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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.04.2014

KeniaSelbstverliebte Hanswurste

Meja Mwangi: "Rafiki"

Von Dina Netz

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Kinder stehen vor zwei Gebäuden im Slumviertel Korogocho in Nairobi, Kenia, welches direkt an die Mülldeponie Dandora grenzt. (picture alliance / dpa / Eva Krafczyk)
Slum in Nairobi: "Jedermann lügt, betrügt und besticht nach Kräften, kümmert sich ausschließlich um das eigene Wohl." (picture alliance / dpa / Eva Krafczyk)

Die kenianischen Männer kommen in "Rafiki" nicht gut weg. Zwar ist der Glücksritter-Roman von Meja Mwangi, einem der wichtigsten Schriftsteller des Landes, mit viel Humor geschrieben. Wirklich ändern können die korrupte Gesellschaft in Kenia aber wohl nur die Frauen und Kinder - so die Botschaft.

Rafiki bedeutet "Freund", und die Hauptfigur in Meja Mwangis gleichnamigem Roman ist tatsächlich ein freundlicher Mensch: Ein Musiker, der zur Gitarre singend durch die Straßen der zentralkenianischen Stadt Nanyuki zieht, den alle kennen und schätzen. Leider verdient er damit nichts, weshalb ihm seine Frau Sweettea ein Ultimatum stellt: Besorg das Geld für das Studium deiner Tochter, sonst bin ich weg!

Aus Verzweiflung überfällt Rafiki das Geschäft der indischen Brüder Patel, die Elektrogeräte und Hausrat auf Raten verkaufen. Dummerweise ist ihre Kasse ebenso leer wie seine Taschen und das nicht erst seit gestern. In Nanyuki zahlt schon lange niemand mehr Kredite ab, gemäß dem Wahlspruch der Bewohner: "Unsere Ansprüche waren größere als unsere Möglichkeiten, und wir waren stolz darauf."

Lauter tragikomische Figuren

In seiner Not verfällt Rafiki auf eine Geschäftsidee: Er will die Raten eintreiben oder die unbezahlten Geräte zurückholen, um den geprellten Indern zu ihrem Recht zu verhelfen und die Moral in der Stadt wiederherzustellen. Er begibt sich auf eine Odyssee durch Nanyuki, auf der er lauter tragikomische Figuren trifft, meist Männer, die ein bisschen wie Jeff Bridges oder George Clooney in den Filmen der Coen-Brüder wirken.

Der Fahrer des Mopedtaxis, der eigentlich Gouverneur werden will, die Jungs aus den harten Vierteln, die nichts können als kiffen und prügeln – sie alle sind Versager, selbstverliebte Hanswurste. Allerdings beschreibt Mwangi sie in so vielen Wiederholungen, dass der Roman durchaus ein paar Kürzungen vertragen hätte.

Nur mit Lachen zu ertragen

Die Situation in Kenia ist so aussichtslos, dass sie nur noch zu ertragen ist, wenn man darüber lacht. Das scheinen einige kenianische Autoren seit Jahren zu denken – das Opus summum des berühmten Ngũgĩ wa Thiong'o etwa, "Der Herr der Krähen", ist eine beißende Politsatire über die diktatorische "Freie Republik Aburĩria", in der unschwer Kenia zu erkennen ist.

Meja Mwangi, 1948 geboren und einer der bekanntesten Schriftsteller seines Landes, hat mit "Rafiki" eine weniger scharfe, eher amüsante, gelungene Groteske verfasst. In einer direkten, dialogischen Sprache und mal handlungsreichen, mal alltagsphilosophischen Episoden schildert er eine Männerwelt, die sich längst überlebt hat und sich krampfhaft an ihren letzten Besitz klammert: den Stolz.

Mwangis Lachen über seinen Ritter von der traurigen Gestalt und die Parade der von ihm aufgesuchten Galgenvögel ist kein fröhliches, es entspringt dem Galgenhumor.

Hintergrund ist ein verarmtes und korruptes Kenia

Denn Rafikis tragikomischer Kreuzzug spielt sich ab vor dem tiefernsten Hintergrund eines verarmten und korrupten Kenias: Jedermann lügt, betrügt und besticht nach Kräften, kümmert sich ausschließlich um das eigene Wohl und um den Inhalt der eigenen Brieftasche, sofern er überhaupt eine solche besitzt. Wenn es denn Hoffnung für Kenia gibt, so die Botschaft von "Rafiki", dann wird sie von den Frauen und Kindern ausgehen.

 

Meja Mwangi: Rafiki, Roman
Aus dem Englischen von Thomas Brückner
Peter Hammer, Wuppertal 2014
326 Seiten, 22 Euro

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