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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.11.2011

Kindermörder im Konsensterror-Regime

Rob Alef: "Kleine Biester“, Rotbuch Verlag, 349 Seiten

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Kinder sind in Alefs Krimi nicht notwendigerweise nett. (dpa)
Kinder sind in Alefs Krimi nicht notwendigerweise nett. (dpa)

In Rob Alefs bissigem Krimi "Kleine Biester" müssen Grundschüler wegen eines Konkurrenzkampfes um die beste Schule sterben. Alef nimmt die so fortschrittlich anmutende Gesellschaft der gut verdienenden, ökologisch korrekten Berliner Szeneviertel aufs Korn.

Die Welt ist gewalttätig, irrwitzig und komisch. Wie sehr, davon erzählt "Kleine Biester", der dritte Kriminalroman von Rob Alef, unter dem Namen Ralf Oberndörfer im bürgerlichen Leben Rechtshistoriker. Ein kühnes Buch! Denn in Rob Alefs Geschichte werden Kinder ermordet. Nicht von einem genre-üblichen devianten Serienkiller, sondern mit Gründen.

Die Grundschüler stehen nämlich auf der Warteliste eines prestigeträchtigen Berliner Gymnasiums mit Karriereperspektive. Durch ihren Tod erhöhen sich die Chancen der schlechter positionierten Kandidaten. Dass elterlicher Ehrgeiz grenzenlos sein kann, ist eine realitätstüchtige Annahme, die Rob Alef durch ein paar riskante, aber sehr gelungene Manöver als Satire mit Mord und Horror inszeniert.

Da ist zunächst einmal die liebevoll maliziöse Schilderung eines Milieus, das mit politischer Dauer-Korrektheit, peniblem Öko-Bewusstsein und peinlichen Vornamen (Notker-Frodo, Heinz-Brüssel) nervt, aber ein Konsensterror-Regime errichtet, dem Kinder- und Elternseelen nicht immer gewachsen sind. Hier wird aus Satire die Momentaufnahme eines Zeitgeistes von bedrückender Lockerheit.

Die Komik, die auch in den tragischsten Momenten stecken kann, und für die der Autor einen situativen und sprachvirtuosen Sinn hat, bündelt sich in der Gestalt des Polizisten Dorfner: ein Haudrauf, ein testosterontriefender Kerl mit feinem Instinkt dafür, dass Gewalt durchaus eine Handlungsoption sein und man mit ihr nicht im "herrschaftsfreien Diskurs" umgehen kann. In einer brüllkomischen Szene verwandelt Dorfner ein schulisches Anti-Gewalt-Training in eine traumatische Situation, die Geiselnahme und Schulmassaker assoziiert.

An solchen Stellen wird Rob Alefs Komik zur subversiven Gegenrede gegen Konsense, Gewissheiten und angebliche Tabubereiche. Kinder sind bei Alef nicht notwendigerweise nett, Leute mit fortschrittlichen Gesinnungen nicht die besseren Menschen, und selbst pädophile Pfarrer können sich im Schutze gesamtgesellschaftlichen Verdrängens unschöner Tatsachen prächtig amüsieren.

Natürlich spielt dieser Krimi in Berlin: Kreuzberg und Prenzlauer Berg werden zum Modell-Tollhaus unserer Tage. Eine oberflächliche, weil längst prekäre Behaglichkeit mit recycelbaren Plastiktüten aus Maismehl (tödlich, die Dinger) und Klettergestellen aus "Zuchttropenholz". Und so lauern, wie weiland 1954 die radioaktiv verstrahlten Monsterameisen in Horrorfilmen à la "Formicula", bei Rob Alef heute unter den Buddelkisten, in den Höhlen und Gängen unter Berlin durch andere Produkte unserer Zivilisation mutierte Viecher, die einen wahren B-Movie-Terror entfachen.

Ein einfacher Kriminalroman ist Rob Alef für sein Sittenbild eines durchgeknallten Sozialdarwinismus zu wenig, ein Schuss Phantastik muss sein, damit niemand auf die Idee kommt, man habe es bei "Kleine Biester" mit biederem Realismus zu tun. Nichts wäre falscher.

Besprochen von Thomas Wörtche

Rob Alef: "Kleine Biester"
Rotbuch Verlag, Berlin 2011
349 Seiten, € 14,95

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