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Tonart | Beitrag vom 13.04.2016

Keren Anns Album "You're gonna get love"Die Poesie der Elternzeit

Von Fanny Tanck

Keren Ann spielt ein Konzert in Rochelle (AFP)
"Das Mysterium, das größer wird, je länger man sich kennt", sagt die Musikerin Keren Ann. (AFP)

"Du wirst Liebe bekommen" verspricht der Titel von Keren Anns neuem Album "You're gonna get love". Dabei geht es der Musikerin nicht nur um Paar-, sondern auch um familiäre Beziehungen. Die Grundstimmung der Platte ist gewohnt melancholisch.

Jede Platte ist ein Kapitel für sich, ein biografischer Schnipsel, ein in Musik gegossener Lebensabschnitt. Jedenfalls sieht die Musikerin Keren Ann das so. Für sie sind Alben der Status quo eines Künstlers zu einer bestimmten Zeit, ein Abbild dessen, was sie gerade bewegt und umtreibt. Das gilt auch für ihr neuestes Werk "You're Gonna Get Love".

"Der Titel 'You're Gonna Get Love' ist vielschichtig, weil er die Komplexität einer Beziehung beschreibt. Das Mysterium, das größer wird, je länger man sich kennt. Dinge, die man nicht voneinander wusste, werden mehr. Trotzdem bleibt das, was unter'm Strich steht, das, was man wirklich immer vom anderen bekommen sollte: die Liebe."

Liebe. Kein leichtes Thema, um darüber zu schreiben. Dafür ein endloses. Zumindest, wenn man den Begriff so weit fasst wie Keren Ann. Nicht die eine, große, dramatische Liebe steht bei ihr im Vordergrund, sondern die Liebe in all ihren Konstellationen.

"Die Platte hat viel mit Beziehungen zu tun. Das schließt jede Art von Beziehung ein. Paarbeziehungen, aber auch familiäre, die Mutter-Kind-Beziehung, vergangene Beziehungen und was ich daraus gelernt habe, Dinge, die ich erst mit der Zeit akzeptieren konnte, Erinnerungen, die es zu verdauen galt, auch solche Beziehungen, die nie stattgefunden haben, spielen eine Rolle."

Die Liebe als Prozess

Wie es um Keren Anns eigenes Liebesleben bestellt ist, kann man nur erahnen. In ihren Songs gibt sie sich mehrdeutig. In manchen von ihnen erzählt sie als Ich, in anderen wechselt und verschiebt sie die Perspektiven. Tenor ist stets das Prozesshafte. Die kleinen Veränderungen im Umgang miteinander, wenn sich zwei Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg kennen und: lieben lernen.

Alle Stücke auf "You're Gonna Get Love" haben einen autobiografischen Ursprung, jedoch kopieren sie nicht einfach Keren Anns Seelenleben. Als Komponistin durchdringt sie Emotionen, indem sie das scheinbar Profane daran mithilfe von Wort und Ton poetisiert. Persönliche Gedanken und Gefühle werden so in universelle, ästhetische Erfahrungen verwandelt. 

"Und ich glaube, wenn man ins Studio geht, um all das zu produzieren, passiert etwas Ähnliches wie beim Malen oder Zeichnen. Der Art, wie man verschiedene Instrumente und Frequenzen zusammenführt, liegt die Suche nach einem Gleichgewicht zugrunde: aus Farbe, Wärme, Schatten und Licht."

Melancholie als Rückzugsort

Aus diesem Grund wurden Teile der Songs live eingespielt. Keren Ann wollte auch atmosphärisch die Intensität jener Momente einfangen, in denen sich etwas bisher Abstraktes, Vorgestelltes, die Idee in ihrem Kopf zum allerersten Mal materialisiert. Die Grundstimmung der Platte ist gewohnt melancholisch. 

Mit Melancholie wird man geboren, meint Keren Ann. Man trägt sie in sich oder eben nicht. Wobei sie betont, dass Melancholie für sie durchaus etwas Angenehmes ist. Ein imaginärer Rückzugsort für Seele und Geist. Auch praktisch gesehen, lebt die Musikerin neuerdings zurückgezogener. Von ihrer Existenz als Globetrotterin und Pendlerin zwischen New York und Paris hat sie Abstand genommen. 

Pariserin und Brooklyn-Mama

"Wenn ich instinktiv sagen müsste, was ich bin, würde ich sagen: Pariserin. Im guten wie im schlechten Sinne. Das Gute ist der Lebensstil, die Essgewohnheiten, die Art, wie man seinen Tag organisiert, wie man in Frankreich mit Kultur umgeht. Was meine Tochter betrifft, bin ich dagegen eher eine Brooklyn-Mama. Ich meine, ich lasse meine Tochter schon auch mal Junk Food probieren, aber wenn ich koche, und das tue ich fast täglich, will ich ihr schon etwas Besseres bieten, zumindest sowas Leckeres, Gesundes wie Gemüse aus dem Garten."

Natürlich: denn das Versprechen "Your Gonna Get Love", du wirst Liebe bekommen, muss eingelöst werden, auf allen sinnlichen Ebenen. Nicht als Einbahnstraße, sondern in Gegenseitigkeit. Der Titel "You're Gonna Get Love" ist somit in erster Linie eine Feststellung. Er ist die in einem Satz und elf Songs geäußerte Vergewisserung, dass dort, wo einmal Liebe war, auch Liebe wiederkommt. Wer Liebe sät, wird Liebe ernten. Letztlich darf sich davon jeder angesprochen fühlen: WIR werden Liebe bekommen.

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