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Vollbild | Beitrag vom 16.12.2017

Kinokolumne Top Five1967 und die Revolution der Bilder

Von Hartwig Tegeler

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Szenenbild aus "Bonnie and Clyde" (Imago)
Rebellischer Geist: Mit Filmen wie "Bonnie and Clyde" begann ein neues Zeitalter für Hollywood (Imago)

Das Kinojahr 1967 war wild, zerrissen, aufregend: Mit Filmen wie "The Trip", "Die Reifeprüfung" oder "Der Unbeugsame" kündigte sich das New Hollywood an, in dem ein kritischer Blick auf die Gesellschaft und brillante Kino-Erzählkunst zusammenliefen.

Platz 5: "Der Unbeugsame" von Stuart Rosenberg

Was Luke – Paul Newman – nicht kann, das ist das, was sein Knastkumpel von ihm fordert, damit er überlebt: Gib auf! Dann schießt der Wärter auf Luke, und der Mann, der im Brennspiegel des Gefängnisse den Konflikt zwischen der individuellen Freiheit und der gesellschaftlichen Ordnung am eigenen Leib austrägt, er ist gescheitert. Nur seine Legende überlebt: der Unbeugsame eben! Stuart Rosenbergs Film ist altes Hollywood-Kino mit dem großen Paul Newman als Star einer Kino-Ära, die gerade dabei ist, von der Nachfolgerin abgelöst zu werden, aber die Konflikte der Gegenkultur der 67er-, 68er-Jahre in ihren Erzählungen quasi schon durchlebt. Schwelle zum New Hollywood.

Platz 4: "Die Reifeprüfung" von Mike Nichols

Lethargie, Langeweile, das Wohlversorgtsein und dieses Gefühl, dass nichts Sinn macht im Luxus-Leben. Es ist die Energie der ewigen Ödnis, der Spießigkeit, der Normalität, die einen dazu bringt, sich jetzt – 1967 – freiwillig nach Vietnam zu melden.  Alternative: In eine Affäre mit einer reiferen Frau einsteigen, wie es Benjamin Braddock alias Dustin Hoffman tut. Was scheint aus der Rückschau von 50 Jahren revolutionär an diesem Film? Die Affäre zwischen einer älteren Frau und einem jungen Mann oder die Weltfremdheit des jungen Protagonisten? In jedem Fall hatte sich viel Sprengstoff gesammelt, der der Gesellschaft '67, '68 um die Ohren flog.

Platz 3: "The Trip" von Roger Corman

Später werden sie mit "Easy Rider" den zweiten wichtigen Geburtsfilm des New Hollyood drehen. Hier, bei dem Film "The Trip" von Roger Corman, fundieren Peter Fonda und Dennis Hopper schon mal ihre Image als Vertreter der Gegenkultur in einer Geschichte über einen Regisseur von Werbespots, der mit der psychedelischen Droge seine Lebenskrise zu überwinden sucht. Viele hektische Schnitte, Ebenen- und Zeitsprünge, und am Ende zerspringt das Gesicht von Peter Fonda wie Glas. Man kann "The Trip" durchaus als fasziniertes, aber auch vorsichtig-mahnendes Bild einer zugedröhnten Ära mitten aus der zugedröhnten Ära lesen.

Platz 2: "In der Hitze der Nacht" von Norman Jewison

Auch dieses Thema ist im Kino von 1967 präsent: Rassismus. In Sparta, Mississippi, ist der reichste Mann der Stadt ermordet worden. Es liegt eine Geldbörse voller Dollars auf dem Tisch. Polizeichef Gillespie brüllt den Afroamerikaner Virgil Tibbs an, der am Bahnhof allein aufgrund seiner Hautfarbe festgenommen wurde. Ich bin Polizeibeamter, wirft Sidney Poitier Rod Steiger entgegen. 1967, auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung – im  April des folgenden Jahres '68 wird Martin Luther King dann ermordet werden – zeichnet "In der Hitze der Nacht" das Bild einer rassistischen Gesellschaft, das auch nach 50 Jahren, auch nach zwei Legislaturperioden mit einem afroamerikanischen Präsident, entsetzlich aktuell wirkt.

Platz 1: "Bonnie and Clyde" von Arthur Penn

Gangster! Ja, das sind Bonnie und Clyde, aber vor allem inszeniert sie Arthur Penn 1967 als Rebellen gegen die Gesellschaft. Und das Todesballett, in dem die beiden im Feuer der Maschinenpistolen am Ende zerhackt werden, kann als Metapher auf das Morden im Vietnamkrieg gesehen werden. Faye Dunaway und Warren Beatty spielen die Hauptrolle. Letzterer war als Produzent von "Bonnie and Clyde" quasi mit diesem Film der Türöffner für das New Hollywood, in dem ein kritischer Blick auf die Gesellschaft und brillante Kino-Erzählkunst zusammenliefen. New Hollywood wurde in den 1970er-Jahren vom Blockbuster-Kino abgelöst, in dem dann nicht mehr die gigantomanischen Regisseure Coppola, Scorsese, Cimino, sondern die Bilanz-Erbsenzähler das Kino zu dominieren begannen. "Bonnie and Clyde" galt 1967 als ein Flop. Erst eine Wiederaufführung, die Warren Beatty initiierte, ließ die Kritiker aufwachen. Jetzt erkannten sie, dass die Zäsur, die draußen, in der Gesellschaft sichtbar wurde, hier auf der Leinwand, vor 50 Jahren ihr "Vorleuchten" gefunden hatte.

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