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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 08.02.2014

KindesmissbrauchEine unendliche Geschichte von Zumutungen

Missbrauchsbeauftragter fordert mehr Hilfen für die Opfer

Moderation: Patrick Garber

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Ein trauriges Kind vor einem zerbrochenen Spiegel (Stock.XCHNG / kat callard)
Ein trauriges Kind vor einem zerbrochenen Spiegel (Stock.XCHNG / kat callard)

Die Bürger seien nicht bloß ahnungslos, wenn es um Kindesmissbrauch geht, sagt Johannes-Wilhelm Rörig. Der unabhängige Beauftragte kritisiert die Abwehr und die Verdrängung des Themas in der Gesellschaft.

Deutschlandradio Kultur: Tacheles reden wir heute über ein Thema, das an die Nieren geht: Wir sprechen über den sexuellen Missbrauch von Kindern. Mein Gesprächspartner befasst sich von Amts wegen mit dieser schlimmen Problematik – Johannes-Wilhelm Rörig ist der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Guten Tag, Herr Rörig.

Johannes-Wilhelm Rörig: Schönen guten Tag, Herr Garber.

Deutschlandradio Kultur: Herr Rörig, Ihre etwas sperrige Amtsbezeichnung müssen Sie uns kurz erklären. Sie sind von Hause aus Spitzenbeamter im Bundesfamilienministerium. Dort steht auch Ihr Schreibtisch. Aber Sie sind nicht Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung sondern Unabhängiger Beauftragter. Was heißt „unabhängig“ in diesem Zusammenhang?

Johannes-Wilhelm Rörig: Die Bundesregierung hat mir gegenüber auf Weisungsbefugnis und Fachaufsicht verzichtet. Ich unterliege nur der Rechtsaufsicht und bin selbst verantwortlich für die Aufgaben, die ich wahrnehme, für das Arbeitsprogramm, was ich für die letzten zwei Jahre festgelegt habe.

Deutschlandradio Kultur: Die Stelle des Unabhängigen Beauftragten wurde vor vier Jahren gegründet, im Jahre 2010. Das war eine Reaktion auf die Missbrauchsskandale, die damals publik wurden. Angefangen hat das alles ja mit dem Berliner Canisius-Kolleg. Voriges Jahr haben Sie in Ihrem Tätigkeitsbericht davor gewarnt, nun einen Schlussstrich unter die Debatte um sexuellen Kindesmissbrauch zu ziehen. Besteht denn diese Tendenz, dass man nun sagt: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, und das Problem allmählich in Vergessenheit gerät?

Johannes-Wilhelm Rörig: Ich habe wirklich den Eindruck aus der Arbeit der letzten zwei Jahre, dass bei vielen Menschen starke Abwehrmechanismen, Verdrängungsmechanismen bei diesem Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs einsetzen. Viele wollen sich mit dem Thema nicht beschäftigen und sehen auch die Auseinandersetzung damit schon als Zumutung an.

Das Thema wird nicht von alleine bearbeitet und es ist wichtig, dass wir einen Motor haben, der dieses Thema auf die politische Tagesordnung setzt. Ich hatte schon an der einen oder anderen Stelle in der letzten Legislaturperiode den Eindruck, dass auch gebremst wurde. Ich habe also nicht nur umfassende, und die Betroffenen und auch die Fachwelt nicht nur umfassende Unterstützung von der letzten Bundesregierung bekommen.

Deswegen habe ich mich entschlossen, meinem Bilanzbericht 2013 den Zusatz zu geben: kein Schlussstrich und keine Entwarnung, Weil, das Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs ist natürlich weiterhin aktuell. Wir haben hohe Fallzahlen. Auch nach Ende der Arbeit des Runden Tisches, der ja im Jahr 2010 eingesetzt wurde, können wir nicht feststellen, dass die Fallzahlen sich verringert haben.

Deutschlandradio Kultur: Gebremst wurde von wem? Von den betroffenen Institutionen oder auch von der Politik?

