dann traut er seinem Film nicht und dann wird er auch nicht gut funktionieren."

Schlüsselfaktor Zielgruppenansprache

Er glaubt an gute Zeiten für das Kino: "Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in einer Situation sind, wo der Kinofilm wieder eine Stärke haben wird – wenn wir dafür sorgen, dass der Kinofilm nicht aus dem Kino entflüchtet."

Statt Masse sollten mehr wirklich leinwandtaugliche Filme ins Kino. Dass in den letzten Jahren zu inflationär Filme im Kino gestartet sind, darin war man sich einig auf dem Kongress.

Und die Verleihe, so Frehse, müssten ihre Filme stärker zielgruppenorientiert bewerben. Zielgruppenansprache war auch ein zentraler Begriff in der Schlussdiskussion zur Zukunft des Kinos: Um die richtige Publikumsansprache zu erreichen, war viel vom Sammeln von Kundendaten die Rede.

Diesem marktorientierten Ansatz setzte Regiestudentin Hanna Seidel die Idee von der künstlerischen Kraft des Films entgegen: "Es geht um die Aura des Kunstwerks, und deswegen ist es superwichtig, dass wir auch in der Schule darüber reden." Dort solle über Film nicht wie über irgendeine Ware gesprochen werden, "Also: Hat es Dir Spaß gemacht oder nicht?". Vielmehr sollten die Fragen sein: "Was hast Du darin gesehen, was hat das in Dir ausgelöst? Dass sich junge Leute mehr mit Kinofilm auseinandersetzen und für sich erkennen, das ist der Ort, wo dieses Medium laufen muss und nicht auf einem kleinen Screen."

In französischen Schulen wird das schon so gemacht.

Kino in die Stadtplanung einbeziehen

Daran, dass das Kino auch die Pandemie überleben wird, gab es keine Zweifel auf dem Kongress. Aber wenn es weiterhin flächendeckend Filmtheater in Deutschland geben soll, so hieß es, dann müssten Kinos viel stärker als kulturelle und soziale Treffpunkte – wie Theater und Museen – in Stadtplanungen einbezogen werden.

Was sie ausmachen, werde mancherorts oft erst klar, wenn das letzte Kino verschwunden ist.


Online-Bearbeitung: (mfu)

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