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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.05.2014

Kinderfilm"Alfred Jodocus Kwak ist mein Alter Ego"

Liedermacher Herman van Veen kommt bei heutigen Kinderfilmen nicht mehr mit

Moderation: Andre Hatting

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(picture alliance / dpa)
Der Niederländer Herman van Veen (picture alliance / dpa)

Die kleine, neugierige Ente Alfred Jodocus Kwak mag der 69-jährige Niederländer Herman van Veen heute noch so gerne wie damals. Mit modernen Kinderfilmen ist er allerdings oft überfordert - und beobachtet mit offenem Mund, wie seine Enkel die Informationen verarbeiten.

André Hatting: Eines der berühmtesten Stücke von Herman van Veen. Der Niederländer begeistert seit 40 Jahren nicht nur Erwachsene mit seinen Liedern, Shows und Büchern, sondern auch Millionen Kinder in aller Welt. Als Clown auf der Bühne zum Beispiel und natürlich als geistiger Vater der kleinen Ente Alfred Jodocus Kwak. Derzeit ist van Veen auf großer Jubiläumstournee. Guten Morgen, Herr van Veen.

Herman van Veen: Guten Morgen.

Hatting: Sie stehen heute Abend in Zürich auf der Bühne und gleichzeitig geht in Erfurt das größte deutsche Kinderfilmfestival zu Ende. Insgesamt 37 Produktionen waren da im Wettbewerb. Vor 40 Jahren, Herr van Veen, als Sie Ihre Karriere begonnen haben, da gab es das in dieser Dimension noch nicht. Sehen Sie eigentlich Filme als Bereicherung der Kinderfantasie, oder eher als Bedrohung?

van Veen: Es kann beides sein. Wenn es positiv ist, dann fordert es die Kinder, nachzudenken oder mitzugehen. Aber es kann auch, wenn es platt ist, peinlich sein.

Hatting: Es muss einen gewissen Anspruch haben, damit es die Kinder fordert?

So viel Raum für Interpretation wie möglich lassen

van Veen: Ja. In meiner Optik immer so viel wie möglich Raum für Interpretationen, so dass das Kind entscheiden kann, es zu genießen, dass man es nicht zwingt, in einer bestimmten Auffassung mitzugehen.

Hatting: Möglichst viel Interpretationsraum?

van Veen: Ja. Je abstrakter, je interessanter.

Hatting: Herr van Veen, als ich klein war, da gab es nur eine Hand voll Kindersendungen. Heute gibt es gleich mehrere Sender für Kinder. Ist das zu viel?

van Veen: Ja ich glaube, dass Kinder es heutzutage schwieriger haben als wir, weil damals hatten wir in Holland zum Beispiel einen Sender und als ich klein war überhaupt noch keinen Sender. Da war alles Funk. Und jetzt kriegen die Kinder so erstaunlich viele Informationen zu verarbeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, wie die das tun. Führt das in Apathie, oder ist es stimulierend? Das kann ich nicht beurteilen, da habe ich keine Untersuchungen getan oder gelesen, die das bestätigen können. Aber wenn ich so meine Enkelkinder angucke, was die alles verarbeiten müssen an Informationen, und was für Geschwindigkeiten die haben, wenn die Games spielen, da stehe ich oft mit offenem Mund.

Hatting: Sie haben gerade, Herr van Veen, die Geschwindigkeit angesprochen. Es ist ja auffällig, dass heute zum Beispiel Zeichentrick oder auch computeranimierte Filme das Programm dominieren. Die sind auch meistens sehr schnell. Ist das eine Überforderung für Kindergehirne, oder kann das auch eine Möglichkeit sein, sie weiterzuentwickeln?

van Veen: Schwer zu beurteilen. Ich finde es rasend schnell. Für mich ist es zu schnell. Die Übergänge sind so enorm, was man da in einer Minute an Bildern verarbeiten kann. Aber die Kinder packen das scheinbar mühelos. Aber wie die das verarbeiten, dann später in der Nacht oder so, weiß ich nicht. Für mich kann das ein bisschen ruhiger sein.

Hatting: Sie haben ja selber mit der kleinen Ente Alfred Jodocus Kwak auch einen Kindertrickfilm gemacht. Mögen Sie Kwak eigentlich noch?

Größte Qualität: Er fragt nach dem Warum

van Veen: Ja natürlich! Das ist ein alter Ego, das bin ich auf eine bestimmte Art und Weise, nie älter geworden als zwölf, und seine größte Qualität ist, dass er immer fragt „warum", und an dieser Frage kommt kein Ende, weil erst wenn er was versteht, hat er Platz für eine folgende Frage, und so geht es mir auch.

Hatting: Wenn Sie Kindern heute auf der Tournee begegnen, oder auch mit Ihren eigenen Enkeln sprechen, was erzählen die Ihnen, wovon träumen die heute?

van Veen: Das ist nicht so viel anderes als wir. Es gibt jetzt nur neue Berufe, die es, als wir klein waren, noch nicht gab. Ich habe glücklicherweise viel Kontakt mit meinen Enkelkindern, weil es meine Nachbarn sind, und kriege Giga viel mit. Die jüngste will Profifußballer werden und bei Barcelona spielen, diese Ambitionen hatte ich früher auch.

Hatting: Ich auch.

van Veen: Der älteste will Detektiv werden. Der geht jetzt in die zweite Klasse vom Gymnasium. Der hat vor, alles zu lösen. Kommt mir auch bekannt vor. Und dann habe ich einen, der wird diesen Monat eins, und davon habe ich noch keine Ahnung.

Hatting: Er selbst vielleicht auch noch nicht. – Herr van Veen, gibt es eigentlich Momente, in denen Sie noch überrascht werden von Kinderträumen, auch nach Jahrzehnten auf der Bühne? Gibt es da noch Überraschungen?

van Veen: Ich bin jetzt im Herman van Veen Art Center, und das ist ein Zentrum, wo sehr viele junge Leute sich treffen und auch enorm viele Kinder kommen, weil wir viel, viel für Familien mit Kindern tun. Die Neugier ist fabelhaft, auch das Vertrauen, das Kinder haben in Erwachsene, ist fabelhaft. Das ist so offen. Ich staune über die Fragen der Kinder und ihre Geschwindigkeit im Verstehen. Man kann eigentlich mit Kindern über alles sprechen, die haben oft über alles hoch interessante Ideen, oft viel genialer, als wir als Erwachsene ausdenken, weil da ist noch die Erfahrung nicht und die Enttäuschungen sind noch nicht da. Die sind so offen, das tut so gut, mit Kindern umzugehen. Ich weiß nicht, ob ich die Frage jetzt beantwortet habe.

Hatting: Voll und ganz.

van Veen: Ah!

Hatting: Der Liedermacher und Schriftsteller Herman van Veen über Kinderträume. Zurzeit ist er auf großer Jubiläumstournee und nächste Woche ist er dann auch in Deutschland zu sehen. Vielen Dank für das Gespräch, Herr van Veen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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