Das Feature, vom 05.02.2013

Von Werner Dütsch

In 'M' lässt Fritz Lang 1931 eine Stadt einen Kindermörder suchen. Er interessiert sich dabei ganz und gar nicht für die Mordtaten und auch sein Umgang mit Kindern ist völlig unsentimental. Ihn interessiert das Echo: Wie erfährt die Öffentlichkeit überhaupt davon?

Der Filmregisseur Fritz Lang (AP Archiv)
Der Filmregisseur Fritz Lang (AP Archiv)

Warum nutzt der mutmaßliche Mörder die Presse und warum empört das die Politik so heftig? Was ist das für eine öffentliche Aufmerksamkeit aus Stammtisch, Verdächtigung, Denunziation und Lynchjustiz? Welche Strategien verfolgt die Polizei und warum sind diese den Aktivitäten der Halb- und Unterwelt zum Verwechseln ähnlich?

Gern hat man in "M" eine Vorahnung des Naziterrors gesehen und in dem Buchstaben M auf der Schulter von Peter Lorre den zukünftigen Judenstern: riskante Interpretationen. Verblüffend sind aber in "M" die Diskussion um die Behandlung eines Triebtäters, die Vorführung zukunftsweisender Kontroll- und Überwachungssysteme, die kühle Präzision, mit der Lang die Entstehung kollektiver Hysterie vorführt, die Produktion dessen, was man heute einen Hype nennt.

Fritz Lang lässt Töne und Bilder einander widersprechen, stiftet produktive Missverständnisse, lässt provozierende Ähnlichkeiten aufscheinen, scheut weder Horror noch Kalauer, legt falsche Fährten - in einem Film über mörderische Lust und bedrohlichen Ordnungswahn.


DLF 2013