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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 02.07.2021

Kerzenrituale am SchabbatDas Zünden ist Frauensache

Von Kirsten Dietrich

 Gedeckter Tisch am Freitagabend (Beginn des Sabbats) mit angezündeten Kerzen und zwei Laiben Brot (Challa).  (picture alliance / akg-images / János Kalmár)
Zwei angezündete Kerzen schmücken traditionell den gedeckten Tisch zum Schabbat. (picture alliance / akg-images / János Kalmár)

Zu einem jüdischen Schabbat gehören unbedingt zwei Kerzen am Freitagabend. Viele jüdische Frauen zünden sie vor Sonnenuntergang an. Danach darf man sie nicht löschen, denn das gilt religionsgesetzlich als Arbeit. Was also tun?

"Der Schabbat beginnt mit Sonnenuntergang, am Freitagabend, das kommt aus der Schöpfungsgeschichte. Dort heißt es: Es ward Abend und es ward Morgen, ein Tag. Entsprechend geht für uns der Tag immer vom Vorabend zum nächsten Abend, so wird der Tag definiert," sagt Jehoschua Ahrens, orthodoxer Rabbiner in Darmstadt. "Man sollte kurz vor dem Abend zünden, also normalerweise sagt man: 18 Minuten. Da hat man so eine kleine Pufferzeit. Also man kann theoretisch noch ein bisschen näher am Sonnenuntergang dran zünden, aber eigentlich sollten es im Idealfall 18 Minuten vorher sein, dass man das nicht aus Versehen zu spät macht."

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"Da gibt es ein bisschen diesen Pufferraum, falls man noch schnell einen Teller abwaschen will oder so was, das macht man noch, aber danach ist wirklich die Zeit da", ergänzt Mirjam Alba, die Ehefrau des Rabbiners. "In dem Moment, wenn das Kerzenzünden ist, da sollte schon alles fertig sein. Und dann beginnt mit dem Kerzenzünden eigentlich der Schabbat für uns, und damit kehrt auch bisschen Ruhe ein. Dann macht man keine Arbeiten mehr, sondern genießt einfach den freien Tag."

Kerzenzünden am Freitagabend

"Natürlich essen wir jeden Freitagabend zusammen, aber wir zünden nicht die Kerzen jeden Abend und machen einen Kiddusch, " sagt die Verlegerin Myriam Halberstam. Kiddusch – den Segen sprechen über einen Becher Wein, das ist nach dem Zünden der Kerzen Teil des Rituals am Beginn des Schabbat.

Halberstam sagt: "Die Kerzen zünde ich dann entweder, wenn ich die Zeit habe, an dem Freitagnachmittag richtig schön zu kochen, oder wenn ich es geschafft habe, mir passendes Essen dafür zu kaufen, gekochtes Essen." Für Halberstam ist das Kerzenzünden nichts Selbstverständliches. Schon gar nicht in einer Gesellschaft, die mehrheitlich nach einem völlig anderen Takt als dem jüdischen läuft.

"Ich zünde auch nicht jeden Freitag Schabbat-Kerzen, ich mach das immer, wenn ich dran denke", sagt die Autorin Mirna Funk. "Das ist keine bewusste Entscheidung, das ist wirklich so: Ich denke daran oder es gibt Essen mit Freunden, und dann machen wir das, aber selbst wenn wir ein Schabbat-Essen machen, richtig mit Kiddusch und so, ist es ganz oft so, dass wir sogar das Kerzenzünden weglassen, weil wir den Moment verpasst haben," sagt die Schriftstellerin Mirna Funk. "Ich mache es wirklich vor allem für meine Tochter und auch eher in den Wintermonaten, weil man dann besser den Moment abpasst mit dem Sonnenuntergang."

"Man kann da ein bisschen früher auch reingehen – später geht halt nicht", ergänzt Rabbiner Jehoshua Ahrens. " Nach Sonnenuntergang, da ist es dann halt zu spät, aber davor gibt es tatsächlich eine gewisse Flexibilität."

Die Außenwelt bleibt außen vor 

"Wenn man die Kerzen dann zündet – für mich geht dann so ein Vorhang runter", sagt Halberstam. "So: Jetzt ist Schabbat. Und die Außenwelt bleibt außen vor."

Rabbiner Ahrens erklärt: "Jetzt gibt es, wenn man die Kerzen zündet, einen Segensspruch. Normalerweise ist es so: Bei jeder Mitzwa, bei jedem Gebot, das einem aufgetragen ist, sagt man eigentlich erst den Segensspruch und dann macht man die Handlung. Das ist aber bei den Schabbatkerzen andersrum. Erst zündet man, und dann sagt man den Segensspruch. Warum macht man das? Weil wenn man den Segensspruch sagt, dann nimmt man schon Schabbat auf sich, dann hat eigentlich schon Schabbat begonnen. Wenn man dann noch mal zünden würde, das würde so aussehen, als hätte man an Schabbat eine Flamme gezündet, was ja eben an Schabbat nicht erlaubt ist. Deshalb zündet man normalerweise erst die Kerzen, und dann danach sagt man den Segensspruch."

