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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 25.09.2019

Kinder und GewaltgeschichteWie Grundschülern NS-Geschichte vermittelt wird

Von Michael Watzke

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Ein kleiner Junge klettert am Holocaustmahnmal in Berlin. (picture alliance / dpa / Ingo Schulz)
Ab wann lassen sich Kindern die NS-Zeit und der Holocaust vermitteln? - Darüber sind sich auch Pädagogen uneinig. (picture alliance / dpa / Ingo Schulz)

Ab wann kann man Kindern vom Nationalsozialismus erzählen? In Schulen ist der Holocaust oft ab der neunten Klasse Thema. Viele Kinder fragen aber viel früher nach. Das NS-Dokumentationszentrum in München hat daher Ungewöhnliches im pädagogischen Programm.

"Hallo, ich bin Amelie!" – "Und ich bin Benedikt!" – "Wir begleiten Dich auf Deinem Weg durch das NS-Dokumentationszentrum!" – Amelie und Benedikt, zehn Jahre alt, sind Teil eines deutschlandweit ziemlich einmaligen Pädagogik-Konzeptes: Sie bringen Viertklässlern die NS-Geschichte nahe. Dazu gehört auch ein sympathischer Herr mittleren Alters mit Lesebrille:

"Mein Name ist Thomas Rink, ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Bildungsabteilung des NS-Dokumentationszentrums."

Thomas Rink führt Grundschulklassen ab der vierten Jahrgangsstufe durch die Münchner Bildungsstätte am Königsplatz, also etwa zehnjährige Kinder. Warum ist das für ihn die richtige Altersuntergrenze für ein so schwieriges Thema?

"In der Schule behandeln die Kinder etwa zu dieser Zeit – also in der vierten Klasse – das Thema Kinderrechte: Was heißt es, Rechte zu haben? Warum haben Kinder Rechte? Wo kann ich die Rechte einfordern? Aber damit ist natürlich auch verbunden: Was bedeutet es, wenn Kinder bestimmte Rechte nicht haben?"

Führungen ab der vierten Klasse

Zum Schulungskonzept gehört außerdem das Bilderbuch "Anne Frank" von Josephine Pool und – per Media-Guide – ein jüdischer Zeitzeuge: "Noch jemand wird Dich durch die Ausstellung begleiten: Mein Name ist Ernst Grube, ich bin 1932 in München geboren."

Für Thomas Rink sind die Führungen mit Viertklässlern eine besondere Herausforderung. Denn anders als zum Beispiel neunte Klassen mit vielen pubertierenden Schülerinnen und Schülern hätten Viertklässler keine Scheu, alles zu fragen, was ihnen zum Thema Nationalsozialismus im Kopf herumschwirrt.

"Immer wieder kommen Fragen wie: Warum die Juden? Oder Fragen zu Hitler. Und das muss man dann in einer angemessenen Sprache aufgreifen und die Geduld mitbringen, das nicht abzuwürgen und nicht 'jetzt nicht' zu sagen, sondern Raum für Fragen zu geben und kindgerecht zu beantworten."

Das Internet als problematische Informationsquelle

Das ist nicht immer einfach, sagt Rink. Manche Fragen verschlagen dem Kinder-Guide fast die Sprache: "Einer hat mal gefragt: Angela Merkel sei doch die Tochter von Adolf Hitler. Da habe ich gefragt, wie kommst Du denn darauf? Ja, das habe ich im Internet gefunden."
 
Das Internet spiele als Informationsquelle schon für kleine Kinder eine große Rolle. Und nicht immer eine gute, sagt Rink. "Beispielsweise hat ein Schüler mal angefangen zu erklären, wie die Gaskammern in Auschwitz funktioniert haben. Ein Viertklässler erklärt vor allen anderen die Funktionsweise der Gaskammern! Da sagt der: Das hab ich mir in Youtube angeguckt!"

