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Vollbild | Beitrag vom 13.03.2021

Kinokolumne Top FiveZum 90. Geburtstag von Wolfgang Kohlhaase

Von Hartwig Tegeler

Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase sitzt während eines Gespräches in seinem Garten.  (picture alliance/dpa-Zentralbild/Patrick Pleul)
Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase im März in seinem Garten in Storkow bei Berlin. (picture alliance/dpa-Zentralbild/Patrick Pleul)

In den 1950er-Jahren fing Wolfgang Kohlhaase bei der DEFA an – und schrieb das Drehbuch für einen ihrer erfolgreichsten Filme. Im wiedervereinigten Deutschland arbeitete er mit Volker Schlöndorff und Andreas Dresen. Eine Auswahl seiner besten Filme.

Platz 5 – "Berlin – Ecke Schönhauser …" von Gerhard Klein (1957)

Die Gruppe Jugendlicher an der U-Bahn-Brücke Schönhauser Allee. Ein Erfahrungsraum, gezeichnet im Stil des italienischen Neorealismus, konträr zur Welt der Erwachsenen. Dieter zu seinem Bruder, dem Polizisten: "Warum kann ich nicht leben, wie ich will, warum habt ihr lauter fertige Vorschriften?" Ohne Idealisierung beschreibt das Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase die DDR nach dem Krieg mit seinen verheerenden Nachwirkungen.

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Helle Aufbruchsstimmung findet man hier nicht, eher pragmatischen Überlebenstrieb. Der DDR-Hauptverwaltung Film fürchtete eine schädliche Wirkung auf "unsere Menschen" durch den Film und verweigerte zunächst eine Zulassung. Nach der Freigabe 1957 wurde "Berlin – Ecke Schönhauser …" zu einem der erfolgreichsten DEFA-Filme.

Platz 4 – "Ich war neunzehn" von Konrad Wolf (1968)

Als Offizier der Roten Armee zieht Gregor, dessen Eltern wegen der Nazis ins Exil in die UdSSR gingen, mit seiner Aufklärungseinheit 1945 durch Brandenburg Richtung Westen und versucht, die Reste der Nazi-Armee vom Aufgeben zu überzeugen. Regisseur Konrad Wolf, auf dessen Lebensgeschichte "Ich war neunzehn" beruht, und Wolfgang Kohlhaase beschreiben ein vom Krieg gepeinigtes Land aus der Perspektive eines deutschen Russen. Eine komplexe Sichtweise auf Schuld und Sühne, die sich jeglicher einfacher Schwarz-Weiß-Zeichnung verweigert. Kein Heldenepos, sondern Reflexion über das Grauen.

Platz 3 – "Die Stille nach dem Schuss" von Volker Schlöndorff (2000)

Auch nach 1989 blieb Wolfgang Kohlhaase im Geschäft. Wie das Leben in der DDR verlief, von dieser Erfahrung des Drehbuchautors konnte auch ein West-Regisseur, Volker Schlöndorff, in der Aufarbeitung eines Kapitels der RAF sehr gut profitieren. Das Leben westdeutscher Terroristen, die in der DDR Unterschlupf finden, aus der Perspektive von Rita – grandios: Bibiana Beglau –, die sich gut im sozialistischen Alltag zurechtfindet, aber von ihrem Führungsoffizier auf ihre Rolle hingewiesen wird: "Da drehen sich große Räder, da kann man leicht zerquetscht werden." Rita wird einen hohen Preis zahlen, und auch sie wird, wie Dieter in "Berlin – Ecke Schönhauser …", nicht leben können, wie sie will. Wird zerquetscht.

Platz 2 – "Whiskey mit Wodka" von Andreas Dresen (2009)

Vielleicht wäre es ja mit dem selbstbestimmten Leben einfacher, wenn man gut lügen kann. Otto – gespielt von Henry Hübchen – ist ein großer Filmstar und ein großer Säufer und Lügner. Um Otto zu disziplinieren, werden parallel alle seine Szene mit einem anderen Schauspieler noch einmal gedreht. Eine irre Konstruktion, die für das Team Dresen/Kohlhaase die Gelegenheit bietet, die Welt des Films, seinen Kosmos aus Lügen, Träumen und Hoffen zu entlarven und sich gleichzeitig vor ihnen liebevoll zu verbeugen. Ach, sind wir nicht alle Spinner!

Platz 1 – "Nagel zum Sarg" von Phillip Döring (2011)

Berlin 1965. Der Kommissar steht vor der Tür. Die Frau sagt: "Ich habe immer gewusst, dass Sie kommen. Die ganzen Jahre. Ich habe es immer gesehen. Es klingelt. Ich mache auf. Und die Polizei steht da. Ich habe es immer gesehen. Es klingelt. Ich mache auf. Und die Polizei steht da." Ein 27 Minuten langer Film, beruhend auf einer Kohlhaase-Erzählung. Die Frau – gespielt von Ursula Werner –, erzählt dem Polizisten, wie sie ihren Mann in den 1930ern kennenlernte, wie er krank wurde, unheilbar; wie sie versuchte, weiter zu leben, wie sie ihn pflegte, wie sie irgendwann nicht mehr konnte. Der Nagel im Kopf ihres Mannes.

Ein Mord, der erst 30 Jahre später entdeckt wird. "Nein. Es war kein Unfall", sagt die Frau. "Nagel zum Sarg" beweist Wolfgang Kohlaases Kunst, in dem, was Menschen sagen, eine Welt in allen dunklen und hellen Seiten, mit allen Träumen und Albträumen entstehen zu lassen und so ein komplexes, auch widersprüchliches Leben vom Anfang bis zum Ende zu zeichnen.

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