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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.03.2005

Kinder auf der Suche

Tim Krohns Erzählungen über Heimweh

Rezensent: Vladimir Balzer

Tim Krohn: Heimweh (Mare)
Tim Krohn: Heimweh (Mare)

Wie ist es, wenn man zehn Jahre alt ist, seinen Vater nicht kennt und die Mutter plötzlich stirbt? Jens - in Tim Krohns Erzählung "Das Meer" - erleidet mit dem Tod der Mutter den endgültigen Abschied nicht nur von einem geliebten Menschen, sondern auch von seiner einzigen Freundschaft.

Jens ist Freund und Freundin zugleich, er spielt mit den Geschlechterrollen. Er schminkt sich gern. Mit seinen weiblichen Zügen ähnelt er stark seiner jungen Mutter und viele halten die beiden für Schwestern. Korrigiert wird das von Mutter und Sohn nie.

Sie liegen zusammen in der Badewanne, die Mutter will seine Meinung wissen über die Männer, die sie kennen lernt und in ihren Fragen steckt auch die Bitte nach einer Entscheidung: "Wollen wir den?".

Jens weiß vom seinem Vater nur, dass er im Tessin wohnt. Seine Mutter ist Schwedin. Sie ruft Jens mit schwedischen Kosenamen, die in Zürich sonst niemand verstehen soll. Eines Tages will sie zurück nach Schweden, Jens soll nachkommen wenn er seine Schulklasse abgeschlossen hat. Doch sie erleidet auf offener Straße einen Hirnschlag und stirbt. Als Jens´ Vater ihn zu sich nehmen will, flieht der Junge. Er will ans Meer. Davon hat er immer geträumt. Ausgerechnet in einem Kinderheim erfüllt sich später dieser Traum.

Tim Krohns zweite Erzählung in seinem Band "Heimweh" handelt ebenfalls von einem Jungen auf der Suche nach einem Zuhause. Jakob ist 16, flieht von der Schweizer Seite des Bodensees auf die deutsche, mitten im Krieg, 1944. Er hat sich vorgenommen, die Ehre seiner deutschen Mutter zu verteidigen und Deutschland vor den Alliierten zu retten. Er will gleich zu Waffen-SS. Mit 16. Die deutsche Nazi-Bürokratie kann mit dem seltsamen Überläufer aber nichts anfangen. Jakob muss sich fragen, ob seine Heimat nicht doch woanders ist.

Tim Krohn schreibt in Zeiten, in denen Kinderkriegen längst nicht mehr bedeutet, dass Eltern sich bemühen zusammen zu bleiben. Viele junge deutschsprachige Autoren veröffentlichen in diesem Frühjahr Bücher über die Kindheit. Jenny Erpenbeck mit ihrem "Wörterbuch", Karen Duve schreibt in "Die entführte Prinzessin" ein Märchen ihrer Kindheit weiter, und der in Zürich lebende und aus Westfalen stammende Tim Krohn schreibt in seinen Erzählungen über Kinder, die ihre Eltern verlieren und nach neuen Wurzeln suchen müssen.

Er tut dies in einer klaren, dem Erzählstrang untergeordneten Sprache, die auf Metaphern verzichtet und Grenzgänge am Kitsch immer für sich entscheiden kann. Krohn schildert Situationen dermaßen plastisch, dass man an einen Film denken muss - der tatsächlich in Arbeit ist.

Der heute 40-jährige Tim Krohn ist vor allem durch Bühnenstücke bekannt geworden und war schon mit Mitte 30 Vorsitzender des Schweizer Schriftstellerverbandes. Er ist ein Autor, der ganz der klassischen Erzählhaltung vertraut: ein Erzähler in der dritten Person hält Distanz zu den Dingen. Diese Distanz bröckelt immer dann, wenn zwischen den Zeilen eine ergreifende Melancholie entsteht, die den Leser aber nie so tief mit sich zieht, nicht auch in den traurigsten Situationen immer wieder Lichtblicke aufzuzeigen.

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