Johannes-Wilhelm Rörig: Von der Politik vornehmlich, würde ich sagen. Es hat zwar Unterstützung gegeben. Mein Amt ist eingerichtet worden. Aber wenn Sie sich zum Beispiel mal anschauen, dass die ehemalige Justizministerin im Jahre 2011 bereits ein Gesetz zur Verbesserung des Opferschutzes in den Deutschen Bundestag eingebracht hat und dann tatsächlich der Deutsche Bundestag und der Rechtsausschuss mehr als 20 Monate gebraucht haben, um dann ein entsprechendes Gesetz auch zu verabschieden, dann kann man nicht sagen, dass da proaktiv und opferorientiert schnell gehandelt wurde.

Deutschlandradio Kultur: Also eher die Politik. Die Institutionen, die betroffen waren, betroffen sind, Kirchen, Schulen, Kitas, Sportvereine, Kinderheime – hat denn dort inzwischen ein Umdenken stattgefunden, so dass man also nicht mehr vor allem den eigenen Namen sauber halten will, sondern dass man die Opfer des Missbrauchs ernst nimmt?

Johannes-Wilhelm Rörig: Es gibt viele Kräfte innerhalb der Kirchen und auch der Wohlfahrtsverbände und auch des Sports, die sehr engagiert sind, um den Schutz der Kinder und Jugendlichen in den Einrichtungen zu verbessern. Aber es ist nicht unbedingt die Mehrheit derer, die da agieren. Mich erreichen inzwischen Briefe, die sagen: Wenn die Bundesebene das Thema nicht weiterhin oben auf der politischen Tagesordnung ansiedelt, wenn die Engagierten keine Rückenstärkung bekommen, dann wird das Thema wieder in den Hintergrund rutschen.

Und es ist so, es gibt Teile in den Institutionen, die alles tun wollen für Aufarbeitung und für Prävention. Es gibt aber auch einige, die die Haltung haben: Hoffentlich müssen wir uns mit dem Thema bald nicht mehr so intensiv beschäftigen.

Deutschlandradio Kultur: Schauen wir uns mal eine Kategorie von Institutionen an, die Sportvereine. Sie haben im vorigen Jahr 12.000 Fragebögen an Sportvereine geschickt, in denen Auskunft darüber gegeben werden sollte, was die Vereine konkret unternehmen gegen Missbrauch in ihrem Bereich. Von diesen 12.000 Fragebögen sind nur 650 zu Ihnen zurückgekommen. Das spricht ja nicht gerade für ein ganz großes Problembewusstsein bei vielen Sportfunktionären, oder?

Johannes-Wilhelm Rörig: Nein. Also, im Bereich der Sensibilität für das Thema, für die Gefahren des sexuellen Kindesmissbrauchs, ist wirklich noch Luft nach oben. Ich muss feststellen, dass der Deutsche Olympische Sportbund und die Deutsche Sportjugend und auch viele Landessportbünde sehr engagiert sind, um den Vereinen Unterstützung zu geben, dass sie vor Ort Schutzkonzepte zur Anwendung bringen. Es gibt gute Handlungsleitfäden, Orientierungshilfen von der Deutschen Sportjugend. Aber es ist tatsächlich festzustellen, dass das Thema in vielen Vereinen vor Ort noch verdrängt wird und die Gefahren des Kindesmissbrauchs, die Täterstrategien nicht erkannt werden, also wir heute da noch mit großer Ahnungslosigkeit zu kämpfen haben.

Deutschlandradio Kultur: Hat das in manchen Sportvereinen vielleicht auch etwas mit falsch verstandenem Leistungsdenken zu tun nach dem Motto: Solange der Trainer gute Arbeit macht, gute Ergebnisse abliefert, schauen wir mal nicht so genau hin, wie er mit den Kindern umgeht?

Johannes-Wilhelm Rörig: Fälle, die bekannt geworden sind, in denen Trainer Missbrauch begangen haben und der Verein oder sogar Eltern an dem Trainer festhalten wollten, zeugen davon, dass oft der Tabellenplatz der Mannschaft manchen wichtiger ist als das Wohl des Kindes. Aber das kann man nicht so allgemein sagen, aber die Fälle, die wir kennen, aus Regensburg beispielsweise, ein Eishockeytrainer, der wieder eingesetzt wurde und für dessen Verbleib als Trainer Eltern auch gekämpft haben, war für uns schon ziemlich erschütternd.

