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Lesart | Beitrag vom 24.08.2018

Kerstin Ehmer: "Die Schule der Trunkenheit"Ein Hoch auf den kleinen Rausch

Kerstin Ehmer im Gespräch mit Andrea Gerk

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Cocktail auf einem Tisch vor Sonnenuntergang am Meer  (imago/Ikon Images)
Ein Drink am Morgen - für Kerstin Ehmer spricht eigentlich nichts dagegen. (imago/Ikon Images)

Bier, Wein, Wodka, Whisky oder Gin: Alkohol gehört seit Jahrhunderten zu unserer Kultur. Ihn zu verteufeln - davon hält Kerstin Ehmer nichts. In ihrem Buch "Die Schule der Trunkenheit" erklärt sie, wie gepflegtes Genießen funktioniert.

Andrea Gerk: Klarheit und Selbstkontrolle gelten als Kardinaltugenden in unserer Leistungsgesellschaft. Wir sollen uns körperlich und geistig immer im Griff haben, und wer sich auch mal hemmungslos seinen Launen und Gelüsten hingibt, der gilt schnell als schwierig und unberechenbar, aber ohne Rausch und gelegentliche Exzesse ist das Leben nicht nur etwas langweilig, viele historische Erfolge wären auch gar nicht errungen worden. Das zeigt ein Buch von Kerstin Ehmer und Beate Hindermann, das jetzt im Verbrecher-Verlag erschienen ist. Titel: "Schule der Trunkenheit". Kerstin Ehmer, studierte Theater- und Filmwissenschaftlerin, ausgebildete Fotografin und Inhaberin einer legendären Bar in Berlin, ist jetzt bei mir im Studio. Guten Morgen, hallo Frau Ehmer!

Kerstin Ehmer: Guten Morgen!

Gerk: Sie empfehlen ja schon in der Einleitung Ihres Buches, zur Lektüre einen Drink zu nehmen, am besten zu jedem Kapitel, und hinten gibt es auch schöne Cocktailrezepte, und da gibt es eins, wo dabei steht, ein Drink für morgens, mittags, abends, nachts. Das heißt, wir könnten auch jetzt eigentlich uns schon einen genehmigen?

Ehmer: Ja. Ich bin eigentlich der kleinen Portion Alkohol auch tagsüber sehr zugeneigt! Dafür höre ich dann abends auf und lese lieber ein gutes Buch.

Gerk: Aber man muss dann offenbar wissen, was passt und wie viel. Da fängt die Schule schon an?

Ehmer: Ja, es darf natürlich nicht zu stark sein. Der Bizzy Izzy Highball, der wird mit Soda aufgefüllt, das ist eine ganz kleine Portion Whisky, die sich darin verbirgt.

Alkohol als Kulturgut

Gerk: Früher hat man ja auch dem Briefträger mal ein Schnäpschen eingegossen, so in den 60er-Jahren, und auf dem Bau wurde unheimlich viel getrunken, und heute ist das ja alles so ein bisschen verpönt. Wir haben es nüchterner, alles ist kontrolliert und auf Effizienz aus. War das auch ein Grund, warum Sie in Ihrer Bar, der Victoria Bar auf der Berliner Potsdamer Straße so eine Reihe eingeführt haben, die eine richtige Schule der Trunkenheit ist?

Ehmer: Das war tatsächlich so ein bisschen Wissensvermittlung, dass wir gefragt haben, was ist das überhaupt, was wir trinken, und vielleicht macht es mir Spaß, wenn ich mehr darüber weiß. Das ging tatsächlich 2003 los, da war diese Rubrik Alkohol und Wissen eigentlich noch gar nicht so weit entwickelt. Da waren wir so ein bisschen Mitpioniere, da mal nachzugucken, was das ist, und haben dann rausgefunden, dass Alkohol tatsächlich eigentlich mit zu den Kulturgütern gehören sollte.

Gerk: Und das ist ja auch zum Beispiel hier mit Literatur und Alkohol, gibt es ja einen ganz engen Zusammenhang. Da hätte man eine endlose Liste von alkoholabhängigen Dichtern, ob Hemingway, Fallada, die Fitzgeralds. Könnte man sagen, dass Alkohol auch buchstäblich was Geistreiches hat, also die Kreativität anregt?

Ehmer: Ich glaube schon. Also es trifft ja nicht nur die Literaten, sondern sämtliche Kreative in dem Sinne. Es sind ja auch Maler, Bildhauer, Musiker. Alle sind entweder abhängig oder affin. Also es gibt kaum abstinente Künstler aller Sparten, und ich glaube, das ist auch sehr interessant, sich das mal genauer anzugucken, worin liegt dieses Moment beim Alkohol, der sicherlich in irgendeiner Art und Weise befreit, beruhigt und auch einem die Möglichkeit gibt, vielleicht Visionen zu entwickeln, weil er uns gerade so fokussiert und all diese Einwände, Bedenken oder was man ansonsten auch noch tun müsste, all das wird ausgeblendet. Das ist ein positiver Gebrauch des Alkohols. Negativ haben wir natürlich genug Beispiele.

