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Lesart | Beitrag vom 06.11.2018

Kent Nerburn: "Nicht Wolf nicht Hund"Respektvoll lernen von den Anderen

Von Günther Wessel

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Cover von Kent Nerburn "Nicht Wolf nicht Hund", im Hintergrund sind Lakota-Indianerinnen zu sehen (C.H. Beck/EPA/Mike Nelson/Collage: DLF Kultur)
Viele Indianer sehen sich nicht als arme Opfer und wünschen sich keine Sozialarbeiter, sondern nur Möglichkeiten, ihre Kultur in Würde zu leben. (C.H. Beck/EPA/Mike Nelson/Collage: DLF Kultur)

Nicht Wolf, nicht Hund – so nannte Sitting Bull die Indianer, die bei den Weißen lebten. Der Ethnologe und Reporter Ken Nerburn traf zwei von ihnen in einem Reservat - und näherte sich ihrem Denken auf einem gemeinsamen Roadtrip.

Der Ethnologe Kent Nerburn trifft eines Tage in einem Reservat von Lakota-Indianern den knapp 80-jährigen Dan. Dieser bietet ihm seine unsortierten Aufzeichnungen an – Nerburn soll daraus ein Buch verfassen. Mit Mühe schreibt er ein erstes Kapitel. Dan gefällt es, nicht aber dessen etwas jüngerem Freund Grover. Auf ihn wirkt es wenig authentisch, eher gekünstelt, dem Klischee vom weisen alten Indianer entsprechend. Die Realität sei jedoch anders.

Nerburn lernt seine Lektion: Genau hinsehen, alles aufschreiben, nicht nur das, was den eigenen Vorstellungen entspricht. Und zwar auf einem Roadtrip durch den Mittleren Westen, zu dem die beiden Alten ihn entführen. Sie passieren auf endlosen Highways und Graspisten grandiose Steppen, Gebirge und Weidelandschaften.

Nerburn dringt tief in das Denken der Indianer ein

Das Wesentliche sind aber die Gespräche, die sie führen. Immer tiefer dringt Nerburn in das Denken der Indianer ein: Er lernt, dass diese kein Verhältnis zu ihrem Land haben, da sie das nicht als das Eigentum begreifen, dass sie generell Dinge nutzen, aber nicht besitzen und zwar so lange wie sie sie irgendwie noch brauchen können – was Dan als Rechtfertigung für die Autowracks und Zivilisationsmüll in den vielen Reservaten sieht – eine Ansicht, die der penible Grover überhaupt nicht teilt.

Nerburn spürt, dass viele Indianer sich nicht als arme Opfer sehen und keine Sozialarbeiter wünschen, sondern nur Möglichkeiten, ihre Kultur in Würde zu leben, und erfährt ihre intensive Spiritualität und ihre innige Verbundenheit mit der Schöpfung.

Wohlmeinende Weiße mit mangelnder Spiritualität

Er lernt ihren Zorn zu verstehen, wenn wohlmeinende Weiße sich mit indianischem Schmuck behängen und von Kultstätte zu Kultstätte reisen. Denn selbst diese besitzen eine feste Überzeugung davon, wie Indianer zu sein haben. Und eignen sich ohne nachzudenken, Teile der indianischen Kultur an. Als Folklore oder weil es ihn an eigener Spiritualität mangelt.

Kent Nerburn: Nicht Wolf nicht Hund. Auf vergessenen Pfaden mit einem alten Indianer
Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff
Mit einem Vorwort von Robert Plant
Beck Verlag, München 2018
352 Seiten, 24 Euro

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