Deutschlandradio Kultur: Mehr als die im Sport haben die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle im Bereich der Kirchen für Aufsehen gesorgt. Die katholische Kirche hat Leitlinien zum Umgang mit sexualisierter Gewalt verabschiedet. Sie zahlt Opfern Entschädigungen. Einer der Täter aus dem bereits erwähnten Canisius-Kolleg wurde von einem Kirchengericht zu einer Geldstrafe verurteilt. Tut die katholische Kirche, tun die Kirchen genug?

Johannes-Wilhelm Rörig: Man tut in dem Bereich nie genug. Der Schutz ist auch noch nicht umfassend. Aber die Deutsche Bischofskonferenz hat die Entscheidung getroffen, dass in allen 27 Diözesen sowohl Missbrauchsbeauftragte als auch Präventionsbeauftragte eingesetzt sind. Es gibt ein großes Fortbildungsprogramm für im kirchlichen Bereich Beschäftigte, so dass man schon sagen kann, dass das Engagement da sehr groß ist. Aber wir sind noch nicht soweit, so meine Einschätzung, dass wir sagen können, dass alle Mädchen und Jungen in allen kirchlichen Einrichtungen sicher sind vor sexualisierter Gewalt.

Deutschlandradio Kultur: Was können kirchliche Einrichtungen, was können Sportvereine oder Schulen denn vorbeugend, präventiv tun, damit Kinder sicher sind?

Johannes-Wilhelm Rörig: Sie müssen in den Einrichtungen, in den Organisationseinheiten sogenannte Schutzkonzepte einführen und zur Anwendung bringen. Das heißt, es müssen klare Regeln aufgestellt werden, die tagtäglich eingehalten werden müssen, die beispielsweise das Nähe-Distanz-Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern regeln und dazu beitragen, dass Grauzonen, die von Tätern und Täterinnen rigoros ausgenutzt werden, möglichst klein gehalten werden oder auf Null runtergefahren werden.

Das sind klare Regeln. Man braucht einen so genannten Ehrenkodex. Jeder Erwachsene muss sich verpflichten, die sexuelle Integrität der Kinder zu wahren. Und es ist wichtig, dass man auch ein gutes Basiswissen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vermittelt, dass sie auch erkennen, wenn Kinder Symptome haben, die darauf hindeuten, dass sie zum Beispiel im familiären Bereich Missbrauch erleiden, dass sie Unterstützung dann auch von den Fachkräften der jeweiligen Einrichtung bekommen.

Deutschlandradio Kultur: Sprechen wir mal über den Umfang des Problems. Laut Kriminalstatistik wurden im Jahr 2012 rund 12.600 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch zur Anzeige gebracht. Neuere Zahlen gibt es noch nicht. Von einer hohen Dunkelziffer müssen wir natürlich ausgehen. – Glauben Sie, dass, wenn es mal eine systematische Bestandsaufnahme gäbe über das Ausmaß von Kindesmissbrauch, wir uns alle sehr wundern würden, wie weit verbreitet dieses Phänomen ist?

Johannes-Wilhelm Rörig: Es gibt ja wissenschaftliche Erhebungen, die gehen davon aus, dass jeder Zehnte in seiner Kindheit sexuelle Übergriffe, sexuelle Gewalt erlebt hat. Wenn man das hochrechnet, dann kommen wir pro Jahr auf nahezu 100.000 Fälle. Das ist natürlich wirklich erschreckend. Deswegen plädiere ich, plädieren die Betroffenen und die Fachwelt so intensiv dafür, dass im Bereich der Prävention alles unternommen wird, um den Kindern den Schutz vor Missbrauch zu ermöglichen.

Deutschlandradio Kultur: Sie fordern in dem Zusammenhang auch die Einsetzung einer unabhängigen Sachverständigenkommission, die wirklich systematisch untersuchen soll, wo, bei welchen Gelegenheiten und auch in welchem Umfang Kinder in unserem Land sexuell missbraucht wurden und werden. – Was kann das bringen?

Der neue Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig  (picture alliance / dpa / Robert Schlesinger)Der neue Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig (picture alliance / dpa / Robert Schlesinger)

Johannes-Wilhelm Rörig: Wir müssen die gesellschaftlichen Strukturen und die Strukturen aufdecken, die Missbrauch bis in die Familien hinein ermöglichen und die verantwortlich sind für die hohen Fallzahlen von Missbrauch in Einrichtungen. Da hat es in der Vergangenheit zum Teil Forschung, zum Teil Untersuchungen gegeben, aber noch zu wenig. Und es hat auch keinen öffentlichen Diskurs in der Vergangenheit zu diesem Thema gegeben.

