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Vollbild | Beitrag vom 18.04.2020

Kino als FensterDie Leinwand in der Leinwand

Von Patrick Wellinski

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James Stewart, Grace Kelly und Alfred Hitchcock bei den Dreharbeiten zu "Das Fenster zum Hof" ("Rear Window"). (imago images / United Archives)
Wenn zu viel Neugier gefährlich wird: Hitchcocks Meisterwerk "Das Fenster zum Hof" von 1954. (imago images / United Archives)

Die Welt durch das Fenster zu betrachten, das ist nicht nur fast wie Kino - das ist Kino. Viele Filme haben das Motiv des Fensterblicks verwendet. Ein Ritt durch die Filmgeschichte - mit Filmkritikern, Filmwissenschaftlern und Regisseur Wim Wenders.

Corona ist schuld: Der Blick aus dem Fenster ist derzeit für viele eine Art Hobby geworden. Viele klatschen aus dem Fenster, singen aus dem Fenster oder sprechen mit Nachbarn aus dem Fenster. Für das Kino ist das Fenster schon immer ein Code für die eigene Funktionsweise. Kino ist das Fenster zur Welt. Eine Leinwand in der Leinwand.

Es gibt eine unfassbar große Anzahl an kultigen Filmszenen in denen das Fester eine große Rolle spielt. Dabei verweisen diese Momente immer auch auf das Kino selbst. Kino funktioniert wie ein Fenster, öffnet den Blick auf eine Welt da draußen, ermöglichst uns die wildesten, kühnsten, romantischsten Abenteuer zu erleben – und dennoch alles unbeschadet zu überstehen.

Wir reisen durch die Filmgeschichte und streifen wichtige Filme und Regisseurinnen und Regisseure, die das Motiv des Fensters unvergesslich geprägt und inszeniert haben.

Der Stummfilm, der das Fenster überwand

Wir beginnen in den 1920er-Jahren. Der Stummfilm "Der letzte Mann" von F. W. Murnau ist ein Stück Filmgeschichte wegen seiner entfesselten Kamera. Als die meisten Filmemacherinnen und Filmemacher damals mit dem großen, kaum beweglichen Apparat statische Filme produzierten, brachte Kameramann Karl Freund die Kamera zum ersten Mal zum Schweben.

Mehr noch: Die Kamera überwand sogar das Fenster und entfesselte so den subjektiven Blick für die Filmkunst. Wie das passieren konnte, erklärt Rainer Rother, Leiter der deutschen Kinemathek.

Der Zuschauer als Voyeur

"Das Fenster zum Hof" von Alfred Hitchcock ist so etwas wie der Urknall des Kinofenster-Motivs. Nicht nur weil die Geschichte von Jimmy Stewart, der wegen eines gebrochenen Beins beginnt, seine Nachbarn zu beobachten, bis heute in zahlreichen Varianten immer wieder neuaufgelegt wird.

Für die Filmwissenschaft prägte dieser Film viele Theorien, weil Hitchcocks Werk psychoanalytisch und feministisch gedeutet werden kann. Zudem definiert der Film auch die Mechanismen und Codes des Kinos als Voyeurskunst. In die unterschiedlichen Deutungsformen des Films führt uns Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger.

Wim Wenders über die Kunst, ein Fenster zu inszenieren

Wim Wenders ist nicht nur einer der wichtigsten deutschen Regisseure, er ist – als Geistesverwandter des amerikanischen Malers Edward Hopper – auch ein sehr genauer Betrachter von Fenstern. In seinem frühen Kurzfilm "Silver City Revisited" hat er 1968 die Kamera aus unterschiedlichen Münchener Wohnungen gehalten und das gefilmt, was auf der Straße geschah.

Im Interview erzählt er von der Faszination des Fensters für Regisseure, Fotografen und Maler – und er spricht darüber, wieso gerade das 3D-Kino das Fenster als Übergangssymbol im Kino obsolet gemacht hat.

Traurige Hotelfenster und politische Autofenster

Unsere Filmgeschichte der Fensterblicke führt uns weiter zu Sofia Coppola und ihren Figuren. Menschen, die alles haben. Doch das Leben im "Goldenen Käfig" endet häufig im traurigen Blick aus bodentiefen Fenstern. Filmkritiker Hartwig Tegeler führt diese Blicke zusammen und bündelt sie mit einer Analyse von Coppolas Debüts "Virgin Suicides".

Schließlich erzählt Filmkritikerin Anke Leweke über die Bedeutung des Autofensters im iranischen Kino. Im Auto ist man unter sich, aber mittendrin im Geschehen. Regisseure wie Abbas Kiarostami und Jafar Panahi inszenieren die Blicke aus dem Autofenster als Teil eines widerstandsfähigen Freiheitskinos und laden ihre Geschichten so politisch auf.

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