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Rang I | Beitrag vom 21.12.2019

Kieler Intendant Daniel KarasekWie man das Theater familienfreundlicher macht

Daniel Karasek im Gespräch mit Janis El-Bira

Probe zur Rossini-Oper "Die Reise nach Reims" im Opernhaus Kiel (2017): eine Frau steht auf der Bühne, im Hintergrund ein Baum mit einem großen Vogel. (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)
Theaterarbeit und Familie sollen an den Kieler Bühnen besser miteinander vereinbar sein. Hier: Probe zu "Die Reise nach Reims" im Opernhaus (2017). (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)

Daniel Karasek kennt noch die Zeit, in der Schwangerschaften als ein Angriff auf das Theater empfunden wurden. Am Theater Kiel hat er als Intendant neue Strukturen geschaffen: mit probenfreien Samstagen und Zeitplänen, die Rücksicht auf Kitazeiten nehmen.

Wer Beruf und Familie verbinden will, der geht nicht unbedingt ans Theater. Es gibt Arbeitszeiten am Abend und an den Wochenenden, schlechte Bezahlung und die Angst, dass es mit der Karriere schnell vorbei sein kann, wenn Kinder ins Spiel kommen.

Das muss nicht sein, findet man dagegen am Theater Kiel und hat dort ein Programm auf den Weg gebracht, das den Theaterberuf familienfreundlicher gestalten soll. Dazu gehören: der probenfreie Samstag, höhere Einstiegsgagen und die gleiche Bezahlung für Männer und Frauen. Der Kieler Generalintendant Daniel Karasek sagt, dass dieses Umdenken bei ihm schon vor Jahren, nämlich während der Schwangerschaft seiner damaligen Frau einsetzte:

"Da hat man ihr auf wirklich so extrem blöde Weise – ich sage jetzt nicht das Theater – nahegelegt, dass sie doch nicht mehr im Vertrag bleiben möchte. Das muss ich schon sagen, das hat mich geprägt. Da habe ich mir gesagt: Wenn ich ein Theater leiten werde, werde ich das mit Sicherheit nicht so machen.

Allerdings mussten wir kämpfen. Ich bin noch in Theatern groß geworden, da wurden Schwangerschaften immer als ein Angriff auf das Theater empfunden. Ein völlig absurder Vorgang, aber das war so. Und das hat mich auch innerhalb der Hausstrukturen, also dass das nicht als Angriff empfunden wird, ein paar Jahre gekostet, das auf eine ganz natürliche, selbstverständliche Schiene zu bringen."

Probenpläne mit Rücksicht auf die Kitazeiten

Deshalb hat das Theater nun unter anderem in den Probenplänen Rücksicht auf die Kitazeiten genommen und lässt etwa Anproben nur noch innerhalb der eigentlichen Probenzeiten durchführen. Dennoch gibt Karasek zu, dass die eingeleiteten Maßnahmen noch nicht das Ende dieses Prozesses bedeuten können. Hauseigene Kindergärten zum Beispiel blieben ein Wunsch, der auch wegen der räumlichen Strukturen des Mehrspartenhauses und der ungewöhnlichen Arbeitszeiten nicht so einfach zu erfüllen sei.

Der Generalintendant des Theaters Kiel, Daniel Karasek, schaut in die Kamera, aufgenommen am 8. März 2019 (picture alliance/Frank Molter/dpa)Am liebsten würde Intendant Daniel Karasek am Kieler Theater auch einen hauseigenen Kindergarten eröffnen. (picture alliance/Frank Molter/dpa)

Etabliert habe sich hingegen der probenfreie Samstag, eine der Zentralforderungen vieler Aktivisten-Netzwerke, den Kiel schon zur vergangenen Spielzeit einführte:

"Ich kann definitiv sagen, dass die Motivation eigentlich um ein Vielfaches gesteigert wird damit. Man muss ja wissen: Wir sind ein Ensemble der mittleren Stärke, wenn wir maximal besetzt sind: 23 Leute. Wir spielen wirklich ein riesiges Repertoire. Und das heißt, jeder Schauspieler ist eigentlich so gut wie jedes Wochenende in irgendeiner Weise beschäftigt. Und dann haben Sie ja auch gehört, wie viele Kinder wir haben. Das heißt, dieser Samstag ist ein irrsinniger Gewinn. Und ich habe auch die Rückkopplung von vielen Regisseuren, die da sehr skeptisch und auch sehr kritisch waren, dass das mittlerweile sozusagen voll gepflegt wird, weil: Man hat einfach Schauspieler, die am Montag besser gelaunt zur Probe kommen."

Theater lässt sich nicht "durchsozialdemokratisieren"

Für die Zukunft wünscht sich Karasek, dessen Vertrag in Kiel noch bis 2025 läuft, dass diese Entwicklungen fortgesetzt werden, sie aber immer im Einvernehmen mit dem Ensemble und auch nicht gegen die Kunst durchgesetzt werden.

"Das Theater lässt sich nicht komplett ‚durchsozialdemokratisieren‘. Und ich lebe da auch sehr vom Ensemble, dass das Ensemble eben ganz stark auch sagt: Okay, da ist dann die Samstagsprobe doch nötig. Aber ich sage immer: Das muss von euch ausgehen. Jetzt kürzlich haben sie das auch entschieden, dass das nötig ist, weil eine Schauspielerin mit dem Text nicht mehr hinterhergekommen ist. Das muss man immer sehen, dass die Kunst das nicht immer so erfüllen kann.

Aber das Regelsystem, dass man im Team gemeinsam darauf aufpasst, dass die Dinge weitestgehend eingehalten werden, das finde ich eine sehr gesunde Entwicklung."

(jeb)

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