Brutale Bilder sind tabu

In solchen Augenblicken treten Rink und seine Kolleginnen des NS-Doku-Zentrums auf die Bremse. Denn zu ihrem pädagogischen Konzept gehört: Gewalt und Tod werden nur am Rande und sehr vorsichtig thematisiert. Brutale Bilder oder gar Filme von Erschießungen oder aus Vernichtungslagern sind ganz tabu.

"Die bekommen die Kinder nicht zu sehen. Wir enden mit unserem Rundgang an einem Ort, wo sie keine überwältigenden Fotografien gesehen haben. Und fahren dann mit dem Aufzug wieder ins Foyer, sodass die Kinder die wenigen Fotos von Erschießungen aus dem zweiten Stock nicht sehen. Darauf achten wir. Das wird von den Lehrkräften auch sehr positiv bewertet."

Jugendliche betrachten eine Wand mit verschiedenen antisemitischen Klebezetteln am 2017 im NS-Dokumentationszentrum in München (dpa / Alexander Heinl)Ab der neunten Klasse ist der Holocaust Unterrichtsthema in Bayern: Jugendliche im NS-Dokumentationszentrum in München. (dpa / Alexander Heinl)
Mittlerweile sieben Münchner Grundschulen schicken ihre vierten Klassen zu einer Kinder-Führung durch das NS-Doku-Zentrum. Vorher, im Unterricht, haben die zehnjährigen Schüler mit speziellen Lesepaten, den sogenannten Lesefüchsen, schon das Bilderbuch "Anne Frank" angeschaut, also die Lebensgeschichte jenes 13 Jahre alten Mädchens, das sich in Amsterdam jahrelang vor den Nazis versteckte, bevor die Gestapo sie und ihre Familie ins KZ Auschwitz deportierte.

"Die Kinder beeindruckt dann immer: Sie hat jahrelang im Versteck gelebt und durfte nicht raus. Sie musste tagsüber ruhig sein und durfte die Toilettenspülung nicht benutzen. Sie durfte ihre Katze nicht mitnehmen. Von solchen Dingen haben die Kinder eine Vorstellung. Daran kann man anknüpfen und fragen: Was hat das für andere Menschen bedeutet – nicht nur für Anne Frank – die auch ausgegrenzt wurden?"

Mobbing und Ausgrenzung als Themen

Ausgrenzung, Mobbing – mit diesen Begriffen versucht Thomas Rink den Bogen in die Jetzt-Zeit zu schlagen, ohne den Kindern ein schlechtes Gewissen oder gar Schuldgefühle zu vermitteln. Natürlich geht es auch immer wieder um Adolf Hitler, obwohl der Nationalsozialismus erst in der neunten Klasse zum Unterrichtsstoff gehört.

"Sie wollen immer Hitler sehen – den Namen kennen alle in der Grundschule. Wir haben ein Foto, zu dem wir gehen, damit sie Hitler auch sehen. Aber da kann man dann auch wieder von dem – ich sag jetzt mal Personenkult – weg und sagen: Erinnert Euch an das Foto vom Anfang. Ein Mann alleine kann die Verbrechen nicht begehen. Es hat Menschen gegeben, die sind ihm gefolgt und fanden das gut, was er getan hat. Und das verstehen die Kinder."

Das Pädagogik-Konzept des Münchner NS-Doku-Zentrums für Viertklässler ist nicht unumstritten. Muss man wirklich schon Grundschüler mit dem Nationalsozialismus konfrontieren? Man muss nicht, sagt Thomas Rink – aber man kann, wenn man es richtig macht. Das Interesse der Kinder sei vorhanden.

"Ich finde schon, die Grenze sollte um die zehn Jahre sein. Das ist in der pädagogischen Diskussion nicht einhellige Meinung. Viele sagen, man sollte mit Grundschülern gar nicht zu diesem Thema arbeiten. Wir haben uns entschieden, den Schnitt bei der vierten Klasse zu machen. Denn da kann man mit den Schülern schon Gespräche führen. Da haben sie eine – wenn auch kurze – Schullaufbahn."


Wie und ab welchem Alter lässt sich Kindern Gewaltgeschichte vermitteln? Darüber sprechen wir mit unserer Kakadu-Autorin Kati Obermann.

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