Das Thema sexueller Kindesmissbrauch ist ja noch relativ jung auf der politischen Bühne und es ist notwendig, dass hier Betroffenen die Möglichkeit gegeben wird, angehört zu werden. Es müssen die Untersuchungsberichte, die Aufarbeitungsberichte der Institutionen ausgewertet werden. Und wir müssen, und das ist so wichtig, wir müssen wissen, was in der Vergangenheit passiert ist, um daraus die richtigen Schlussfolgerungen für die Zukunft zu ziehen.

Deutschlandradio Kultur: Wobei das natürlich, wenn man es im Detail versucht, offensichtlich gar nicht so einfach ist. Das sieht man ja bei der katholischen Kirche. Die wollte eine umfassende Untersuchung für ihren Bereich machen. Das ist erstmal ziemlich schief gegangen. Die Deutsche Bischofskonferenz und das von ihr beauftragte Kriminologische Forschungsinstitut von Prof. Pfeiffer haben sich gründlich zerstritten, unter anderem wegen dem Datenschutz. – Ist das ein Menetekel für weitere Versuche einer systematischen Forschungsarbeit?

"Statistisch gesehen gibt es genügend Psychotherapeutinnen"

Johannes-Wilhelm Rörig: Die Rahmenbedingungen für eine solche Forschungsarbeit müssen an der Startlinie ganz klar definiert sein. Da war eine Schwäche in dieser Vereinbarung zwischen Herrn Prof. Pfeiffer und der Deutschen Bischofskonferenz. Es soll ja einen Neustart dieses Projekts geben. Das ist auch ganz wichtig. Es darf auch nicht so sein, dass eine unabhängige Aufarbeitung in Zukunft die Verantwortung für Missbrauch in der Kirche beispielsweise oder in anderem institutionellen Bereich übernimmt. Aber dieses Forschungsprojekt von Prof. Pfeiffer hatte ein sehr gutes Forschungsdesign gehabt, weil auch das Verhalten der Kirche dann nach Bekanntwerden von Missbrauchsfällen untersucht werden sollte und auch, wie mit den Tätern dann weiter umgegangen wurde. Ich hoffe, dass jetzt dieses Projekt weiter und jetzt bald wieder neu an den Start geht.

Deutschlandradio Kultur: Betroffene von sexuellem Missbrauch – das Wort „Opfer“ hören viele ja nicht so gerne – Betroffene also leiden meist ein Leben lang unter dem, was ihnen angetan worden ist. Das hat auch materielle Folgen. Viele sind beruflich eingeschränkt oder können gar nicht arbeiten, müssen teure Therapien machen. Im Mai vorigen Jahres wurde ein Fonds Sexueller Missbrauch eingerichtet, um Betroffenen wenigstens finanziell etwas zu helfen. Der Bund hat seinen Anteil von 50 Millionen Euro in diesen Fonds eingezahlt. Die Länder zieren sich noch. Ist das nicht skandalös?

Johannes-Wilhelm Rörig: Die Frage des ergänzenden Hilfesystems ist in meinen Augen inzwischen fast eine unendliche Geschichte von Zumutungen und Enttäuschungen für Betroffene. Ich muss das so hart formulieren. Es hatten sich im November 2011 drei Bundesministerinnen vor die Kameras gestellt und Betroffenen versprochen, dass schnell und unbürokratisch hundert Millionen Euro als ergänzende Hilfen zur Verfügung gestellt werden.

Bis heute sind erst 50 Millionen des Bundes zur Verfügung gestellt. Es ist ein sehr bürokratisches Verfahren, was auch von Betroffenen – aus meiner Sicht auch zu Recht – kritisiert wird. Es sind auch gerade mal tausend Anträge bisher bearbeitet worden und es ist tatsächlich dem Bund bis heute nicht gelungen, die Länder dazu zu bewegen, dass sie auch ihrer Verantwortung nachkommen und ihren Anteil von 50 Millionen Euro in diesen Fonds einzahlen – mit Ausnahme des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern, die haben inzwischen eingezahlt, und Bayern hat verbindlich erklärt, dass sie einzahlen wollen.

