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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.09.2014

KinderbuchSohn weg, Haus leer

Hans Traxler: "Willi. Der Kater, der immer größer wurde"

Von Sylvia Schwab

Der Maler, Cartoonist, Illustrator und Kinderbuchautor Hans Traxler, aufgenommen 2012. (picture alliance / dpa / Emily Wabitsch)
Der Maler, Cartoonist, Illustrator und Kinderbuchautor Hans Traxler, aufgenommen 2012. (picture alliance / dpa / Emily Wabitsch)

Eine kleine Parabel über die Liebe hat Hans Traxler mit seiner teils autobiografischen Geschichte über die Lohmeiers und ihren Kater Willi, der einfach immer weiter wächst, verfasst. Sein Schalk garantiert jeder Generation ihren eigenen Spaß.

Warum der putzige kleine Kater Willi, den sich das Ehepaar Lohmeier beim Bauern holt, immer größer wird, so groß, dass er schließlich durch keine Tür mehr passt, und warum er dann am Ende wieder schrumpft – ganz genau werden wir es nicht erfahren. Gerade das macht einen Teil von "Willis" Zauber aus. Seine Geschichte ließe sich in einem Satz zusammenfassen, ihre verschiedenen Töne und Facetten breiten sich dadurch umso klarer aus.

Die Lohmeiers fühlen sich einsam, denn der Sohn ist ausgezogen. Winzig klein liegen sie in ihrem Ehebett, wie Zwerge bewegen sie sich in ihrem Haus. Alles ist ihnen zu groß, zu leer. Sehnsucht spricht aus ihren Worten, ihren Gesten und den Bildern an der Wand. Der zunächst winzige Willi macht sie endlich wieder glücklich. Ein gefährdetes Glück, denn Willi wächst und wächst und hört nicht auf damit. Was für die Lohmeiers nur ein kleines Problem ist, für die Umwelt aber ein großes. Ein "Monster" sei Willi – meinen die Putzfrau, die Polizei, die Professoren. 

Hans Traxler hat eine kleine Parabel über die Liebe geschrieben. Über die Liebe, die die Lohmeiers glücklich und wieder groß macht. Und die sie liebevoll und geduldig zu ihrem Außenseiter Willi stehen lässt. Über die Liebe, die Willi groß und größer und dann wieder klein und kleiner werden lässt. Und über die große Liebe eines Illustrators und Kinderbuchautors zu seinem eigenen kleinen Kater, der ihm die Stifte durcheinander wirbelt, wenn er am Schreibtisch sitzt.

Zärtliche Zugneigung zum Detail

Denn am Schluss erzählt Hans Traxler, wie dieses Buch entstanden ist. Er und seine Frau haben selbst einen kleinen Kater vom Bauern aufgezogen. Und irgendwann tauchte die Frage auf: "Was wäre, wenn er nun einfach immer weiter wächst?". So können wir auch im Ehepaar Lohmeier augenzwinkernde Selbstporträts und in ihrem Umfeld authentische Dinge aus Hans Traxlers Umgebung entdecken: Den mächtigen Baum zum Beispiel, der vor seiner Wohnung im Frankfurter Nordend steht. Und die idyllische Alpenvorlandschaft, in die er jeden Sommer am Ammersee eintaucht.

Diese autobiografischen Bezüge kommen charmant und voller Witz daher: Das einsame Paar stocksteif auf dem Sofa, der griesgrämige Bauer, die albernen Professoren und der düster-autoritäre Polizeichef – diese Szenen sind ebenso kleinteilig wie komisch, ebenso naiv wie ironisch in Szene gesetzt. Der typische Traxler-Strich – flott, schwungvoll und großzügig – verbindet sich wieder einmal mit einer fast zärtlichen Zuneigung zum Detail. Zu den Bildern an den Wänden, den Vögeln und Zeitungen bis hin zur Jahreszahl 2014 über der Stalltür. 

Ein reines Kinderbuch ist "Willi" nicht, eher ein Hausbuch für die ganze Familie. Sein Schalk garantiert jeder Generation ihren eigenen Spaß. Denn so hübsch-fantastisch die Geschichte für die Kleinen ist, so nachdenklich macht sie die Großen: Was wäre, wenn …?

Hans Traxler: Willi. Der Kater, der immer größer wurde
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2014
32 Seiten, 15,90 Euro, ab 3 Jahren

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