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Lesart / Archiv | Beitrag vom 31.01.2015

Kiew im Januar (6)Überwältigendes Glück neben der Metro-Station

Von Katja Petrowskaja

Blick auf den Kreschtschatik-Boulevard in der Kiewer Innenstadt am 11.11.2011. Auf der mehrspurigen Straße fahren Autos, über die Straße ist schmückende Beleuchtung gespannt. (dpa / picture alliance / Thomas Eisenhuth)
Katja Petrowskaja liebt Kiew - im Originalton erzählt sie davon. (dpa / picture alliance / Thomas Eisenhuth)

Jeden Sonntag treffen sich über hundert Menschen nahe einer Metro-Station, um miteinander zu tanzen. Wenn Katja Petrowskaja in Kiew ist, geht sie immer dorthin, um sich vom Glück der Tanzenden anstecken zu lassen. In der Reihe "Originalton" porträtiert die Autorin ihre Geburtsstadt und liefert Eindrücke jenseits der Nachrichtenberichterstattung.

Jedes Mal, wenn ich in Kiew bin, komme ich hier her. Eigentlich ist es ganz im Zentrum, man ist einfach oft hier in dieser Metro-Unterführung. Sonntags versammeln sich neben der zentral gelegenen Metro-Station Teatralnaja mehr als hundert Frauen und Männer, um zusammen zu tanzen und zu singen. Eine kleine Kapelle spielt, Trommel, Garmoschka, Akkordeon, Knopfharmonika. Hier tanzen Rentner, die kaum Rente haben, die Verlierer aller historischen Prozesse. Aber sie sehen nicht wie Verlierer aus.

Ich habe diese Truppe vor 15 Jahren zum ersten Mal gesehen, irgendwann habe ich mit ihnen gesprochen, aber nun schaue ich nur zu. Manche wirken bäuerlich, manche sind arm, aber sehr adrett gekleidet. Manche in teuren Pelzmänteln, einige in Volkstrachten. Sie tanzen Tänze, die kaum noch jemand kennt: Korobotschka, Krakowiak, Gretschaniki – Gesellschaftstänze aus der Zeit der Jahrhundertwende. Komplizierte Reigen und Schrittfolgen. Einige wirken sehr ernst, andere strahlen wie kleine Kinder. Die Passanten, die aus der Metrostation strömen, halten plötzlich inne, denn das Glück der Tanzenden ist überwältigend und ansteckend.

Die dörflichen Wurzeln mit in die Stadt genommen

Sie haben hier, 1000 Meter vom Maidan entfernt, das ganze vergangene Jahr getanzt. Genau hier spüre ich, wie nirgendwo sonst, dass Kiew, eine Großstadt mit 3 Millionen Einwohnern, gleichzeitig ein riesiges ukrainisches Dorf ist: Hunderttausende sind erst in den vergangenen Jahrzehnten in die Hauptstadt gezogen - und haben ihre dörflichen Wurzeln mitgenommen.

Diese Tanztreffen sind "anarchisch". Es gibt keinen Verein. Es gibt keinen Leiter. Es gibt keine Reklame oder Ankündigung, als wären die Tänzer einem Naturgesetz gefolgt. Sie sind kein deprimiertes osteuropäisches Lumpenproletariat. Wenn sie tanzen, käme niemand auf die Idee, Mitleid mit ihnen zu haben, so souverän, ja so "cool" wirken diese "Loser". Sie schenken uns etwas, was wir nicht haben, und alle spüren es. Manchmal schließen sich junge Leute den Tanzenden an. Aber wie lächerlich sind ihre Bemühungen! Ein junger Mann steht eine Stunde lang neben mir und schaut den Tanzenden zu. Um 10 Uhr hören sie auf. Der junge Mann geht zum Akkordeonisten und fragt: "Wo kann ich eine Ziehharmonika kaufen? Ich möchte hier mit Euch spielen." Sie tauschen ihre Telefonnummern aus. Ich drehe mich um und gehe zur U-Bahn, ja, zufrieden.

 

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