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Vollbild | Beitrag vom 04.04.2020

Kinokolumne Top FiveDie besten Filme über unendliche Weiten

Von Hartwig Tegeler

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Peter O'Toole blickt bedeutungsschwanger ins Off des Bildes, während Omar Sharif ihn anspricht. Beide tragen Beduinenkleidung. (imago/Entertainment Pictures)
Niemand blickt so sehnsuchtsvoll in die Weiten der Wüste wie Peter O'Toole in David Leans Breitbild-Klassiker "Lawrence von Arabien". Rechts neben ihm: Omar Sharif. (imago/Entertainment Pictures)

In Zeiten coronabedingten Rückzugs bleibt den meisten nur der alltägliche Blick aus dem Fenster. Trost spendet der reiche Fundus der Filmgeschichte: Ob in der Wüste oder im All, das Kino blickte immer schon gerne in die Weiten des Raums.

Platz 5: "Lawrence von Arabien" von David Lean (1962)

Der Journalist fragte Lawrence auf dem Schlachtfeld mitten in der Wüste, was ihn an der Wüste so reize. "Sie ist so sauber!", sagt der englische Offizier. Sauber, ja, und von einer unendlichen Weite. Wofür David Lean mit dem 70mm-Format ja im Kino das adäquate Medium gefunden hat.

Die Wüste ist für den britischen Offizier nie allein leerer Raum, sondern einer der Sehnsucht und des Wunsches, sich reinzuwaschen von der Zivilisation. Lawrence' Versuch, wieder unschuldig zu werden, muss scheitern, weil er der Soldat ist, der die Araber zum blutigen Aufstand gegen die Türken führt. So erzählt David Lean auch von der Schuld, die dieser Mann auf sich lädt und die ihn in einen verwandelt, der lustvoll tötet. Am Ende spielt der Film nicht mehr in der Weite der Wüste, sondern in der Enge von Damaskus.     

Platz 4: "Der mit dem Wolf tanzt" von Kevin Costner (1990)

Kevin Costner erzählt das Öko-Märchen vom US-Lieutenant, der in der Prärie und im Kontakt mit den eingeborenen Dakota eine neue Heimat findet. Für die andere Armee-Einheit ist die Weite der Prärie purer Horror, aus dem sie schließlich fliehen müssen.

Für John Dunbar aber, der am Ende den Indianer-Namen "Der mit dem Wolf tanzt" trägt, füllt sich dieser scheinbar leere, weite Raum mit Schönheit und Lebenssinn, weil er – wie die Native Americans – die Natur nicht als etwas begreift, das es zu bekämpfen gilt. Und die Kamera schwelgt in unfassbaren Totalen der Prärie. Rauschhaft.

Platz 3: "I Am Legend" von Francis Lawrence (2007)

Etwas, das immer eng war, voll, überquoll vor Menschen, Autos, auch immer Wahrzeichen der Urbanität war. Doch in diesem Film-New-York streift der allein zurückgebliebene Virologe mit seiner Hündin durch die Straßen. Auf denen wächst das Gras durch die Ritzen. Rehe und Hirsche sind wieder da. Immer ist der Mann darauf gefasst, von denen, die ein Virus in eine Art Zombie verwandelt hat, angegriffen zu werden.

Die Bilder am Anfang von "I Am Legend", wenn wir Will Smith auf seinem Streifzug durch diese Stadt sehen, sind heute schockierend, weil sie sich so sehr in unserer Wahrnehmung mit den aktuellen Nachrichtenbildern über den Big Apple überlagern. Aber es ist auch verblüffend, welche Weite diese leeren Straßenzüge ausstrahlen, wenn sie nicht von Menschen bevölkert sind. Wie die Architektur aber auch auf makabre Weise an Gebäude anderer, vergangener Reiche und Zivilisationen erinnert.

Platz 2: "All is lost" von J. C. Chandor (2013)

Einer, der verloren gegangen ist, nicht in einer Landschaft, sondern in einer anderen Weite. Der namenlose Einhandsegler – Robert Redford – kämpft ums Überleben, nachdem ein treibender Container sein Schiff gerammt hat.

Ein Kammerspiel über die Natur beziehungsweise über den Kampf gegen sie, das nur auf dem Boot und dann, als das gesunken ist, auf der Rettungsinsel spielt. Am Ende bleibt nur noch das Absinken – hinunter! - in die grenzenlose Weite des Meeres, das da aber schon Metapher für das Jenseits geworden ist.

Platz 1: "Gravity" von Alfonso Cuarón (2013)

Wenn es kein Unten, kein Oben, keinen Halt gibt, wenn die absolute Leere herrscht. Routinemission im All. Der altgediente Astronaut (George Clooney) und das Greenhorn (Sandra Bullock) im Orbit bei Wartungsarbeiten außerhalb des Shuttles. Plötzlich fliegen Trümmerteile durchs All, zerstören das Shuttle. Zurück bleibt allein im All die Frau, die versucht, auf die Erde zurückzukommen.

Kino, das ist hier Bewegung in der grenzenlosen, unendlichen Weite des Alls. Wir spüren in der ersten Viertelstunde von "Gravity", wenn wir noch nicht gewöhnt sind an diese 3D-Bilder des Alls, keinen Halt, keine Begrenzung. So entsteht über die sinnliche Erfahrung beim Zuschauen die Identifikation mit der Hauptfigur, die verloren ist – da draußen im All. Kino wird zum Trip der Bilder und der Sinne. Und die Weite, sie wird zur beängstigenden wie faszinierenden wie rauschhaften Körpererfahrung.   

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