Dienstag, 23.07.2019
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.02.2014

KinderbuchDie fetten roten Blasen der Posaune

Anna Czerwinska-Rydel und Marta Ignerska: "Die Ton-Angeber"

Von Eva Hepper

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Das Cover des Buches "Die Ton-Angeber" von Anna Czerwinska-Rydel und Marta Ignerska zeigt einen stilisierten Posaunenspieler, aus dessen Instrument ein rosafarbener Strahl quillt. (Mixtvision Verlag)
In "Die Ton-Angeber" treten selbst die Instrumente als Protagonisten auf (Mixtvision Verlag)

Die Klangfarben eines ganzen Orchesters fangen die Autoren in ihrem Kinderbuch ein. In Worten und Bildern erzählen sie von der eingebildeten Oboe und dem Clinch der Bläser, den nur der Dirigent zu bändigen vermag.

Wie soll das denn gehen? Musik muss man doch hören! Man kann sie doch nicht nur mit Worten und Bildern beschreiben. Von wegen. Anna Czerwinska-Rydel und Marta Ignerska beweisen, dass das sehr wohl geht. Mit einer poetischen Geschichte und kraftvollen Zeichnungen fangen die Musikerin und die Illustratorin die Klangfarben eines ganzen Orchesters ein. Ton-Angeber haben sie ihr Buch genannt, mit dem sie (nicht nur) Kinder für Musik begeistern wollen. 

Ihre Geschichte beginnt mit dem Einstimmen des Orchesters. Wie üblich gibt die Oboe den Kammerton a vor, den die anderen Instrumente aufnehmen müssen. Doch sich ihrer Wichtigkeit ein bisschen zu bewusst, klingt die Oboe aufreizend eingebildet. So übernimmt zwar die erste Geige noch klaglos den Ton – auch sie gehört ja zu den Alpha-Tieren –, aber unter den folgenden Klangkörpern rumort es. Streich-, Blas- und Schlaginstrumente liegen schnell im Clinch: Den eigenen Klang über den der anderen stellend, lärmen am Ende alle durcheinander – bis der Dirigent den Raum betritt.

Anna Czerwinska-Rydels Idee, die Instrumente eines Orchesters als Protagonisten auftreten zu lassen, ist bestechend. Tatsächlich gelingt ihr damit nicht nur die Beschreibung der jeweiligen Klangfarben – von hell schmetternd bis tief vibrierend –, sondern auch die der "persönlichen Note" und also des Charakters eines jeden Instruments einzufangen. Im Kampf um die Vormachtstellung nämlich entpuppen sich die zarte Töne liebenden Geigen und Celli als Sensibelchen, die Bässe als bodenständige Genossen, die Hörner, Flöten und Trompeten als fröhliche Charaktere, die Pauken als eher robuste Typen und die Bratschen als dauerbeleidigt, weil sie in keiner Symphonie viel zu spielen haben.

Grell kolorierte Klänge

Doch wie klingen Paukenschläge und Flötentriller, sensible Geigen und fröhliche Hörner? Das vermitteln die originellen Zeichnungen Marta Ignerskas. Auf jeweils einer Doppelseite inszeniert die vielfach preisgekrönte Illustratorin die unterschiedlichen Instrumente in grellem Kolorit; mal in den Händen exzentrischer Musiker – mit wehendem Haar und überzeichneter Mimik –, mal alleine auftretend.

Die jeweiligen Klänge tanzen derweil in unterschiedlichen Formen und Farben lautmalerisch von links nach rechts. Eine zittrige rote Linie etwa entfährt der ersten Geige. Ein dicker roter Balken markiert den Ton der Klarinette. Die Posaune macht fette rote Blasen. Die Pauken färben die ganze Seite in grelle Signalfarben, und die Bratschen, ach, sie schweigen, wie ein durchgestrichenes Lautsprechersymbol anzeigt.

Zum Ende des Buches versammelt Ignerska all diese Bilder nochmals gemeinsam auf zwei Doppelseiten  – ein Chaos aus Farben und Linien. Und doch siegen am Ende Harmonie und Eintracht, und im Zusammenspiel erklingt endlich Musik: "Auf zur Freude, zur Liebe, zum  Himmel – ihnen voran, wie Flügel, die Hände des Dirigenten," dichtet Czerwinska-Rydel auf der letzten Seite. So lässt sich tatsächlich ohne einen einzigen hörbaren Ton der Zauber von Musik einfangen. Ein wunderbares Buch.

Anna Czerwinska-Rydel, Marta Ignerska (Illustration): "Die Ton-Angeber"
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Mixtvision, München 2013
44 Seiten, 14,90 Euro

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