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Lesart | Beitrag vom 23.07.2019

Kinderbücher erkunden die NachtLicht am Ende der Dunkelheit

Von Sylvia Schwab

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Kinderbücher "Auf leisen Sohlen durch die Nacht" und "Das Dunkle und das Helle" (Gerstenberg Verlag/NordSüd Verlag)
Zwei tiefblaue Geschichten für helle Sommerabende, die zeigen, dass nach jeder Nacht ein Morgen kommen wird. (Gerstenberg Verlag/NordSüd Verlag)

In "Auf leisen Sohlen durch die Nacht" geht eine Familie im Dunkeln auf Wanderung, in "Das Dunkle und das Helle" muss sich ein Sonnengänger in der Dunkelheit zurechtfinden. Beide Geschichten zeigen stimmungsvoll, dass auf Finsternis stets das Licht folgt.

Es gibt Bilderbücher, die weniger über die Handlung wirken als vor allem über die besondere Atmosphäre, die in ihnen herrscht. Das haben die beiden neuen Bücher von Marie Dorláns und dem Künstlerduo Kerstin Hau/Julie Völk gemeinsam, obwohl sie ganz unterschiedliche Geschichten erzählen.

"Auf leisen Sohlen durch die Nacht" heißt das Bilderbuch der französischen Kinderbuchautorin Marie Dorléans. Mit den Worten "Kinder, wir sind verabredet" weckt eine Mutter ihre beiden Kinder mitten in der Nacht. Zu viert wandert die Familie daraufhin durch die blaue, laue Sommernacht. Durch das schlafende Dorf, vorbei am hell erleuchteten Hotel, am letzten Haus des Dorfes, das "nur noch ein Auge geöffnet hat", durch den Wald und am See entlang und schließlich auf den Berg. Hier oben werden die unzähligen Sterne am tiefblauen Himmel langsam blasser und am hellen Horizont kündigt sich der Sonnenaufgang an. Es ist, als habe der Betrachter diese stille, friedliche Nacht sinnlich erfahren – die Dunkelheit, den Gesang der Heuschrecken, den Geruch von feuchtem Gras.

Die Figuren sind wenig individuell gezeichnet. Eltern und Kinder sehen wir zumeist nur von hinten oder im Profil. Ihre Bewegungen wirken seltsam steif. Alle haben Stupsnasen, und sehen einander nahezu lächerlich ähnlich. Was dazu führt, dass wir uns kaum mit ihnen beschäftigen und allein die leuchtende Nacht und den herrlichen Sonnenaufgang wahrnehmen.

Hell und dunkel, groß und klein

Ein tiefes, sattes und zugleich leuchtendes Blau strahlt den Betrachter vom Umschlag dieses besonderen Bilderbuches entgegen. Ein Blau, das sich leitmotivisch auch durch das Debüt von Kerstin Hau als Bilderbuchautorin hindurchzieht. Auf den ersten Blick ist "Das Dunkle und das Helle" eine etwas konventionelle Geschichte: von Gegensätzen, die sich anziehen, von Helligkeit und Dunkelheit, groß und klein, struppig und zart.

"Das Struppige" – groß, schmal, mit Fell – haust in der Finsternis, "das Zarte" – klein, rundlich, federleicht – dagegen lebt im Sonnenschein. Beide sind neugierig, treffen sich an der Grenze ihrer Lebensräume und schließen Freundschaft. Eines Tages jedoch passiert in der Heimat des Zarten ein großes Unglück, und das kleine Wesen wird in die Dunkelheit gestoßen. Gut, dass es dort einen Freund hat, der ihm zur Seite steht und es schließlich ins Helle zurückbegleitet! Von nun an sind beide in beiden Welten zu Hause. Und es wird deutlich, dass es für "das Zarte" auch um Heimatverlust, Trauer und deren Überwindung geht.

Die Geschichte erhält ihre ganz eigene poetische Note durch die zauberhaft zarten Zeichnungen und Bilder der bekannten Bilderbuchmacherin Julie Völk. Ihre unglaublich leuchtenden Blautöne verleihen der Dunkelheit eine geheimnisvolle, nie finstere Tiefe. Und die heiteren Zeichnungen der hellen Welt strahlen so frisch und sonnig, dass man immer wieder vor- und zurückblättert.

Zwei tiefblaue Geschichten für helle Sommerabende, die zeigen, dass nach jeder Nacht ein Morgen und nach jeder Dunkelheit auch wieder Licht kommen wird.

Marie Dorléans: "Auf leisen Sohlen durch die Nacht"
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2019
40 Seiten, 16 Euro, ab 4 Jahren

Kerstin Hau/Julie Völk: "Das Dunkle und das Helle"
NordSüd Verlag, Zürich 2019
40 Seiten, 15 Euro, ab 4 Jahren

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