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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.10.2014

"Kinderland"Showdown an der Tischtennisplatte

Comic spielt in Ostberlin 1989

Von Frank Meyer

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(Reprodukt Verlag)
Cover von Mawils Comic "Kinderland" (Ausschnitt) (Reprodukt Verlag)

Mit lockerem Zeichenstil gelingt es dem Künstler Mawil in der Graphic Novel "Kinderland", von der Normalität eines Kinderlebens in der DDR zu erzählen. Zum Pioniergeburtstag organisiert sein Held Mirco etwas provozierend Unideologisches.

Showdown an der Tischtennisplatte: die Schüler Mirco und Torsten gegen zwei Ältere, von denen sie sonst immer weggeschubst werden. Angabe, die vier fliegen um die Platte wie der Sputnik um die Erde, Kellen und Blitze zucken, wie ein Meteor zischt der kleine Mirco einem verlorenen Ball hinterher, er kriegt ihn noch, der entscheidende Punkt, fast ein Sieg! Die lässige Ekstase, mit der der Comiczeichner Mawil über Seiten hinweg dieses Tischtennisduell inszeniert, ist einer der großen Höhepunkte in seiner Graphic Novel "Kinderland".

(Reprodukt Verlag)Aus Mawils Comic "Kinderland": Eine Welt, in der noch die Schulmilchtüten so aussehen wie in der realen DDR. (Reprodukt Verlag)

Auszeichnung beim Comicfestival in Erlangen

Mawil alias Markus Witzel wurde vor 38 Jahren im Osten Berlins geboren. Er hat seit 2002 mit Comicbüchern von sich reden gemacht, mit den Bänden "Wir können ja Freunde bleiben" oder "Die Band". Einen solchen Erfolg wie "Kinderland" hat er aber noch nicht erlebt. Beim Comicfestival in Erlangen wurde er mit dem Max- und-Moritz-Preis für das Beste Comicalbum 2014 ausgezeichnet. Das Buch ist auch zum Erfolg bei den Lesern geworden, die erste 5000er Auflage war schon nach zwei Monaten so gut wie ausverkauft. In Frankreich wird Mawil mit der Übersetzung von "Kinderland" zum Autor beim renommierten Verlagshaus Gallimard erscheinen. Auf der Frankfurter Buchmesse könnte bald auch noch der "Hotlist-Preis" dazu kommen, "Kinderland" steht auf der Shortlist der zehn besten Bücher aus unabhängigen Verlagen.

Junge Helden 1989

Das Bestechende an Mawils "Kinderland" ist die beiläufige Überzeugungskraft dieser Geschichte. Nichts wirkt da geschönt, dramatisiert oder aufgesetzt. Mawil erzählt von seinen jungen Helden im Ostberlin des Jahres 1989, Mirco Watzke ist die Hauptfigur, Schüler in der 7. Klasse der Tamara-Bunke-Oberschule. Cool ist dieser Mirco nicht, dafür liest er zu viel, er lernt Klavier und huscht heimlich nach der Schule als Messdiener in die Kirche, das Pioniertuch bindet er vorher ab. Nur an einem Ort kann Mirco mit den Coolen mithalten: beim Tischtennis. Zusammen mit seinem Freund Torsten Maslowski, einem sympathisch Unangepassten, traut sich Mirko da sogar, gegen die Großen anzutreten. Und er fordert die Pionierorganisation heraus, zum festlichen Pioniergeburtstag organisiert er etwas provozierend Unideologisches: ein Tischtennisturnier. Aber ihm kommt die Weltgeschichte dazwischen, die Mauer fällt, Mircos Eltern verschleppen ihn zum Feiern in den Westen, ausgerechnet am Tag des Turniers. Eine Katastrophe für Mirco, denn an diesem Tag gibt es für ihn nichts Wichtigeres als Tischtennis, und nun kann er nicht dabei sein.

(Deutschlandradio - Matthias Dreier)Der Zeichner Markus Witzel zu Gast im Studio bei Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Matthias Dreier)

Souveräner Zeichenstil

So gelassen kann man auch zeigen, dass es für junge oder alte Menschen in der DDR Wichtigeres gab als die freie Fahrt in den Westen. Mawil gelingt es glänzend, von der Normalität eines Lebens in der DDR zu erzählen und den Irrsinn der Diktatur nicht auszuklammern. Den bekommt vor allem Marcus' Freund Torsten zu spüren. Seit sein Vater in den Westen abgehauen ist, gilt er als unsicherer Kantonist, außerdem ist er nicht einmal Thälmann-Pionier!

Mit souveräner Beiläufigkeit kommt auch Mawils lockerer Zeichenstil daher. Seine cartoonhaften, leicht karikierten Figuren bewegen sich in größter Selbstverständlichkeit durch ihre Welt, in der noch die Schulmilchtüten so aussehen wie in der realen DDR. Zwischen intensive Erzählpassagen streut Mawil immer wieder verlangsamte Episoden ein, in denen man seinem Personal nur bei ihrem Leben zusieht. So zeigt sich auch in der Dramaturgie dieser herausragenden, ganz ohne historisches Pädagogisieren auskommenden Graphic Novel, wie sich große Geschichte und Alltag ineinanderfügen.

 

Mawil: "Kinderland"Reprodukt Verlag, Berlin 2014, 296 Seiten, 29,00 Euro

Weiterführende Information

Comic - Die letzten Tage der DDR
(Deutschlandfunk, Corso, 28.05.2014)

Zeichnender Erzähler
(Deutschlandradio Kultur, Profil, 27.08.2009)

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