Mittwoch, 20.11.2019
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.03.2010

Kindergeschichte für Erwachsene

Die Hörspielproduktion "Tom Sawyer & Huckleberry Finn"

Von Gesa Ufer

Podcast abonnieren
Regisseur Schuhmacher bei den Aufnahmen für "Huckleberry Finn". (Philip Glaser)
Regisseur Schuhmacher bei den Aufnahmen für "Huckleberry Finn". (Philip Glaser)

Mark Twains Klassiker "Tom Sawyer und Huckleberry Finn" wurde anlässlich des hundertsten Todestages des Schriftstellers neu ins Deutsche übersetzt. DeutschlandradioKultur und der Saarländische Rundfunk haben danach ein Hörspiel produziert.

"Oh, wie sehen die denn wieder aus? Das Zimmer war hell erleuchtet, und alle, die in dem Städtchen eine Rolle spielten, waren anwesend: Die Thatchers waren da, die Harpers, die Rogers … "

50 Schauspieler in 75 verschiedenen Rollen - manchmal muss in den Studios in der Nalepastraße im Osten Berlins eine Atmosphäre wie auf einem Bahnhof geherrscht haben, manchmal wie bei einer großen Party. Doch wie bringt man so viele Menschen dazu, ein Hörspiel entstehen zu lassen, dass am Ende klingt wie aus einem Guss? Der Autor und Hörspielregisseur Alexander Schuhmacher wandte für seine Tom-Sawyer Produktion einen Trick an: Er stimmte jeden Schauspieler mit zwei Songs des schwarzen Sängers Mississippi John Hurt auf die gemeinsame Arbeit ein.

Es sind Aufnahmen von 1928, die für Alexander Schuhmacher sehr genau das Zeitgefühl in den ländlichen Südstaaten Mitte des 19. Jahrhunderts transportieren:

"Wirklich jeder Schauspieler, auch wenn er nur zwei Sätze oder vier Worte hatte, musste sich diese zwei Songs anhören bevor er ins Studio ist zum Aufnehmen, und danach brauchte ich ganz wenig erklären. Weil die haben begriffen, worum es mir geht. Die haben diesen Geschmack begriffen und konnten es dementsprechend gleich in die richtige Richtung bringen."

Für diese Hörspielproduktion gründete sich sogar eigens eine Band um den Jazzmusiker Jo Ambros, die "Ambrosius Stompers", die den Großteil ihres Materials passgenau auf einzelne Szenen komponierten.

"Ding, dong, hier kommt die Big Missouri, tsch, tsch, tschu. Vorleine raus! Los raus! Was trödelt ihr denn so? Die Leine um den Poller! Laufsteg bereit halten! Maschine aus! Tsch."

So stimmig und inspirierend wie das Zusammenspiel mit der Musik war, so schwierig und nervtötend beschreibt Alexander Schuhmacher die Suche nach passenden Geräuschen. Denn für die Abenteuer von Tom und Huck auf dem Schiff oder im Pferdewagen, in einer Höhle, auf Bäumen oder in verlassenen Schuppen, bei Tag oder bei Nacht: immer wurden unterschiedliche Geräusche gebraucht. Und bei keinem durfte im Hintergrund auch nur ein Hauch heutiger Technik zu hören sein!

"1840 gab es nichts! Es gab einen Schaufelraddampfer und das war es! Ansonsten keine Flugzeuge, keine Autobahnen, keine Traktoren, kein Moped, kein Auto, kein elektrisches Hupen. Nichts dergleichen. Und such mal für sechs Stunden Geräusche aus, wo nichts davon zu hören ist. Das war wirklich das Alleranstrengendste!"

Die dreimonatige Produktionszeit im Studio an der Nalepastraße reichte gerade, um die Fülle des Textes einzusprechen, die Musik aufzunehmen, zu schneiden und zu mischen. Der 1985 geborene Kostja Ullmann spielt den Waisenjungen Tom Sawyer, der bei seiner Tante Polly lebt und sich viel lieber mit Huckleberry Finn, dem Sohn des stadtbekannten Säufers herumtreibt, als in die Sonntags-Schule zu gehen. Und Patrick Güldenberg, Jahrgang 1979, mimt frisch und unverbraucht Huck, die Hauptfigur in Amerikas wohl bekanntestem Schelmenroman.

"Die Witwe Douglas nahm mich als ihren Sohn an und wollte mich zivilisieren. Aber es war verdammt hart, die ganze Zeit in dem Haus zu leben, so elend ordentlich und pingelig wie sie in allem war, und als ich es dann nicht länger aushielt, machte ich mich aus dem Staub. Ich stieg in meine alten Klamotten und in mein altes Zuckerrübenfass und war wieder frei und zufrieden."

Ursprünglich, sagt Schuhmacher hätte er sich zwar Kinder für die Rollen Toms und Huckleberrys gewünscht, aus zwei Gründen habe er den Plan aber schnell verworfen:

"Erstens – hätten wir Kinder besetzt – hätten wir drei Monate Produktionszeit allein für die Aufnahmen gebraucht, weil die pro Tag nur zwei Stunden inklusive An- und Abreise arbeiten dürfen. Es geht einfach nicht. Die andere Tatsache ist einfach, dass Kinder so was noch nicht können."

Nun spielen also zwei junge Erwachsene die Hauptrollen, für Alexander Schuhmacher geht die Sache trotzdem auf. Ähnlich entspannt sieht er die Altersfrage auch wenn es um die Adressaten für sein neues Hörspiel geht. Ganz im Sinne Mark Twains, der dem Tom Sawyer folgende Worte voran gestellt hat:

"Zwar ist mein Buch hauptsächlich zur Unterhaltung von Mädchen und Jungen geschrieben, ich hoffe dennoch, dass es von Männern und Frauen nicht gemieden wird, denn ich beabsichtige mit diesem Buch freundlich, Erwachsene daran zu erinnern, was sie selbst einmal waren, und wie sie sich fühlten und dachten und redeten und welch seltsame Dinge sie manchmal unternahmen. Hartford 1876 – Mark Twain."

Mark Twain: Tom Sawyer & Huckleberry Finn
Produziert von DeutschlandradioKultur und dem Saarländischen Rundfunk
Hörverlag, München 2010
5 CDs, 24,95 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Open Mike 2019Höhenflüge der Jungen
Fiona Sironic bei der Preisverleihung. (Mirko Lux)

Der Open Mike gilt als die wichtigste Bühne für den literarischen Nachwuchs. Der diesjährige Wettbewerb fand am zweiten November-Wochenende in Berlin statt. Für viele der Finalisten war es die erste öffentliche Lesung, entsprechend groß die Aufregung.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur