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Vollbild | Beitrag vom 14.11.2020

Kinokolumne Top FiveDie besten Filme über den Abschied von der Macht

Von Hartwig Tegeler

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US-Präsident Donald Trump ist von hinten zu sehen - das restliche Bild ist schwarz. (picture alliance / AP Photo / Patrick Semansky)
Was kommt nach dem Verlust der Herrschaft? Diese Frage stellt sich gerade wohl Donald Trump. Und auch in Filmen ist sie immer wieder Thema. (picture alliance / AP Photo / Patrick Semansky)

Donald Trump fällt es derzeit offensichtlich schwer, die Macht loszulassen. Was passiert, wenn Herrschaft endet – egal ob über einen Staat oder die Unterwelt – behandeln Filme immer wieder. Diese fünf Werke sind besonders sehenswert.

Platz 5 – "Boulevard der Dämmerung" von Billy Wilder (1950)

Sie war die Königin des Stummfilms. Aber mit dem Tonfilm und dem Alter ist der Stern der Diva Norma Desmond verglüht. In der Luxusvilla am Hollywood-Boulevard lebt die Schauspielerin im Kokon ihrer Erinnerungen. Ihr junger Geliebter, der Drehbuchautor, vermittelt ihr noch einmal die trügerische Illusion, Mittelpunkt der Traumfabrik zu sein.

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Ihre Rache ist grausam. Und so schreitet sie am Ende – nicht vor Filmkameras, sondern denen der Polizeireporter – die Treppe herunter. Bei diesem finalen Dreh, hat Norma Desmond – gespielt vom Ex-Stummfilmstar Gloria Swanson – die Macht über die Bilder schon verloren. Sie ist dem Wahnsinn verfallen und nur noch Erinnerung. Wie die andere Königin, die nicht wahnsinnig wurde, sondern den Kopf verlor.

Platz 4 – "Marie Antoinette" von Sofia Coppola (2006)

Das Volk beginnt die Revolution und leitet das Ende der Herrschaft des französischen Königs ein und das des Luxuslebens seiner Gemahlin. Der goldene Käfig, in dem sich die Königin verkroch oder auch weggesperrt wurde, zerbricht. Die Realität dringt ein. Dekadenz – dieser Begriff bindet "Verfall", "Niedergang" und "Verkommenheit" zusammen.

Die Implosion eines politisch dekadenten Systems hat ein blutiges Chaos zur Folge, aus dem die neue Ordnung der Macht entsteht. Marie Antoinette – gespielt von Kirsten Dunst – schaut naiv, staunend, entsetzt und auch recht dumm auf den Sturm, der über sie hinwegtobt und sie am Ende unter die Guillotine bringt.

Platz 3 – "American Gangster" von Ridley Scott (2007)

Absolute Machtausübung, die der männlichen Herrscher, geht so: "Ab sofort spricht mich keiner mehr direkt an. Und nicht am Telefon. Ist das klar?" Frank Lucas weiß genau: Nur unter dem Radar der Ermittlungsbehörden florieren die Geschäfte. Nur da bleibt alles möglich. Soweit, so gut, denn die Cops tappen im Dunkeln, wer der Chef des Drogengeschäfts in Harlem ist. Doch dann lässt sich Frank, da, ganz oben an der Pyramide der Gangster-Herrschaft, von der Illusion der Unantastbarkeit verführen und verstößt gegen die eigene Regel, unauffällig zu bleiben.

Box-Gala; Frazier gegen Ali; 1971. Frank mit seinem 50.000 Dollar teuren Chinchilla inklusive alberner Pelzmütze nimmt auf dem Weg in die Reihe direkt am Ring Huldigungen entgegen. "Moment!", fragt sich der ermittelnde Cop, "wieso sitzt der bei diesem Jahrhundertkampf in der ersten Reihe, wieso schüttelt er Joe Lewis die Hand?" Als Frank Lucas also aus der Deckung kommt und sich – sprichwörtlich – auf den Präsentierteller begibt, beginnt sein Niedergang. Es ist der Narzissmus, der dem Drogenkönig den Hals bricht. Und die Nachfolger scharren mit den Hufen.

Platz 2 – "The Death of Stalin" von Armando Iannucci (2017)

Ach, die Nachfolger. Bei Stalins Abgang saßen sie angstschlotternd im Politbüro. März 1953. Der Diktator und Massenmörder hat einen Schlaganfall und liegt auf dem Boden. Er ist schon tot. Seine Gefolgsleute scheuen es, dies auszusprechen und möglicherweise etwas festzuschreiben. Denn wenn Stalin überleben würde, wäre man selbst durch eine vorschnelle Diagnose dem Tode geweiht. Während die Herren also nun zitternd um die Leiche herum stehen und jedes Röcheln argwöhnisch belauern, schon da beginnen die Diadochenkämpfe. Hinterhältig, gnadenlos, blutig.

Der Tod hat dem König die Macht entrissen, unfreiwillig musste er abtreten. Es lebe der neue König, der die Geschäfte allerdings weiterbetreibt wie der alte. Das mörderische System lebt also weiter.

Platz 1 – "Ran" von Akira Kurosawa (1985)

Der alternde Großfürst Hidetora im Japan des 16. Jahrhunderts hält es für eine gute Idee, abzudanken und die Macht unter seinen drei Söhnen gerecht aufzuteilen. Aber Brutalität und Gewalt, auf der er sein Reich aufbaute, hat in seinen Kindern und Nachfolgern tiefe Spuren hinterlassen. Wie Hunde, die von der Kette gelassen werden, gehen die Söhne nun aufeinander los. Das große Schlachten beginnt, und das Reich versinkt in Blut.

Am Ende erzählt Akira Kurosawa, der hier eine japanische Legende und Shakespeares "King Lear" adaptiert, von einer Welt ohne Hoffnung. Über den alten Herrscher, der nun in den Wahnsinn abgleitet, sagt der weise Narr: "Mit seinem schwachen Verstand sieht er nun die Verbrechen, die er begangen hat." Der Großfürst gab die Macht ab und erntete Chaos, in dem die Dämonen seiner Herrschaft emporkrochen und grausamen Blutzoll forderten. Am Ende sind alle aus seiner Familie und er selbst tot.

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