Gerk: Da gibt es ja auch genug, wenn man eben an die Fitzgeralds denkt, die da völlig abgestürzt sind, aber Sie erinnern zum Beispiel in Ihrem Buch auch an Humphrey Bogart und sagen da, der hat es richtig gemacht. Warum?

Ehmer: Vielleicht würde man ihn heute einen funktionierenden Alkoholiker nennen. Der hat einfach trotz eines – das darf man nicht verschweigen – immensen Alkoholkonsums hat der – das weiß auch kaum jemand –, über elf, zwölf Jahre hat der kleine und kleinste Rollen, vor allen Dingen am Theater, gespielt, bevor er sich langsam zu seinem Starruhm im Film aufgemacht hat. Also der war schon lange, lange, lange, bevor ihn die breite Masse kannte trinkend ein Schauspieler gewesen, hat sich hochgearbeitet zum Star und hat dann es letztendlich geschafft, trotz dieses hohen Konsums, in, ich glaube, 26 Jahren 82 Filme zu drehen, meistens in tragenden oder sogar Hauptrollen, und das ist ganz enorm. Darüber hinaus hat er dann Lauren Bacall geheiratet, eine der schönsten und sicherlich intellektuell auch interessantesten Frauen des Hollywoods der damaligen Zeit, und sie hatten zusammen zwei Kinder. Also das unterscheidet sich sehr stark von einer normalen Alkoholikerbiografie.

Und für die Frau eine Weinbrandbohne

Gerk: Das heißt, man muss da auch trotzdem im Gleichgewicht bleiben, selbst wenn man die Entgrenzung sucht, den Rausch. Sie haben ja auch ein sehr schönes Beispiel in Ihrem Buch, dass sogar Bukowski und Hemingway in den Schatten stellt, und das ist ein Russe, Wenedikt Jerofejew, den Sie als König der Alkoholliteratur bezeichnen. Was macht denn sein Poem, "Die Reise nach Petuschki" zu so einem Meisterwerk dieses Genres?

Ehmer: Es gibt ja viel, und die meisten, da ist Alkohol tatsächlich sehr tragisch, zu recht auch – das will ich überhaupt nicht abstreiten –, aber Jerofejew verbindet das. Also er verbindet die Tragik eines scheiternden Alkoholikers, weil der man fährt, ich glaube, 36 Stationen aus Moskau mit einem Vorortszug nach Petuschki und aus Versehen auch wieder zurück, weil er es nicht begreift, und das ist tatsächlich mit einem völlig dadaistischen Witz, einer beißenden Kritik des Sozialismus, geknüpft und natürlich den üblichen Irrungen und Wirrungen eines sich zunehmend vernebelnden Hirns.

Gerk: Sie haben ja ohnehin ganz tolle Beispiele, also aus der Kulturgeschichte des Alkohols. Zum Beispiel gleich im ersten Kapitel, da geht es um den Weinbrand und die Weinbrandbohne oder Praline, die ja erfunden wurde, habe ich bei Ihnen gelesen, damit auch die Frauen wenigstens Alkohol unbehelligt zu sich nehmen konnten. Ist das überhaupt was, was ein Unterschied ist, ob Frauen oder Männer trinken?

Ehmer: Also heutzutage ist es tatsächlich so, dass Frauen eher klarere Spirituosen bevorzugen, also Wodka oder Gin, und Männer vermehrt Whisky, Brandy, Cognac, diese Geschichten, aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Also ich würde das auch überhaupt nicht mehr so stehenlassen für die Jetztzeit.

Gerk: Aber das Beispiel mit den Weinbrandbohnen zeigt ja auch ganz schön, dass der Alkohol sich selbst in so Verbotszonen und Zeiten immer seinen Weg noch gebahnt hat. Er ist ja da resistent gegen das Verbieten.

Ehmer: Damit sind wir fast bei der Prohibition, oder?

Gerk: Genau.