Aber für Betroffene war das ein schwieriger Prozess, weil man nie wusste, geht es weiter und bewegt sich da etwas. Da hat sehr viel Intransparenz geherrscht. Für mich ist das tatsächlich fast ein Beweis für ein politisches und administratives Versagen der letzten Jahre. Ich hoffe jetzt, dass die Probleme jetzt aufgenommen werden. In dem Koalitionsvertrag der Großen Koalition steht drin, dass jetzt zügig eine Arbeitsgruppe eingesetzt werden soll, die das jetzt nochmal alles sortiert und auf neue Beine stellt.

Deutschlandradio Kultur: Die finanziellen Hilfen sollen etwa für Therapiekosten genutzt werden. Gibt es denn überhaupt genug Therapiemöglichkeiten für Menschen, die durch sexuellen Missbrauch geschädigt wurden? Und gibt es genügend Beratungsstellen, an die sie sich wenden können?

Johannes-Wilhelm Rörig: Statistisch gesehen gibt es genügend Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Wenn man aber genau hinschaut, und da gibt es Erhebungen, ist es so, dass die Wartezeiten für Betroffene sehr, sehr lang sind. Oft zahlen die Krankenkassen nur Psychotherapien bei niedergelassenen Ärzten und nicht nur bei approbierten. Das ist ein sehr kompliziertes Verfahren. Und die langen Wartezeiten sind für Betroffene tatsächlich unzumutbar.

Und wir haben im Bereich der Beratung, der spezialisierten Beratung für Betroffene sexualisierter Gewalt tatsächlich erhebliche Versorgungslücken, dass wir im ländlichen Bereich erhebliche Versorgungslücken in der Beratung haben. Für betroffene Jungen und für betroffene Männer gibt es viel zu wenig Beratungsstellen in der Bundesrepublik und auch für Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderung und Beeinträchtigungen.

Ich habe den Eindruck, die Empfehlungen, die der Runde Tisch hier ausgesprochen hat, nämlich dass Beratungsstellen eine bessere personelle und finanzielle Ausstattung bekommen, und dafür sind die Kommunen und die Länder zuständig, dass diese Empfehlung noch gar nicht richtig zur Kenntnis genommen wurde von den Verantwortlichen.

"Es besteht die Gefahr, dass der Täter freigesprochen wird"

Deutschlandradio Kultur: Herr Rörig, bisher haben wir vor allem über sexuellen Missbrauch in Institutionen geredet, in Schulen, Sportvereinen, im Bereich der Kirchen. Darüber wurde in den letzten Jahren viel diskutiert, über einen anderen Tatort viel weniger: über die Familien. Viele Kinder erleiden sexuelle Gewalt im eigenen Familienkreis, im näheren Umfeld. Das ist bekannt, aber wenig präsent in der öffentlichen Debatte. – Warum ist das so wenig präsent?

Johannes-Wilhelm Rörig: Weil es keine institutionell Verantwortlichen gibt, die dann, wenn Missbrauch bekannt wird, handeln müssen. Wenn in einem Internat Missbrauch bekannt wird, dann gibt es eine Internatsleitung, die sich mit dem Thema auseinandersetzen muss. Wenn der Vater, der Stiefvater, der Freund der alleinerziehenden Mutter missbraucht, gibt es da keinen institutionellen Counterpart. Deswegen ist auch die unabhängige Aufarbeitung so unbedingt wichtig. Wir müssen beispielsweise, die Akten abgeschlossener Strafverfahren müssen untersucht und ausgewertet werden, weil, da können wir die Strukturen heraus ableiten, wie Missbrauch im familiären Bereich stattfindet, und können daraus dann auch für die Prävention Wichtiges ableiten. Frau Dr. Bergmann und mich haben inzwischen 5.000 Briefe von Betroffenen erreicht…

Deutschlandradio Kultur: …Frau Dr. Bergmann war Ihre Vorgängerin im Amt…

Johannes-Wilhelm Rörig: …sie war meine Vorgängerin im Amt. Diese wichtigen Briefe, in denen das Leid des Missbrauchs auch im familiären Bereich geschildert wurde und wird, das muss jetzt auch wissenschaftlich ausgewertet werden.