Die Frauen haben den Vortritt 

Man zündet – eigentlich müsste man hier sagen: Frau zündet. Denn Kerzenzünden ist Frauensache. Mirjam Alba: "Ich bin so aufgewachsen, ich kenne das nicht anders, das ist eben, was ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Ich bin glücklicherweise mit meiner Großmutter und Mutter in einem Haushalt aufgewachsen, ich hatte also zwei Vorbilder, die das gemacht haben. Dann fängt man damit auch ziemlich früh an. Eigentlich ist man nicht verpflichtet, aber irgendwann wollen Mädchen das auch machen."

Zwei junge Frauen halten sich die Augen zu. Vor ihnen zwei brennende Kerzen, die traditionell zum Schabbat entzündet werden.   (imago images / Shotshop)Die Hausrituale sehen vor, dass am Freitagabend Frauen die Kerzen anzünden. (imago images / Shotshop)

"Rein halachisch, also religionsrechtlich gesehen, ist der Mann ja auch verpflichtet dazu, die Kerzen zu zünden, das heißt, er kann das auch machen", stellt der Rabbiner klar. "Man lässt nur normalerweise der Frau hier den Vortritt, weil sie eigentlich traditionellerweise diejenige ist, die im Haushalt bestimmt. Entsprechend sind die Hausrituale erstmal primär Aufgabe der Frau. Das ist durchaus wichtig, weil das Judentum wird nicht in der Synagoge gelebt, sondern das Judentum wird tatsächlich zuhause und im Alltag gelebt, und da hat eine Frau eine gleichberechtigte oder sogar wichtigere Rolle eigentlich."

Auch wenn man die orthodoxe Vorstellung von genau festgelegten Rollen nicht teilt – in den meisten Famlien zünden die Frauen die Kerzen an und in den meisten Synagogen auch, selbst in liberalen."Ich bin zwar liberal und total modern, ich hab es aber noch nie gesehen, dass ein Mann die Kerzen gezündet hat, sagt Halberstam, Mutter zweier Töchter. "Bei uns zuhause – viele Segenssprüche oder die meisten Segenssprüche machen wir drei eigentlich. Egal, ob die für Männer sind oder für Frauen.Darum eben ist traditionellerweise das Judentum über die Mutter weitergegeben worden. Weil man in diese Handlungen, Segenssprüche, Rituale hineinwachsen muss. Erwachsen wird, sie vorgelebt bekommt und sie dann nachmacht."

In der DDR ohne gelebte Tradition 

"Ich finde es schön, dass das weiblich gebunden ist, aber mir ist das nicht so wichtig", sagt Funk. "Wenn ich zum Beispiel einen Sohn hätte, oder ich hätte eine Tochter und einen Sohn – dann würde ich die beide anzünden lassen. In der Synagoge dürfen alle Kinder die Kerzen anzünden." Funk ist ohne gelebte jüdische Tradition aufgewachsen. Sie erzählt: "Ich komme aus der DDR, da wurden keine Schabbatkerzen gezündet bei mir in der Familie. Mich erinnert das Zünden eigentlich immer an den Weg zum Jüdischsein."

Denn wie sie ihr Jüdischsein versteht und lebt, hat sich Funk Stück für Stück erarbeitet. Das Kerzenzünden ist da nur ein Baustein. "Für mich ist das wirklich nicht hochemotional", sagt sie. " Ich habe zwei Kerzenständer dafür, das sind jetzt keine silbernen Kerzenständer oder Erbstücke oder so. Das sind einfach zwei coole Kerzenständer, die ich mir dafür mal dafür gekauft habe. Und dann werden die zum Essen am Freitag gezündet."

Die Rabbinergattin Alba hält es anders. "Ich hab zweierlei, was ich benutze als Kerzenständer. Das eine sind tatsächlich Ständer, die habe ich geerbt von der Cousine meines Opas. Als sie noch am Leben war, hat sie gesagt: Diese Kerzenständer sind für dich, weil ich weiß, du wirst sie benutzen. Das hat mich tatsächlich sehr berührt, als sie das gesagt hat. Ich benutze sie nicht jeden Schabbes, aber das ist da und wir benutzen es auch. Und wir haben einen anderen, wo wir mehr Kerzen drauf stellen können, das benutze ich, weil dann die Kinder auch Platz haben für ihre Kerzen."

Denn zu den traditionellen zwei Kerzen – denn zweimal wird der Schabbat in der Tora erwähnt – kann man noch für jedes Kind in der Familie eine Kerze zünden. Und dann? Sollen die Kerzen brennen, sagt der Rabbiner. "Man darf die Kerzen auch nicht ausmachen, das ist nicht erlaubt." Denn das wäre Arbeit, so das jüdische Religionsgesetz, die Halacha.

Die Badewanne ist brandsicher

Halberstam erzählt:"Wir sind da sehr unorthodox. Wir lassen sie natürlich runterbrennen, aber im wirklich streng orthodoxen Judentum darf man die Kerzen dort, wo sie angezündet worden sind, nicht mehr vom Fleck bewegen. Jetzt verrate ich ein Geheimnis: Wir nehmen dann, wenn man dann endlich ins Bett geht und die Kerzen sind noch nicht ganz runtergebrannt, dann nehmen wir sie und stellen sie in die Badewanne oder in die Dusche. Und da passiert nichts."

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