Ehmer: Also die Prohibition ist von den Frauen tatsächlich vorangebracht worden, initiiert worden, und da beginnt das Paradox, weil während der Prohibition tatsächlich die Frauen selber einen viel stärkeren Zugang zum Alkohol hatten als davor, weil vorher waren Frauen – deswegen auch die Weinbrandbohne –, Frauen sollten in der Öffentlichkeit keinen Alkohol trinken, das war verpönt. Frauen, die das taten, hatten einen zweifelhaften Ruf. Erst mit der Prohibition entstanden diese Speakeasys, wo die Trennung von Männer gehen in den Saloon, Frauen bleiben zu Hause, Männer bleiben im Saloon mit dem Alkohol unter sich, während Frauen keinen kriegen, die wurde aufgehoben. In diesen Speakeasys war alles möglich. Die waren voll mit Frauen. Während der Prohibition entwickelte sich auch ein ganz neuer Typ von Frau. Das war in Amerika der Flapper oder die Flapperin, müsste man eigentlich sagen. Das waren junge Frauen, die sich nicht mehr vorschreiben ließen, was sie hatten, und erwiesenermaßen haben die Frauen nicht nur Alkohol getrunken, sondern das war auch das Jahrzehnt, etwas erweitert, in dem die Männer die weibliche Klitoris entdeckten und es auch zum Beispiel Sexualität sehr viel mehr Spaß gab als jemals vorher.

Der Wodka und die Wiedervereinigung

Gerk: Also der Alkohol, das lernt man in Ihrem Buch, finde ich, auf sehr schöne elegant Art, hängt immer ganz eng mit gesellschaftlichen Entwicklungen, auch mit Politik einfach zusammen. Da haben Sie wunderbare Beispiele. Haben Sie da so ein Lieblingsbeispiel, was Sie uns mal noch erzählen können, wer da wen bei irgendwelchen diplomatischen Verhandlungen unter den Tisch getrunken hat oder so?

Ehmer: Wer ein berühmter Trinker gewesen ist und dieser Stadt Berlin große Dienste erwiesen hat ist Willy Brandt, regierender Bürgermeister, nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Kalten Krieg, der natürlich für dieses abgeschnittene gebeutelte Westberlin dringend darauf angewiesen war, mit den Russen einfach Beziehungen aufzunehmen, und er tat das, das war ein großes Aufsehen um diese erste Begegnung. Der russische Botschafter hatte Brandt eingeladen, Brandt hatte akzeptiert, und sämtliche Geheimdienste waren in Aufruhr. Man wusste nicht, kommt der Mann jemals wieder zurück, was passiert überhaupt. Man traf sich mit dem Feind. Brandt tat das, er hat sich, wie die Memoiren seiner Frau Ruth ergeben haben, vorher mit einer Dose Ölsardinen gestärkt, weil er ahnte, dass bei den Russen etwas Alkohol auf ihn zukommen würde, hat dann auch brav das Essen über dem Wodka zugesprochen, hat da nicht Form und Fassung verloren, blieb bei seinem, offerierte dann selber nach dem Essen Cognac – er war ein Asbach-Fan –, und er trank sich buchstäblich die erste Annäherung, die dann irgendwann, viele, viele Jahrzehnte später in der Wiedervereinigung endete.

Gerk: Also da sind ganz tolle Geschichten in Ihrem Buch. Da könnten wir jetzt noch ganz viele erzählen. Am Ende des Buchs – ich habe es ja schon gesagt – finden sich auch viele Rezepte, dass man das auch mal so nachschütteln und shaken kann. Das reicht von Alfonso bis Zombie. Wissen Sie, warum die Cocktails eigentlich alle so fantasievolle Namen haben?

Ehmer: Teilweise ist das in ihrer Entstehung begründet. Der Margarita zum Beispiel ist nach der Tänzerin Margarita de Rosa benannt worden von einem sie verehrenden Barkeeper. Es hat ihm leider nichts genützt, sie wollte nichts von ihm wissen, und er ist noch nicht mal durch diesen weltbekannten Drink zu einigem Reichtum oder Ruhm gekommen. Er hörte auf als Barkeeper, emigrierte aus Mexiko in die USA und wurde dort Milchmann.

Gerk: Haben Sie denn einen Lieblingsdrink?

Ehmer: Ja, ich habe ganz eindeutig einen Lieblingsdrink: Das ist ein alter Cocktail, der heißt Rose, und das ist eine etwas ungewöhnliche Mischung aus Kirschwasser, einen Tropfen Angostura und einem halben Teelöffel Himbeersirup, und der hat eine wahnsinnig schöne Farbe, das ist so ein Art-déco-Rosa und ist so die Übersetzung eines Duftes, der Rose, in einen Drink.

Gerk: Klingt wunderbar, kriegt man bestimmt bei Ihnen in der Victoria Bar, nehme ich an.

Ehmer: Ja!

Gerk: Ich komme mal vorbei, Kerstin Ehmer! Vielen Dank, dass Sie hier waren!

Ehmer: Ich danke Ihnen!

Gerk: Das Buch von Kerstin Ehmer und Beate Hintermann ist unter dem Titel "Die Schule der Trunkenheit" mit Illustrationen von Angela Dwyer im Verbrecher-Verlag erschienen, 282 Seiten kosten 24 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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