Deutschlandradio Kultur: Sie sprachen gerade von Strafverfahren. Opferverbände fordern ja seit Jahren vehement, dass die Verjährungsfristen für sexuellen Kindesmissbrauch verlängert oder gar abgeschafft werden. Begründung: Viele Betroffene sind so traumatisiert durch den Missbrauch, den sie erlebt haben, dass sie Jahre oder gar Jahrzehnte brauchen, bis sie darüber überhaupt reden können. Und dann sind die Taten oft, meist schon verjährt. – Sehen Sie das auch so? Müssen die Verjährungsfristen geändert werden?

Johannes-Wilhelm Rörig: Ja, das ist eine der zentralen Forderungen der Betroffenen und auch meine zentrale Forderung. Wir brauchen eine Verlängerung der strafrechtlichen Verfolgbarkeit von sexuellem Kindesmissbrauch. Der Runde Tisch, der im Jahr 2010 eingerichtet wurde, ist an dieser Stelle viel zu kurz gesprungen und hat keinen Änderungsbedarf in diesem Bereich gesehen.

Ich bin jetzt sehr froh, dass im Koalitionsvertrag der Großen Koalition klar formuliert ist, dass man hier die Verjährung verschieben will und dass die Verjährung nicht vor dem 30. Lebensjahr eines Betroffenen zu laufen beginnt. Das ist dann schon ein ganz wichtiger Schritt, um Betroffenen, die oft erst im Erwachsenenalter sich der Tat erinnern und die Entscheidung treffen können, dass sie eine Strafanzeige stellen können, dass ihnen dann der Weg in ein Strafverfahren noch eröffnet wird.

Wobei ich zugleich sagen möchte, wir brauchen einen Rechtsanspruch für Betroffene auf Beratung vor Eintritt in ein solches Strafverfahren. Weil, ein solches Strafverfahren, auch ein spätes Strafverfahren, birgt große Risiken für Betroffene – Risiken der Retraumatisierung. Im Strafverfahren gelten spezielle Regeln des Strafrechts. Und wenn die Indizien und die Beweismittel nicht ausreichen, besteht ja auch die Gefahr, dass der Täter freigesprochen wird. Darauf muss eine Betroffene, ein Betroffener zuvor hingewiesen werden. Deswegen bin ich dafür, dass da ein Beratungsanspruch für Betroffene implementiert wird.

Deutschlandradio Kultur: Auf diese Probleme im Strafprozess weisen ja auch die Richter hin. Es gibt viele Richter, die eigentlich gegen eine Verlängerung der Verjährungsfrist sind, weil – so argumentieren sie: Wenn so viel Zeit seit der Tat vergangen sei, dann könne man im Prozess eigentlich schwer klären, was überhaupt passiert ist. Da sei es besser Rechtsfrieden anzustreben, sprich, irgendwann mal einen Schlussstrich zu ziehen. Sie sind ja selbst Richter, Herr Rörig, wenn auch für Arbeitsrecht. Was sagen Sie zu diesen Argumenten Ihrer Kollegen?

Johannes-Wilhelm Rörig: Die finde ich nicht stichhaltig. Einmal ist es so, dass wir bei sexuellem Kindesmissbrauch zumeist nur Indizien haben. Da ist es eigentlich egal, ob die nach fünf Jahren von einem Gericht bewertet werden müssen oder nach 15 Jahren. Das finde ich, das hat auch eine Anhörung im Deutschen Bundestag ergeben, nicht stichhaltig.

Deutschlandradio Kultur: Wir haben schon über die Prävention gesprochen, über die Prävention in Einrichtungen. Da kann man entsprechende Programme auflegen. Aber kann man überhaupt etwas zur Vorbeugung gegen Missbrauch in der Familie tun, ein Missbrauch, der sich ja in der gesetzlich besonders geschützten Privatsphäre abspielt?

