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Kalenderblatt | Beitrag vom 20.03.2019

Kinderbuch "Die kleine Raupe Nimmersatt"Erst Bauchschmerzen, dann ein Schmetterling

Von Ute Wegmann

Grüne Raupe aus Papier kriecht über einen Tisch in einer Buchhandlung (picture alliance/KEYSTONE)
"Die kleine Raupe Nimmersatt" von Eric Carle ist eine weltweite Erfolgsgeschichte. (picture alliance/KEYSTONE)

Vor 50 Jahren erschien das Bilderbuch "The Very Hungry Caterpillar" - in deutscher Übersetzung "Die kleine Raupe Nimmersatt". Sein Schöpfer Eric Carle sieht darin eine Hoffnungsbotschaft für Kinder: "Ich kann meine Flügel ausbreiten und in die Welt fliegen."

"Die kleine Raupe Nimmersatt" ist die Geschichte einer Raupe, die eines Sonntags aus ihrem Ei schlüpft, sehr hungrig, und eine Woche lang immerzu essend ihre Umgebung erkundet. Sie frisst sich von Montag bis Freitag durch einen Apfel, durch Birnen, Pflaumen, Erdbeeren und Orangen, "aber satt war sie noch immer nicht". 

"Am Sonnabend fraß sie sich durch ein Stück Schokoladenkuchen, eine Eiswaffel, eine saure Gurke, eine Scheibe Käse, ein Stück Wurst, einen Lolli, ein Stück Früchtebrot, ein Würstchen, ein Törtchen und ein Stück Melone. An diesem Abend hatte sie Bauchschmerzen."

Weltweit 50 Millionen Mal verkauft

Eric Carle las aus dem Kinderbuch, mit dem seine Karriere als Bilderbuchkünstler begann. Am 20. März 1969 unter dem Titel "The Very Hungry Caterpillar" in den USA veröffentlicht, ist die 26 Seiten starke Geschichte heute ein Klassiker der Kinderliteratur − weltweit 50 Millionen Mal verkauft und in 64 Sprachen übersetzt.

Was ist das Erfolgsrezept dieser kleinen elternlosen, neugierigen und niedlich aussehenden Raupenfigur mit grünem Körper, rotem Kopf und lilafarbenen Fühlern, die ihre Grenzen kennenlernt und sich zum Schluss, erwachsen geworden, in einen Schmetterling verwandelt? Carle sagt dazu: 

"Ich nehme an, die meisten Kinder können sich mit der hilflosen, kleinen, unbedeutenden Raupe identifizieren, und sie freuen sich darüber, wenn sich die Raupe in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt. Ich denke, darin steckt eine Hoffnungsbotschaft: Ich kann auch groß werden. Ich kann meine Flügel auch ausbreiten und in die Welt fliegen."

Carle wollte das Grau verdrängen

Über Nationalitäten und Alter hinaus bietet das Buch vielen Menschen diese Identifikation. Aber man kann mit der kleinen Raupe nebenbei auch noch zählen üben und die Wochentage kennenlernen, da sich der Obstkonsum mit jedem Tag um eine Frucht erhöht. Das alles in Collagentechnik gestaltet, ist grafisch und farblich ein typisches Carle-Buch. 

"Ich kaufe mir Seidenpapiere, bestreiche die mit Acrylfarben mit viel Struktur und vielen Farben – grün, gelb, rot und so weiter, ohne an meine Illustrationen zu denken ... ich hab Hunderte, wahrscheinlich einige Tausend von diesen Papieren. Ich schneid sie aus, kleb sie auf: Collage, an und für sich nichts Neues, aber mein Stil, meine markanten Farben, die sind schon erkennbar als Eric Carle-Grafik. Ich muss wieder auf den Krieg zurückkommen, das war alles grau. Die Städte waren ja getarnt: da gabs grüngrau, graugrau, braungrau, alles war grau, auch die Menschen. Und heute geht es mir darum, das Grau zu verdrängen, also ich mag Farben, je farbiger, je besser." 

Liebe zur Natur und zu Tieren

Eric Carle, 1929 in Syracuse im Staate New York als Sohn deutscher Auswanderer geboren, erlebte den Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Das Heimweh der Mutter veranlasste die Familie, 1935 nach Stuttgart zurückzukehren. Carle, dessen Zeichentalent sich bereits in der Schule zeigte, studierte nach dem Abitur an der Akademie der Bildenden Künste. 1952 ging er nach Amerika zurück und wurde Gebrauchsgrafiker bei der "New York Times", später Artdirektor in einer Werbeagentur und schließlich freischaffender Grafiker und Illustrator.

Der deutsch-amerikanische Illustrator Eric Carle, hier auf einer Aufnahme von 1989, ist der Autor von "Die kleine Raupe Nimmersatt". (dpa / picture alliance)Der deutsch-amerikanische Illustrator Eric Carle, hier auf einer Aufnahme von 1989, ist der Autor von "Die kleine Raupe Nimmersatt". (dpa / picture alliance)

Im Jahr 1967 entwarf er zum ersten Mal Bilder zu einer Kindergeschichte: "Brauner Bär, brauner Bär, siehst du wen?". Das war der Startschuss für den Künstler Eric Carle. Schon als Kind hatte er neben der Leidenschaft fürs Malen durch den Vater die Liebe zur Natur, vor allem zu Tieren entdeckt: 

"Also in einem frühen Alter wurde ich Experte. Meine Bücher sind ja alle für Vorschule und erste Klasse und so etwa, ich glaube, ich bin da irgendwie stecken geblieben und verarbeite das heute noch, denn die Bücher mach ich ja für mich."

Annähernd 70 Bilderbücher hat der Künstler in seiner ausdrucksstarken Collagentechnik gestaltet. Allen voran "Die kleine Raupe Nimmersatt". Sie setzt ihre unvergleichliche Erfolgsgeschichte fort: als Film und Hörbuch, als Pappbilderbuch, Stoffbuch, Badewannenbuch, Koch- und Malbuch, als Popup-Version und natürlich als Jubiläumsausgabe.

Mehr zum Thema

Bilderbuch - Auf der Suche nach dem Lebensglück
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 25.6.2014)

Eric Carle wird 80 und die "Raupe Nimmersatt" 40 Jahre alt
(Deutschlandfunk, Bücher für junge Leser, 27.6.2009)

"Er ist künstlerisch qualitativ ein Solitär"
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 8.5.2012)

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