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Vollbild | Beitrag vom 25.07.2020

Kinos nach dem Corona-LockdownWenig Besucher, keine Blockbuster – eine Chance für die Berlinale?

Von Christian Berndt

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Kinosaal eines Hamburger Programmkinos mit vielen leeren  Kinosesseln. (picture alliance/ dpa/ Christiane Bosch)
Die Programmkinos starten ins Sommerprogramm mit Bauchschmerzen. (picture alliance/ dpa/ Christiane Bosch)

Mit dem bundesweiten Kinostart Anfang Juli sollte wieder Leben in die Filmtheater kommen. Aber die Zuschauerzahlen bleiben niedrig. Auch die Berlinale steht vor neuen Herausforderungen, könnte von der Krise jedoch sogar profitieren.

Donnerstagabend im Delphi. Das Berliner Traditionskino zeigt die Neuverfilmung von "Berlin Alexanderplatz". Der passende Ort für den Film, aber es sind kaum Besucher da. Immerhin ist die Schauspielerin Katharina Thalbach im Publikum.

"Seit die Kinos wieder offen haben, gehen wir immer rein. Und das sollten alle Leute tun, so wie sie auch alle ins Theater gehen sollten."
"Sie haben keine Angst?"
"Nein! Ich pass ja auf! Wenn man aufpasst, muss man keine Angst haben. Man sollte vielleicht nicht knutschen im Kino."

Angst vor Ansteckung im Kino haben auch zwei junge Männer nicht: "Ich glaub, ich war anderen Leuten schon näher als jetzt im Kino."

Es ist ihr erster Kinobesuch seit den coronabedingten Schließungen: "Ich wusste gar nicht, wann die Kinos wiederaufmachen, und war selbst überrascht, dass das schon wieder geht, aber bin gerne wieder hier."

70 Prozent der Leinwände werden wieder bespielt

Vielleicht geht es auch anderen so. Nach der bundesweiten Wiedereröffnung der Kinos Anfang Juli sieht es mit den Besucherzahlen schlecht aus.

"Dass es ein holpriger Weg wird, war uns allen klar. Aber ganz ehrlich, wir haben im Moment mit einem Verlust von 85 Prozent zu kämpfen, und das lässt einen natürlich schwer atmen", sagt die Vorstandsvorsitzende des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater, Christine Berg.

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Etwa 70 Prozent der Leinwände in Deutschland werden wieder bespielt, aber die Kinos bleiben vielerorts leer. Christine Berg sieht dafür mehrere Gründe: Unter anderem die in den meisten Bundesländern geltenden 1,5 Meter-Abstandsregeln im Kinosaal, die nur eine geringe Auslastung erlauben.

Zwar gebe es eh wenig Besucher, aber die Abstandsregeln würden Verleiher abschrecken, neue Filme ins Kino zu bringen. Doch die brauche man, um Publikum anzuziehen. "Und wir haben das zweite Problem, dass Amerika, einer der Hauptmärkte der Welt, gerade die Kinos wieder geschlossen hat. Das heißt, die großen amerikanischen Blockbuster kommen nicht, und die deutschen Filme sind im Moment etwas zögerlich."

Amerikanische Filme zuerst in Europa?

Deshalb ist der Verband mit Verleihern im Gespräch, deutsche Filme früher als geplant herauszubringen. Man setzt auf heimische und europäische Produktionen. Zwar könnten die, was die Einspielzahlen betrifft, bei Weitem nicht die amerikanischen Blockbuster ersetzen. Aber trotz des Verlustgeschäftes sei es sinnvoll, die Kinos offen zu halten, sagt Berg.

"Ich glaube, in dem Moment, wo unser Markt in Europa wieder anläuft und wir nicht mehr über einen Verlust von 80 oder 90 Prozent sprechen, sondern wir den immer weiter verringern, und zwar mit heimischem Content; ich glaube, in dem Moment wäre Amerika blöd, wenn sie nicht endlich anfangen würden, ihre Filme erst bei uns zu zeigen."

Dazu müssten Sommer-Blockbuster wie "Tenet" und "Mulan" zunächst in anderen Territorien gezeigt werden. Darüber denken die Studios nach. Mit Interesse schaut man in Hollywood auch auf China, wo es am 20. Juli einen breiten Kinostart gegeben hat. Das größte Problem, so Christine Berg, sei jedoch die Angst vieler Menschen, sich ins Kino zu setzen. Aber man leiste Überzeugungsarbeit:

"Wir haben eine Studie in Auftrag gegeben…", an der TU Berlin. Diese sei jetzt zu folgendem Ergebnis gekommen: Besucher eines Kinos seien dort nur einem Bruchteil möglicher Aerosolmengen ausgesetzt, die man im Vergleich dazu im Umfeld eines Büroarbeitsplatzes finde. Möglicherweise wird die Studie die Debatte um die Abstandsregeln weiter befeuern.

Die Berlinale könnte das erste große Festival werden

Neu planen muss man auch bei der Berlinale - Hauptsponsor Audi ist abgesprungen. Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek: "Uns war klar, dass der Vertrag erstmal zu Ende war und wir dann neu mit dem Partner sprechen müssen. Insofern waren wir darauf vorbereitet, dass sich Veränderungen ergeben können, zumal Audi neue, strategische Marketingkonzepte entwickelte."

Audi will stärker in Nachhaltigkeit – etwa Green-Tech-Unternehmen – investieren. Dabei hat sich gerade die Berlinale mit Aktionen wie einem ‚grünen‘ roten Teppich der Nachhaltigkeit verschrieben. Letztes Jahr waren bereits die Sponsoren Tesiro und Glashütte ausgestiegen: "Ich bin noch nicht panisch. Kultursponsoring ist für Wirtschaftsunternehmen nach wie vor ein sehr interessantes Feld", sagt Rissenbeek.

Man hat auch neue Partner wie Magenta TV gewonnen, aber neben Corona gibt es bei der Sponsorensuche weitere Herausforderungen: "Seit der Digitalisierung überlegen sich die Unternehmen immer genauer, welche Zielgruppen sie ansteuern, das war früher sehr viel breiter aufgestellt."

Aber künstlerisch könnte die Berlinale im nächsten Frühjahr als vielleicht erstes, großes, internationales Festival der Nach-Corona-Zeit profitieren, meint Rissenbeek: "Die Programer sind alle im Moment der Meinung, dass noch mehr Filme als üblich angeboten werden, es ist ein großes Interesse da von Filmschaffenden, ihre Filme bei der Berlinale zeigen zu können. Da haben wir eher den Eindruck, dass sich das sehr positiv für uns entwickelt hat."


Außerdem sprechen wir in dieser Ausgabe unserer Kinosendung "Vollbild" mit den Filmkritikern Anke Leweke und Jörg Taszman über die Zukunft des Kinos in pandemischen Zeiten:

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