"Die Kinder erkennen, was ihnen angetan wird"

Johannes-Wilhelm Rörig: Wir haben da tatsächlich  nur den so genannten strafrechtlichen Schutz, indem sexueller Kindesmissbrauch strafbar ist. Es hat etwas mit Aufklärung zu tun. Und die Kinder müssen vor allen Dingen aufgeklärt werden, dass das, was Erwachsene ihnen möglicherweise durch Übergriffigkeit, durch sexuelle Übergriffe antun, an Leid zufügen, dass das tatsächlich eine Straftat ist und dass es nicht zulässig ist. Die Täterstrategien sind zumeist so aufgebaut, dass die Kinder in ein besonderes Vertrauen gezogen werden und zum Schweigen gebracht werden und dass sie oft mit Geschenken gefügig gemacht werden, so dass Kinder gar nicht erkennen, dass an ihnen schwerste Straftaten begangen werden.

Und wenn man zum Beispiel in der Schule frühzeitig mit Präventionsworkshops, und das ist eine Aufgabe von Beratungsstellen, wenn dort Präventionsworkshops stattfinden, die Kinder erkennen, was ihnen angetan wird, dann kann man auch ihnen die notwendige Unterstützung geben, so dass sie aus dieser familiären Hölle oder aus dem Umfeld herauskommen.

Deutschlandradio Kultur: Herr Rörig, Ihre Stelle war eigentlich bis Ende 2013 befristet. Jetzt wurde sie erstmal bis kommenden Monat verlängert. Was dann? Bleiben Sie Missbrauchsbeauftragter? Wird es dieses Amt überhaupt weiter geben?

Johannes-Wilhelm Rörig: Inzwischen sind alle Beauftragten der Bundesregierung im Amt, nur die Frage, wie geht das mit dem Missbrauchsbeauftragten weiter, ist noch nicht geklärt. Ich sage einmal, das liegt daran, dass es keine gesetzliche Grundlage gibt, so dass Politik und Verwaltung da klar und schnell reagieren können.

Ich habe mich jetzt mit der Ministerin Schwesig darauf geeinigt, dass wir uns über die Rahmenbedingungen für die 18. Legislaturperiode verständigen wollen. Dafür haben wir uns jetzt einvernehmlich einen Zeitrahmen bis 31.3.2014 gegeben. Ich habe meine Empfehlungen, was geregelt werden muss, wie das Fundament für die Arbeit einer oder eines Missbrauchsbeauftragten aussehen müsste, schon bereits Ende August auf den Tisch gelegt. Ich hätte es gerne gehabt, wenn wir während der Koalitionsverhandlungen da auch schon mal über Details hätten sprechen können…

Deutschlandradio Kultur: …Zeit genug war ja…

Johannes-Wilhelm Rörig: …Zeit genug war. Es ist jetzt auch viel Zeit vergangen. Ich hoffe aber, dass wir zu guten Festlegungen kommen. Mir ist es wichtig, dass Einigkeit mit der Bundesregierung und der Mehrheit im Deutschen Bundestag besteht, dass eine gesetzliche Grundlage für die Betroffenen-Beteiligung, für eine unabhängige Aufarbeitung und auch für die Stelle einer oder eines Missbrauchsbeauftragten gefunden wird.

Deutschlandradio Kultur: Herr Rörig, seit mehr als zwei Jahren machen Sie diese Arbeit, befassen Sie sich mit sexueller Gewalt gegen Kinder. Sie haben mit vielen Betroffenen gesprochen, Berichte von Opfern gelesen. Hat die tägliche Konfrontation mit all diesem Leid Sie persönlich verändert?

Johannes-Wilhelm Rörig: Ich glaube schon. Es ist so, dass ich vieles sehr, sehr viel differenzierter sehe. Ich bin auch an manchen Tagen schon angespannter, das merke ich auch, als ich das früher in der normalen Verwaltungstätigkeit war. Und ich muss sagen, es ist wichtig, dass man in dieser Arbeit auch zum Beispiel Supervision in Anspruch nimmt und sich ein Feedback auch bei Spezialistinnen, Spezialisten holt im psychotherapeutischen Bereich.

Deutschlandradio Kultur: Und nach so einem langen Arbeitstag, kann man dann überhaupt abschalten?

Johannes-Wilhelm Rörig: Ja. Ich bin vom Hobby Marathon-Läufer und ich laufe viel. Da kann ich tatsächlich meinen Kopf sortieren. Das ist aber unbedingt erforderlich, um einen Ausgleich zu finden.

Deutschlandradio Kultur: Vielen Dank für das Gespräch.

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