Seit 20:03 Uhr Konzert

Mittwoch, 18.09.2019
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Fazit | Beitrag vom 13.05.2019

Kindesmissbrauch durch PriesterEin Dokumentarfilm erschüttert Polen

Von Florian Kellermann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Modelleisenbahnfiguren eines Priesters und zweier Kinder auf einer aufgeschlagenen Wörterbuchseite vor dem Wort "Missbrauch" (imago stock&people)
Im Film "Sag es niemandem" zeigt der polnische Regisseur Tomasz Sekielski auch, wie Opfer und Täter Jahrzehnte nach dem sexuellen Missbrauch leben. (imago stock&people)

Ein crowdfunding-finanzierter Dokumentarfilm auf Youtube über Kindesmissbrauch durch Priester schockt die Menschen im katholischen Polen. Die Kirche reagiert zurückhaltend, Politiker der Regierungspartei PiS sehen den Film als Angriff auf die Kirche und Polen.

Eine Frau kehrt an den Ort zurück, wo sie als Kind gelebt hat. Sie geht den Weg zum Pfarrhaus. Mit jedem Schritt nimmt ihre Angst zu, wie sie sagt. Denn der Pfarrer hat die heute 39-Jährige nicht nur zum Putzen seiner völlig verdreckten Küche missbraucht, als sie sieben, acht Jahre alt war. Er hat sie auch sexuell missbraucht.

Unauslöschliche Erinnerung

"Er hat mich nach oben gebeten, ich solle ihm beim Zählen des Gelds aus dem Klingelbeutel helfen. Er hat mir erklärt, dass ich etwas Besonderes bin. Dann hat er die Tür abgeschlossen und mir an die Brüste gefasst. Er hat sich mit Hilfe meiner Hände befriedigt. Er hat mich geküsst. Wenn ich Milch rieche, wird mir heute noch schlecht. Denn es war der Geschmack von Milch, den er in meinem Mund hinterließ."

Der Film von Tomasz Sekielski bleibt nicht dabei stehen, die Tragödie der Opfer zu zeigen, eines Jungen, der sich fast zu Tode hungerte, um einem Geistlichen zu entkommen. Der Anwalt, der sein Trauma durch Prozesse gegen die Kirche aufarbeitet, im Namen anderer Opfer.

Der Film dringt auch zu den mutmaßlichen Tätern vor. Der Pfarrer, der die heute 39-Jährige missbrauchte, wird in seinem Alterssitz mit versteckter Kamera gefilmt.

"Ich hätte das nie tun dürfen, es tut mir leid, diese dumme Leidenschaft. Ich halte oft Messen für die Personen, die ich verletzt habe. Ich weiß, dass mich das nicht rechtfertigt. Das war eine Phase in meinem Leben, in der der Teufel seine Ernte eingefahren hat."

8,5 Millionen mal wurde der Film im Internet schon aufgerufen, innerhalb von drei Tagen. "Sag es niemandem", so sein Titel, erschüttert die polnische Gesellschaft. Immer wieder zeigt der Film das Dach einer verschneiten Kirche. Es sieht in dieser Perspektive aus, wie ein Kreuz, das auf dem Kopf steht. Das Satanskreuz. Der Film stellt auch dar, wie die Kirchenoberen die Täter schützen.

Politik plant strengere Gesetze

Der Primas der katholischen Kirche Wojciech Polak reagierte, er gilt als in der polnischen Kirche als liberal. In einer schriftlichen Stellungnahme spricht er von Scham. Schuldige müssten zur Verantwortung gezogen werden.

Auch der Vorsitzende der rechtskonservativen Regierungspartei PiS, Jaroslaw Kaczynski, äußerte sich:

"Wir haben eine Änderung des Strafrechts vorbereitet. Solche Verbrechen sollen deutlich schärfer bestraft werden als bisher, vielleicht sogar mit bis zu 30 Jahren Gefängnishaft. Besonders scharf werden Leute beurteilt, denen Kinder anvertraut wurden, und das betrifft auch Pfarrer."

Die Regierungspartei PiS sieht sich als Hüter eines katholischen Polens. Deshalb betont sie, dass Kindesmissbrauch ja nicht nur bei Geistlichen vorkomme. Einige Politiker und Anhänger der Partei interpretierten den Film sogar als Angriff auf die Kirche und damit auf Polen. Ein PiS-Abgeordneter verglich "Sag es niemandem" mit dem Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler.

Die Linke will Privilegien der Kirche streichen

Fest steht schon jetzt, dass der Film den Wahlkampf vor der EU-Wahl kommende Woche - und der polnischen Parlamentswahl im Herbst beeinflussen dürfte. Denn eine neue, linksgerichtete Partei will auf der politischen Bühne Fuß fassen. Sie fordert, die Privilegien der katholischen Kirche in Polen zu streichen. Die Diskussion um Kindesmissbrauch unter Geistlichen dürfte ihr Auftrieb geben.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsAllein zu Hause mit Google
Eine Frau bedient an einem Tablet mit Touchscreen ein Smart Home Control System. Auf dem Bildschirm sind Piktogramme zu sehen, die für die einzelnen Bereiche des Hauses stehen, die man kontrollieren kann: Licht, Temperatur, Wasser, Überwachungskameras und Schließmechanismen. (Andrey Popov / Panthermedia / imago-images)

Die "NZZ" beklagt eine neue Smart-Home-Technologie von Google. Diese schließe automatisch die Türen ab, sobald sie merke, dass eine Person allein zu Hause sei. Warum wir uns so gerne in die Technologie-Abhängigkeit begeben, wird aber nicht geklärt.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur