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Rang I | Beitrag vom 02.11.2019

Kinofilm "unRuhezeiten"Lust und Leiden des Theateralltags

Von Stefan Keim

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Filmstill, ein maskierter Mann wird flankiert von zwei Frauen die mit ihm kritisch in den Spiegel schauen. (Freudefilm/ Alexej Hermann)
Ein Film über Künstlerinnen und Künstler, die nicht aufhören, an ihre Visionen zu glauben und für diese zu kämpfen. (Freudefilm/ Alexej Hermann)

Backstagekomödien haben im Theater wie im Film Tradition. Nun ist "unRuhezeiten" in den Kinos gestartet. Eine nicht nur für Insider lustige Theatergroteske mit dem Ensemble des Theaters Oberhausen - und einigen prominenten Gastauftritten.

Der alte Intendant hört auf - gegen seinen Willen. Viele Kürzungen seines Etats hat er hingenommen. Und noch mehr Demütigungen, weil den Stadtoberen im fiktiven Ort mit dem sprechenden Namen Armstadt ein Einkaufszentrum stets wichtiger ist als das Theater. Der neue Intendant ist schon im Anmarsch. Natürlich wird ein großer Teil des Ensembles nicht verlängert. Was zu Frust und Unsicherheit führt.

"Wir müssen was machen. - Was denn machen? - Weiß nicht. Lass uns an die fetten Theater gehen und Leute ansprechen. Das machen die anderen doch auch. Kontakte. Hamburg zum Beispiel, Berlin, München."

Eine Suppe mit Ulrich Khuon

Zwei junge Schauspieler machen sich auf den Weg in die Hauptstadt. Sie hängen in der Kantine des Deutschen Theaters rum und halten Ausschau nach bekannten Gesichtern. Dass direkt neben ihnen am Tisch Intendant Ulrich Khuon seine Suppe löffelt, kriegen die beiden nicht mit.

Später treffen sie Uli Matthes, doch außer ein bisschen Geplänkel und ein paar Angebereien kommt auch bei diesem Gespräch nichts rum. Im Berliner Theater klingt das Gequengel der Schauspielerinnen auch nicht anders als in Armstadt.

"Hakenkreuze, da ist so Neunziger. Sich nackt in Blut wälzen, das ist so tot, das machen die mittlerweile in Mainz. - Das machen die sogar schon in München. - Gott!"

Glaubwürdig serviert

Die Dialoge im Film "unRuhezeit" sind pointiert geschrieben und werden glaubwürdig serviert. Regisseur Eike Weinreich war einige Jahre am Theater Oberhausen engagiert. Hier sammelte er einen großen Teil der Erfahrungen, die er nun verarbeitet. "unRuhezeit" ist eine Groteske hart am Rande der Realität. Einige Demütigungen auf den Proben könnten auch im Rahmen der aktuellen MeToo-Debatte eine Rolle spielen.

Doch der Film verliert auch in diesen Momenten nicht seine Leichtigkeit. Um ihn witzig zu finden, ist Insiderwissen über die Theaterszene nötig. Dann überzeugt er mit bissigem Humor. Herbert Fritsch spielt einen völlig versponnenen Theatermacher, der beim Casting von den Schauspielerinnen und Schauspielern seltsame Dinge verlangt.

In gut 80 Minuten Film hat Eike Weinreich eine Menge Personen hinein gequetscht. Es gibt einen intriganten Kampf zweier junger Schauspieler um die Hauptrolle in der "Orestie" und um die Aufmerksamkeit einer Kollegin.

Die Vornamen bleiben die selben

Eine Frau möchte das gleiche Gehalt wie männliche Schauspieler und verweist darauf, dass sie selbst mal ein Mann war und ihr daher die bessere Bezahlung zusteht. Und ein erfahrener Mime mit Osthintergrund hat keine Lust darauf, im Weihnachtsstück das Gesäß eines Drachens zu verkörpern.

"Ich lass mich von dem Penner doch nicht verarschen. Das ist ne Demütigung. Ja, genau wie damals bei der "Möwe". Da musste ich den zweiten Handwerker spielen. Der kommt im Stück gar nicht vor, Komm, Fresse du! Immerhin war ich mal der beste proletarische Nachwuchsdarsteller in der DDR. So was muss ich mir nicht geben, glaub mir."

Die Rollen tragen die gleichen Vornamen wie ihre Darstellerinnen und Darsteller. Bei manchen stimmen auch biographische Details überein. So wurde zum Beispiel Torsten Bauer wie sein Filmcharakter Torsten in der DDR geboren.

Wer das Oberhausener Ensemble kennt, bemerkt, mit wie viel Humor sich viele selbst auf die Schippe nehmen. Hinter dem Scherz und der Ironie schimmert immer wieder die Leidenschaft der Künstler durch. Der Kampf um Momente der Schönheit, der Wille, durch das Spiel etwas über die Welt herauszufinden.

Kinder sind doch Monster

Das fällt schwer, wenn einem ein versponnener Starregisseur aus Mexiko vor die Nase gesetzt wird, den hierzulande natürlich niemand kennt. Oder wenn Doppelvorstellungen vor entgrenzten Kinderhorden das Ensemble in den puren Zynismus zwingen.

"Du denkst, du hast studiert. Du kannst ne Rolle arbeiten, du kannst Text ordentlich sprechen. Aber darauf scheißen diese Monster. Das hier ist Krieg."

"unRuhezeiten" ist mehr als ein Insiderspaß. Dafür zeigen die Filmemacher Eike Weinreich und Alexej Hermann zu viel Formbewusstsein und Fingerspitzengefühl. Sie erzählen von dem, was Thomas Bernhard einst die "lebenslange Theaterkerkerhaft" nannte. Man entkommt ihr nicht und kann niemals aufgeben.

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